Debatte Verbot für Ego-Shooter?

Nach dem Massaker von Erfurt werden Rufe laut, Gewalt in Medien zu zensieren und Ego-Shooter-Spiele zu verbieten. Erstmals könnte es dazu kommen, dass diese nicht ungehört verhallen.

Es gibt Wiedergänger, Geschichten, die sich wiederholen. Gesellschaftliche Debatten, etwa wie die um die Zensur gewalthaltiger Medieninhalte - und insbesondere die Diskussion darüber, ob und in welchem Maße die so genannten Ego-Shooter, extrem gewalttätige Computerspiele, zu echter Gewalt führen.

Vor drei Jahren war das so, nach dem Mord von Meißen. Wie auch jetzt, wenige Tage nach dem katastrophalen Massaker von Erfurt.

Das Muster ist immer gleich: Auf den Schock folgen die Botschaften der Betroffenheit, darauf die Forderungen nach Maßnahmen - und irgendwann dann erst die ernsthafte Frage nach den Ursachen.

Im Falle der Schultragödie von Erfurt hat die Politik diese so präventiv wie schnell ausgemacht: CSU-Kanzlerkandiat Edmund Stoiber fordert lautstark ein Verbot von "Killerspielen am Computer". Stoiber wörtlich in einem Interview mit der "Welt am Sonntag": "Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine größere Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt."

Allgemeiner fasst das SPD-Generalsekretär Franz Müntefering, der sich Verbote von Gewaltdarstellungen "in den Medien" vorstellen kann.

Das können in den Tagen nach dem wohl schlimmsten Massenmord in der bundesrepublikanischen Geschichte Politiker quer durch alle Parteien. Es wirkt ja auch gut, jetzt nach harten Maßnahmen zu rufen: Endlich, so wirkt das, wird dringend Notwendiges unternommen, das offenbar bis dahin unterblieben war. In einer Zeit, in der die Nerven blank liegen und die Wut langsam wächst, braucht man Schuldige. Der Täter ist zwar tot, aber jung war er auch - und pflegte anrüchige Hobbys. Liegt hier nicht die Schuld? Hätte man das Massaker verhindern können, wenn man die Hobbys verhindert hätte?

Die Pumpgun: Ein Sportgerät?

Ein "Waffennarr" war Robert Steinhäuser - Grund genug, den Zugang zu Waffen zu erschweren? Ja sicher, sagt Innenminister Otto Schily, aber bitte nicht zu sehr: Aus dem Besitz illegaler Waffen etwa sollte man keinen Straftatbestand konstruieren, weil das nichts bringe. Stattdessen könne und solle man vielleicht das Alter, in dem man legal Waffen halten dürfe, von 18 auf 21 Jahre anheben. Da seien junge Menschen dann schon "gefestigter".

Das klingt ähnlich hilflos wie die Konsequenzen, die die amerikanische Politik aus dem Schulmassaker von Littleton zog: Die Diskussion in den Vereinigten Staaten kumulierte in der Forderung nach einem Verbot für den Erwerb halbautomatischer Waffen durch Jugendliche. Frei nach dem Motto: Ballern ja, aber bitte langsam. Eine Farce, die von der US-Waffenlobby lautstark verhöhnt wurde.

Auch die deutsche Schützenlobby, Sammelpool nicht zuletzt für den einflussreichen besitzenden Mittelstand, werden Schilys pragmatische Ansichten erfreuen: Die "Brüder" sind doch stets auf der Seite von Law and Order und - im Gegensatz zu abgedrehten Attentätern, die sich allenfalls versehentlich dorthin verirren - einzig und allein am "sportlichen Schuss" interessiert.

Dass eben jener Attentäter von Erfurt ein Schütze war und - legal! - eine "sportliche" Pumpgun sein Eigen nennen durfte, ist da nicht mehr als ein Unfall des Systems: Die Kriterien zur Erlangung des Waffenscheins prüfe schließlich das Ordnungsamt, das aber über die Erfüllung eben jener Kriterien nur einen ebenso lückenhaften Überblick habe wie die Schützenbrüder. Ob etwa der spätere Mörder das Kriterium der Teilnahme an genügend vielen Wettkämpfen hätte nachweisen können, das hätte auch der Verein nicht hinreichend prüfen können: Vielleicht hatte er ja woanders geschossen, und nicht in Erfurt?

