Der nächste Trend Kommerz mit Anti-Kommerz

Web-Werbung wird immer aufdringlicher. Schick ist dagegen, was googelig "werbefrei" daherkommt und wirklich Nutzwert bietet. Wie "MyWay" zum Beispiel, die auf eben diese Taktik setzen: Dahinter stecken Web-Werber, die mit "Anti-Kommerz" Reibach machen wollen.


Tugendhaft: My Way kommt einem ganz vertraut vor, obwohl es nagelneu ist - und zudem so gut wie werbefrei

Tugendhaft: My Way kommt einem ganz vertraut vor, obwohl es nagelneu ist - und zudem so gut wie werbefrei

Es musste so kommen. Das erste "werbefreie" Infoportal ist gestartet. E-Mails checken, Nachrichten lesen, Wetterberichte oder Börsenkurse abfragen - und das ganz ohne nervige Pop-ups, blinkende Banner, "Sky Scraper", seitenfüllende Flash-Reklame und Promo-E-Mails. Dennoch stehen alle Funktionen und personalisierbaren Features gratis zur Verfügung.

MyWay.com nennt sich die General-Interest-Web-Initiative, die mit dem Motto "No banners. No pop-ups. No kidding" in der Tat ihren ganz eigenen Weg gehen möchte. Schließlich seien "Ad-Free"-Portale das "next big thing" der Netzwelt, so Bill Daugherty, einer der Gründer der Site.

Vor allem entnervte Nutzer konventioneller Gratis-Portal-Anbieter, die längst die Nase voll haben von Online-Werbetricks, überladenen Startseiten und Junk-Mail-Bombardements, soll das Konzept anlocken. MyWay lässt daher an Reklame nur die immer populärer werdenden gesponserten Textlinks bei Suchanfragen zu, wie sie auch Google, der Lieferant der MyWay-Suchmaschinentechnologie, sowie Overture oder inzwischen auch CNN anbieten. Außerdem gelten Web-Nutzer ohne Breitbandanbindung als potenzielle Kundschaft für die schlanken MyWay.com-Seiten - immerhin surfen selbst im Internet-Mutterland USA vier von fünf Usern mit maximal 56 Kilobit pro Sekunde im Cyberspace.

Werbetrend: Weg von den Pop-ups

Der Launch eines "cleanen" Alternativ-Portals kommt alles andere als überraschend. Schließlich unterstreicht der MyWay-Start auch den Trend im Netz zu immer weniger Pop-up-Fenstern. So haben etwa bereits America Online, Ask Jeeves, iVillage, EarthLink, Infospace sowie der Microsoft-Dienst MSN angekündigt, Pop-ups von Dritten von ihren Seiten zu verbannen.

iWon: Der "Sündenfall" der MyWay-Macher

iWon: Der "Sündenfall" der MyWay-Macher

Um so verblüffender ist dagegen, wer die jüngst gestartete Infoportal-Antwort auf Google.com verantwortet: MyWay geht auf die Firma Bulldog Holdings zurück, die mit dem Glücksspiel-Portal Iwon.com als wahrer Meister der Online-Vermarktung gilt. Vor drei Jahren gestartet galt Iwon lange als eines der meist beworbenen und gleichzeitig aufdringlichsten Kommerz-Internet-Angebote überhaupt und führte als einer der ersten Anbieter interaktive Anzeigen ein, die sich über die komplette Seite legen - bei Iwon "iAttract" genannt.

Ende vergangenen Jahres hatten Iwon-Gründer Daugherty und Kompagnon Jonas Steinman zudem die Überbleibsel des einst hochfliegenden Pleitier-Portals Excite für zehn Millionen US-Dollar übernommen und arbeiten damit Eigenangaben zufolge seit 13 Monaten profitabel. Nicht zuletzt ist man keinesfalls zimperlich, was E-Marketingaktionen betrifft. So überflutet Bulldog unter dem Namen des tot geglaubten Netz-Pioniers auch regelmäßig die Inboxen von Nutzern des ursprünglichen Excite-Dienstes mit obskuren E-Mail-Offerten für Billig-Kameras, Kinderspielzeug oder unseriöse Millionen-Gewinnspiele - was der Glaubwürdigkeit von MyWay kaum dienlich sein kann.

Nichtsdestotrotz soll bei MyWay, das optisch und konzeptionell schwer an den Rivalen Yahoo und dessen "My Yahoo"-Dienst erinnert, nun alles ganz anders sein. Im Gegensatz zur Konkurrenz und den zwei eigenen Web-Angeboten Iwon und Excite verspricht MyWay in seinen Nutzerrichtlinien, weder persönliche Daten zu sammeln und weiterzuverkaufen, noch User nicht mit Junk-Mails zuzupflastern.

Wie lang hält die Herrlichkeit?

Die Frage stellt sich nur, wie lange das so bleibt. Bislang soll MyWay als Ableger von Iwon und Excite kostengünstig mitproduziert werden. Technologie und über 50 Content-Partnerschaften sind ja bereits über die Hauptportale vorhanden. Daher soll die Site den Gründern zufolge auch bereits in den ersten vier Wochen Profite abwerfen.

Sollte dies nicht gelingen, dürften die Online-Marketing-Profis im selben Haus ihre Werbe-Fühler wohl schnell auch nach den MyWay-Usern ausstrecken. Dafür lässt man sich schon mal zwei Hintertüren offen. Erstens: Sollte MyWay verkauft werden, gehen die Kundendaten an den Käufer über. Zweitens: Sollten die Privacy-Richtlinien "grundlegend" geändert werden, werden die Nutzer immerhin 30 Tage vorher informiert.

von Jochen A. Siegle, San Francisco



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