Neue »Herr der Ringe«-Serie Amazon hält Nutzerbewertungen zurück

Was taugt eigentlich die teuerste Serie der TV-Geschichte? Amazons Nutzerbewertungen haben dazu am Wochenende nichts verraten. Dahinter steckt eine Grundsatzentscheidung des Konzerns.
Szene aus »Die Ringe der Macht«: Die Serie ist in Deutschland seit Freitagmorgen abrufbar

Szene aus »Die Ringe der Macht«: Die Serie ist in Deutschland seit Freitagmorgen abrufbar

Foto: Matt Grace / dpa

Auf Amazon lässt sich so ziemlich alles bewerten, vom Schweizer Taschenmesser mit 141 Funktionen bis zu einem lebensgroßen Plastiknashorn. Doch einem prominent beworbenen Produkt fehlten am Montagmorgen noch die Nutzerkritiken: »Es gibt 0 Kundenrezensionen und 0 Kundenbewertungen«, heißt es zu »Die Ringe der Macht« , einer 465 Millionen Dollar teuren Amazon-Serie, die am Freitag mit viel Bohei gestartet war – und die direkt am ersten Tag weltweit 25 Millionen Mal abgerufen wurde.

Eine Erklärung dafür, warum die Serie so viele Zuschauer, aber bislang keinerlei öffentlich einsehbaren Bewertungen gesammelt hat, liefert »Variety« . Dem US-Magazin zufolge steckt dahinter eine Grundsatzentscheidung von Amazon, die bereits Mitte August umgesetzt wurde. Der Konzern veröffentlicht demnach seit jenem Zeitpunkt Rezensionen für Prime Video mit einer bewussten Verzögerung von 72 Stunden.

Seine Mitarbeiter sollen so mehr Zeit haben, die abgegebenen Bewertungen auf ihre Echtheit hin zu prüfen. Amazon bestätigte dem Magazin jenes neue Vorgehen. Theoretisch sollten die ersten Nutzerrezensionen also an diesem Montag bei Amazon lesbar sein (als dieser Artikel veröffentlicht wurde, war dies jedoch nicht der Fall).

»Variety« und anderen US-Medien zufolge will Amazon den vergleichsweise langen Prüfzeitraum nutzen, um Kommentare von Bots auszufiltern, ebenso aber vermeintlich witzige Troll-Postings und Kommentare, die in die Kategorie »Review Bombing« fallen . Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass Tausende Nutzer in mal mehr, mal weniger klar konzertierten Aktionen einen Film oder ein Videospiel unbesehen so schlecht wie möglich bewerten, weil sie mit bestimmten Entscheidungen seiner Macher unzufrieden sind.

Im Fall »Die Ringe der Macht« gibt es Internetnutzer, die sich lautstark darüber aufregen, dass der Cast diverser ist als in den »Der Herr der Ringe«-Filmen, die Anfang der 2000er-Jahre erschienen und dass zum Beispiel eine Zwergenfrau keinen Bart trägt.

Sicher auch eine Business-Entscheidung

Auf Metacritic.com , wo bereits viele Nutzerkritiken erschienen sind, stößt man derzeit auf solche Null-Punkte-Bewertungen: »Diese Serie ist kompletter »Woke«-Müll. Sie wurde nur gemacht, um Leuten das kommunistische System zu indoktrinieren, zu dem die Medien und die Unterhaltungsbranche das Land machen wollen.« Das ist der komplette Text der Rezension.

Bei Metacritic.com hat »Die Ringe der Macht« aktuell einen »User Score« von 2,4 von maximal zehn Punkten. Eine Gesamtbewertung auf Basis von erfassten 37 Profi-Kritiken  spricht der Serie derweil immerhin 71 von maximal 100 Punkten zu – was allerdings angesichts des Produktionsbudgets kein allzu guter Wert ist. Bei IMDB  schneidet die Neuerscheinung mit 6,6 von 10 Punkten auch nur mittelmäßig ab – immerhin dieser Wert wird auf der Produktseite eingeblendet. Dort hat ein Drittel der Nutzer die höchstmögliche Bewertung gegeben, und knapp ein Viertel die niedrigste.

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Amazons neue Karenzzeit für Kritiken lässt sich in jedem Fall auch als Business-Entscheidung interpretieren. Gerade bei aufwendigen Eigenproduktionen besteht für den Konzern das Risiko, dass mittelmäßige Bewertungen einen Teil eigentlich interessierter Prime-Abonnenten davon abhalten, sich selbst ein Bild von dem neuen Inhalt zu machen. Für die Jagd nach Rekordabrufzahlen ist das natürlich wenig hilfreich. Laut dem Magazin »Deadline«  betrifft die Kritik-Prüfzeit auch nur Amazons Eigenproduktionen.

Erst sehen, dann bewerten

Um zu vermeiden, dass Prime-Video-Inhalte allzu leicht per »Review Bombing« attackiert oder einfach schnell schlecht bewertet werden können, hat das Unternehmen übrigens noch einen streitbaren Kniff in petto. Wer versucht, zum Beispiel die »Die Ringe der Macht« schon auf Basis des Eindrucks der ersten Minuten zu bewerten, bekommt eine Einblendung: »Schreibe eine Rezension nach dem Ansehen: Wir freuen uns über deine Rezensionen. Bitte kehre hierher zurück, wenn du das Video vollständig angesehen hast.«

Erste Einschätzungen des SPIEGEL zu der neuen »Der Herr der Ringe«-Serie finden Sie hier  und hier .

mbö
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