Gewaltmedien wichtiger als Waffen?

Für eine kurze Zeit ergeben sich daraus peinliche Fragen für die gesellschaftlich so fest verankerte Schützenlobby. Doch das geht vorbei.

Denn in Robert Steinhäusers Zimmer fanden sich auch Filme und Spiele der Igitt-Klasse. Wer widerspricht schon, wenn man etwa Ballerorgien vom Schlage "Quake" oder "Counter Strike" verbieten will?

Allenfalls natürlich die, die so was gerne spielen, gerne sehen. Humbug sei das alles, Mensch doch keine Maschine: Nur weil man bei "Counter Strike" kille, was das Zeug hält, gehe man doch nicht auf die Straße und entfessele ein Massaker.

Wohl wahr, denn dann wäre die westliche Welt wohl längst ohne Wohnbevölkerung.

Millionen von Kids, Hundertausende allein in Deutschland, halten die Adrenalin-Fabrik Ego-Shooter für einen fulminanten Freizeitspaß. "Sport" sei das, nicht Dekadenz: Teamfähigkeit und gute Reaktionen seien das A und O gerade in Netzwerk-Spielen, dazu sei auch strategisches Denken alles andere als unwichtig.

So argumentieren Ego-Shooter-Fans und zeigen damit, wie sie ihre Spiele wahrnehmen. Dass gerade diese zusätzlichen, "kalten" Qualitäten der Ballerorgien der Öffentlichkeit eher Angst machen, nehmen sie nicht wahr: Was droht als Nächstes? Strategisch denkende, teamfähige Killerbanden?

Kippt der wissenschaftliche Konsens? Der bisher übliche "Freispruch" für die Medien wackelt: Bisher galten immer soziale Faktoren als wichtiger als der Einfluss gewalthaltiger Medien. Doch sind die inzwischen nicht selbst zu einem übermächtigen "sozialen Faktor" geworden? Ja, sagen immer mehr Experten und Politiker - und die könnten sich im Wahlkampf zu drastischen Maßnahmen bereit zeigen. Weiter...

Medienwirkungsforscher halten Ego-Shooter nicht für Ursachen, sondern allenfalls für Auslöser mörderischer Gewalt - so lautete bisher der wissenschaftliche Konsens. Die These: Jemand, der eine "Gewaltdisposition" mitbringe, könne sich durchaus von solchen Medieninhalten angeregt fühlen, nachahmend zum Täter zu werden.

Zu gut Deutsch: Ego-Shooter und Gewaltvideos machen niemanden zum abgedrehten Attentäter. Wenn aber jemand diesen Schritt tut, dann "hilft" es schon, virtuelle Ballererfahrung zu haben.

Gegen solche Thesen protestieren die Ego-Shooter-Spieler gern vehement und mit großer Aggressivität. An den Tatsachen jedoch ist nichts zu drehen: Die Trainingseffekte der Ego-Shooter, bei denen teils im Sekundentakt getötet wird, nutzt nicht zuletzt das Militär immer öfter - angefangen vom ehemaligen US-Militär und späteren Politiker Alexander Haig, der sich schon Anfang der Achtziger auf die so perfekt "reaktionsgeschulte" neue Generation freute, bis hin zum Pentagon, das Ende der Neunziger ganz öffentlich eigene Trainings-Ego-Shooter in Auftrag gab.

Über den satt dotierten Auftrag freuen durfte sich im Übrigen die Entwicklerfirma ID: Die gilt als Creme der Szene und verantwortet "Kulturgüter" wie die Spiele Doom und Quake - bis dahin bevorzugtes virtuelles Stress- und Nahkampftraining der US-Militärs.

Doch ob und wie viel Verantwortung Medien für die Verrohung der Gesellschaft tragen, ist eine Wertediskussion, nicht nur eine wissenschaftliche.

