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12. März 2012, 10:02 Uhr

Deichkind zum Gema-Streit

"Ihr seid Evolutionsbremsen"

Der Band Deichkind wurde ein Video auf YouTube gesperrt - nun ärgern sich die Musiker auf Facebook über "Plattenfirma, YouTube oder Gema". Machtlos sind sie nicht: Die Bandmitglieder müssen ihre Autorenrechte nicht von der Gema verwerten lassen.

YouTube-Nutzer sind genervt, Plattenfirmen sind sauer, Musiker sowieso: Weil sich Gema und Google nicht auf fällige Lizenzbeträge einigen können, sind viele Musikclips für deutsche Internetnutzer gesperrt. So auch "Leider geil", ein Lied der Band Deichkind. Die regt sich nun auf der eigenen Facebook-Seite mächtig auf:

"Sooo, 'Leider geil' ist jetzt auch gesperrt. Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür verantwortlich ist. Wir wollen, dass unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig."

Die kurze Mitteilung vom Freitagnachmittag trat eine Kommentarlawine los, bis Montagvormittag waren knapp 1300 Beiträge und über 25.000 Likes aufgelaufen. Der Clip wurde offenbar zwischenzeitlich wieder freigeschaltet. Die Band Deichkind, die einen Großteil ihres Geldes mit Live-Shows verdient, rühmt in ihrem aktuellen Lied "Illegale Fans" illegale Musik-Downloads.

Was Deichkind in dem Facebook-Eintrag nicht sagt: Die Komponisten eines Songs und die Autoren des Textes sind nicht gezwungen, sich von der Gema vertreten zu lassen oder ihre Autorenrechte an einen Musikverlag oder eine Plattenfirma abzugeben, die wiederum einen Vertrag mit der Gema hat. Die Gema-Datenbank führt als Komponisten und Textdichter von "Leider geil" auch die Deichkind-Bandmitglieder Sebastian Dürre und Philipp Grütering auf. Die Rechte werten zwei Musikverlage aus, die Deichkind-Edition und ein zur Warner-Gruppe gehörendes Unternehmen. Mit diesen Firmen müssen die Komponisten und Texter irgendwann einen Vertrag geschlossen haben - ganz unbeteiligt sind die Deichkind-Bandmitglieder also nicht, so sehr sie sich nun beschweren.

Universal, das Label, bei dem das aktuelle Deichkind-Album erschienen ist, hatte sich schon im letzten Jahr in SPIEGEL ONLINE gegen Clip-Sperrungen bei YouTube gewandt: "Man darf sich die Frage stellen, warum eine Einigung zwischen Verwertungsgesellschaften und YouTube in vielen Musikmärkten möglich ist, nicht aber in Deutschland, dem wichtigsten Markt Europas", so Frank Briegmann, Deutschland-Chef von Universal Music. Der Deutschland-Chef von Sony Music, Edgar Berger, assistierte: "Einige (Gema-)Mitglieder scheinen noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen zu sein".

Der ewige Streit um Lizenzen und Gebühren führte die Kontrahenten letzthin sogar vor Gericht. Dort trafen sich beim Landgericht Hamburg Mitte Februar Vertreter von YouTube und der Gema, um zu klären, ob YouTube hochgeladene Videos womöglich vorab auf Gema-Rechte prüfen muss . Das Landgericht Hamburg wird voraussichtlich am 20. April entscheiden.

meu/ore/lis

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