Der virtuelle Beichtstuhl Und wie quälen Sie ihren Computer?

Zwei Drittel aller Computernutzer, sagt eine aktuelle Studie, schreien ihren Computer mitunter an. Wenn das nicht hilft, greifen viele zu nackter Gewalt. Sie nicht?

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Aua: Sowas tut man aber nicht

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Mitte der Neunziger hatte ich - davon bin ich bis heute überzeugt - eine geniale Idee. Mir schwebte folgendes vor: Ein schlagempfindlicher Schalter, den man an einer Seite und oben auf einem Monitor anbringen könnte, und der - wenn man ihm nur einen genügend festen Hieb verpasste - die beliebte "Alt - Steuerung - Entfernen"-Tastenfunktion ausführen sollte. Sprich: Eine technische Lösung, um einen mal wieder hängen gebliebenen Rechner per Faustschlag dazu zu bewegen, neu zu starten.

Was hätten wir alle mit so einer Technik sparen können. Vor allem Zeit und Nerven, denn stattdessen verschwenden wir immer noch Arbeits- und Lebenszeit damit, auf unsere Rechner einzureden, sie zu beturteln, anzuschreien und - im Krisenfall - brutalstmöglich zu verprügeln.

Sie nicht?

Verdächtig: Von George W. Bush ist bekannt, dass er keine E-Mails mag
REUTERS

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Das wäre nicht normal. Das weiß auch die Soziologin Marleen Brinks, seit sie die 340 Fragebögen ausgewertet hat, die sie für ihre Magisterarbeit an der Fernuni Hagen an Menschen verteilte, die mindestens 30 Stunden pro Woche vor dem PC-Bildschirm sitzen. Wie so oft hatte die Sozialwissenschaftlerin schon mehr als nur so eine Ahnung, was bei ihrer Studie herauskommen würde: "Regelmäßig" hatte sie Kollegen in der IT-Abteilung eines Unternehmens dabei beobachtet, wie sie Monitore anbrüllten, sie lobten und bittend streichelten - aber ihnen auch kräftig eins überzogen, wenn die Mistdinger trotzdem nicht wollten.

Gewaltbereite Umfelder animierten die Täter zusätzlich, ihren Rechnern Gewalt anzutun. Begännen Einzelne damit, Rechner zu prügeln, käme es bald zu Nachahmungstaten. Das, fand Brinks heraus, geht hin bis hin zur mutwilligen Zerstörung von als Wurfgeschosse zweckentfremdeten Monitoren oder absichtlich fallen gelassenen Rechnern.

Solche Beispiele sind Aktenkundig. Im März 2003 machte etwa George Doughty weltweit Schlagzeilen, weil er seinen Laptop nach wiederholtem Absturz mit einer Schrotflinte erschoss. Natürlich wurde er verhaftet.

Gewalt gegen Computer, erkannten US-amerikanische Studien schon in den Neunzigern, ist ein dermaßen großes Problem, dass es dringend Lösungen bedarf. Psychologen an der Uni Maryland entwickelten daraufhin eine CD-Rom (und eine Webseite dazu), auf der man quasi stellvertretende Gewalttaten gegen IT-Equipment genießen kann. Ansonsten raten die US-Psychologen dazu, den Aggressionsstau materialschonend loszuwerden: Besser sei es, den Rechner laut anzubrüllen.

Denn ganz ohne geht es offenbar nicht. Menschen, weiß auch Marleen Brinks, bauen zu ihren digitalen Gegenübern ein durchaus emotionales Verhältnis auf. Das allerdings würde man, ginge es um zwischenmenschliche Beziehungen, oft als "belastet" bezeichnen.

So habe, fand Brinks heraus, fast jeder Dritte zumindest schon mal nach der Maus geschlagen. Immerhin 1,5 Prozent der Nutzer gaben zu, gleich den ganzen Monitor vom Tisch gefegt oder den PC absichtlich fallen gelassen zu haben. Zwei Drittel berichteten, ihrem Computer gegenüber gelegentlich laut zu werden. Die Auswertung der Fragebögen belege, dass viele Menschen ihren PC nicht als Maschine sehen, sondern als Wesen.

Ob die Studie nach den strengen Regeln der Demographie Repräsentativität beanspruchen kann, wird kaum jemand bezweifeln, der selbst mit Rechnern arbeitet.

Manchmal braucht es eben akademische Sammel- und Forschungswut, um Alltagswissen zu verifizieren: Ja, mitunter hassen wir unsere Rechenknechte. Zeit für den digitalen Beichtstuhl: Haben auch Sie sich schon an ihrem wehrlosen Rechner vergangen? Was war Ihre schlimmste Untat?

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