"Ängstliche Weltbilder": Wie sehr verzerren Gewaltmedien die Wahrnehmung der Realität?

Mensch ist nicht Maschine, weder Video noch Spiel machen Kids zu Mördern. Darin waren sich die maßgeblichen Experten bisher einig.

Allerdings: Weltbild und Weltsicht gerade schwächerer Charaktere könnten solche Dinge durchaus aus dem Lot bringen. Die mediale Dauerberieselung mit brachialer Gewalt verändert die Sicht der Welt: Gewalt wird ganz selbstverständlich als "Lösungsmittel" für Konflikte vorgeführt.

Das meint auch der Schulpsychologe Berd Jötten: "Diese Simulationen bauen Gewaltkompetenz auf." Verbote etwa von Ego-Shootern hält er trotzdem für "Aktionismus": Das würde die Spiele nur interessanter machen.

Da hat er wohl recht: Schon jetzt stehen die richtig Heftigen unter den Ego-Shootern längst auf dem Index, dürfen nicht beworben werden. Das ist aber auch gar nicht nötig: Als schier unbezahlbare Werbung erweist sich immer wieder die Indizierung. Nur was "verboten" ist, hat den richtigen "Wumm", wissen Fans.

Für sie ist das Element der Gewalt ein "Kick" und die öffentliche Empörung darüber letztlich bigott: Filme wie "Die Hard", die weitgehend ohne Handlung auskommen, erfreuen sich schließlich auch einer größeren Beliebtheit als das neueste Werk von Wim Wenders.

Mit nicht zu unterschätzenden Effekten: Mensch (und Wähler) fühlt sich in der mit Gewalt durchsetzten Medienwelt bedrohter, als er eigentlich ist, wie die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel vor zwei Jahren in einem Interview erläuterte.

Deutschland ist und bleibt eigentlich einer der sichersten Orte, an denen man weltweit leben kann. Das Risiko, zum Opfer von Gewalttaten zu werden, sinkt seit Jahrzehnten - subjektiv wahrgenommen wird genau das Gegenteil. Nach Ereignissen wie in Erfurt steigt das Bedrohungsgefühl beim Wähler, was auf Seiten der Politik Aktionen provoziert. Die beängstigende Kehrseite der Medaille: Nach Ereignissen wie in Erfurt steigt für eine Zeit tatsächlich das Risiko von Nachahmungstaten - doch das hat weniger mit der Gewalthaltigkeit der Medien zu tun als mit den Berichten über die Gewalt in der realen Welt.

Die Tragödie ist einmalig, die Diskussion darüber nicht

Weil das so ist, ist zumindest die anlaufende Diskussion programmiert: Stoibers und Münteferings Forderungen sind Wiederholungen von solchen, die auch im Dezember 1999 gestellt wurden, als eine bis dahin beispiellose Welle der Gewalt gegen Lehrer in Deutschland losbrach. Von der Diskussion der Verschärfung von Waffengesetzen bis hin zu Appellen an die Medienindustrie, künftig auf Gewalt weitgehend zu verzichten, ähnelt die gerade angelaufene Debatte schon jetzt der, die auch in den USA durch das Littleton-Massaker vom 20. April 1999 losgetreten wurde.

Dort stellte sich der damalige Präsident Bill Clinton 1999 publikumswirksam an die Spitze einer Bewegung, die es binnen drei Monaten schaffte, Hollywood in den Beschluss einer künftigen Gewaltabstinenz zu pressen - in "freiwilliger Selbstkontrolle". Auf die Effekte wartet man noch heute vergeblich - auf der Leinwand wie auf der Straße.

In Deutschland steht nun noch Phase drei des üblichen Forderungskataloges aus: Erfahrungsgemäß kurz nachdem die "Zensurdebatte" beginnt, melden sich die Bildungspolitiker zu Wort, die nach der Einführung eines Schulfaches "Medienkompetenz" und mehr Wertevermittlung rufen. Das könnte zwar sicherlich nicht schaden, doch darüber war man sich auch schon Anfang der siebziger Jahre klar: So alt ist die Forderung, die öffentlich immer nur dann populär wird, wenn die Gesellschaft fassungs- und verständnislos vor den Opfern eines sinnlosen Gewaltexzesses steht.

Diesmal jedoch könnte das anders sein. Zu gut passt die Geschichte des grundfrustrierten Schulversagers Robert Steinhäuser in die Diskussion um eine angeblich zunehmend gewaltbereite Jugend mit klaffenden Lücken in Wertesystem und Bildung ("Pisa"). Innere Sicherheit und Bildung werden Wahlkampfthemen, und mit Glück erkennen die Akteure, dass Investitionen in Prävention mehr bringen als Überwachungskameras in Schulen. Die gab es auch in Littleton, was nichts verhinderte, aber den Behörden immerhin einen "Real Life"-Horrorfilm bescherte.

Prävention hingegen, da waren sich schon bisher alle Experten einig, ist hoch notwendig: Anfällig für schädigende Wirkungen gewalthaltiger Medienangebote seien "labile" Charaktere, nicht hinreichend gefestigt, oft zudem ungünstigen sozialen Einflüssen ausgesetzt. Die brauchten Orientierung, Rüstzeug für den Marsch durch die Welt der "Die Hard" und Ego-Shooter. Immer lauter werden zudem die Stimmen, die die Medien selbst zu einem übermächtigen (un-)sozialen Faktor erklären, dem so ziemlich jeder ausgesetzt sei.

All das ist kein akademisches Geschwätz oder politische Profilierungssucht im Kielwasser der Katastrophe. Die Diskussion um Medien-Gewaltverbote, Waffengesetze und Werte liegt wie ein nur dünner Teppich über der eigentlichen Angst: Wann kommen die Nachahmer?

Denn weit "inspirierender" als jeder Ego-Shooter, jedes Gewaltvideo ist das "Vorbild" des Robert Steinhäuser. Wie viele psychisch labile, innerlich kalte, hasserfüllte potenzielle Täter sitzen nun da draußen und denken sich, dass sie so "berühmt" auch gern einmal werden möchten?

Seit Jahren schon plädieren darum viele Medienwissenschaftler, abgedrehte Massenmörder in Berichten auch so zu nennen: Wenn man nicht mehr davon ausgehen könne, dass die (hier maßgebliche) Leserschaft über das Wertesystem verfüge, eine verabscheuungswürdige Tat als solche zu erkennen, dann müsse man die Dinge halt deutlichst beim Namen nennen - und die stets um "Objektivität" bemühte Sprache fahren lassen. Denn zumindest über ein Wirkungspotenzial der Medien macht sich niemand Illusionen:

Der stärkste Auslöser für Gewalttaten sind Berichte über Gewalttaten

Robert Steinhäuser "löste" seinen Konflikt mit Gewalt. Was ihn dazu gebracht hat, wird man vielleicht nie erfahren. Dass ihm die Welt von "Counter Strike" und Co. dabei möglicherweise Vorbild und "Rezept" war, wird man kaum widerlegen können. "Jemand, der auf einem Berg wohnt", sagt der angesehene Medienwissenschaftler Jo Groebel, der viel über Medien und Gewalt gearbeitet hat, "wird nie auf die Idee kommen, ein Boot zu bauen."

Möglich, aber hier geht es nicht um Boote, sondern um vielfachen Mord. Wenn jemand auf eine so inhumane Idee kommt, dann wäre es letztlich hilfreich, wenn er an eine "Wumme" nur virtuell herankäme.

Natürlich sind Ego-Shooter Trash, Schund. Natürlich haben die Filme von Lundgren und Co. nichts mit Kultur zu tun. Ob so etwas sein muss und darf, darüber kann man streiten. Dass aber ein Jugendlicher losgehen kann, um sich eine Pumpgun zu kaufen, nur weil er "mehr als ein Jahr" in einem Schützenverein war, das ist ein unglaublich bitterer Witz. Gemordet hat Steinhäuser allerdings mit seiner Pistole. Die Pumpgun hing als martialische Dekoration an seiner Schulter.

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