SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. August 2012, 06:31 Uhr

Design und Daten

Wikipedia soll schöner werden

Von

Dutzende Seiten und ein neues Logo: Eine Agentur hat dem Online-Lexikon Wikipedia ein komplett neues Aussehen verpasst. Die Vorschläge stoßen auf Begeisterung von Facebook-Fans. Die eingefleischten Wikipedianer sind eher skeptisch - sie haben ganz eigene Pläne.

Ein großes W, darunter prominent ein Suchfeld und eine Sprachauswahl: So minimalistisch wie die Google-Suche sieht die Wikipedia der Zukunft aus. Zumindest nach einem Entwurf der Agentur New!, die sich eine neue Markenidentität für das populäre Mitmach-Lexikon ausgedacht hat.

Das Ergebnis ihrer Arbeit haben die Designer ins Netz gestellt, unter "The Wikipedia Redefined" zeigen sie ihr neues Logo und aufgehübschte Seiten. "Wir waren nicht glücklich damit, wie die Wikipedia aussieht", sagt Andrius Kazlauskas von New!. "Wir mussten es besser machen. Es gibt so vieles zu verbessern." Und siehe da: Die Wikipedia könnte richtig gut aussehen, modern und aufgeräumt, einfach zu bedienen. Das bisherige Layout existiert seit acht Jahren und wurde nur leicht angepasst - das sieht man der Seite an. Mit ein paar Kniffen könnte aus der eher technisch aussehenden Wikipedia eine freundliche Seite werden, die zum Mitmachen einlädt.

Das ist dringend notwendig. Denn die Zahl der engagierten Wikipedia-Autoren ist von März bis Juli um 5000 zurückgegangen - eigentlich sollte sie um eben diese Zahl gesteigert werden. Jetzt sind es noch 85.000, Frauen machen weniger als zehn Prozent davon aus. Auch in Deutschland sinkt die Zahl der aktiven Wikipedianer. Wer einen neuen Artikel anlegen will, wird häufig von ausgefuchsten Relevanzkriterien erschlagen, im Zweifel werden Einträge lieber von Administratoren gelöscht. Da hilft selbst eine hübsche Seite nicht.

"Ganz sicherlich nicht"

Dass eine schöne Seite die legendär ruppige Kommunikation unter den Wikipedianern zum Guten beeinflussen kann, gilt aber als ausgemacht. "Auch im Bereich der Kommunikation der Mitarbeiter untereinander kann einiges durch das Design verbessert werden", sagt Pavel Richter von Wikimedia Deutschland. Doch gelte bei der Enzyklopädie die Regel, dass die Form der Funktion folge. Erst die Technik, dann der Mensch.

Eine wichtige Neuerung wird dann vor allem hinter den Kulissen zum Einsatz kommen: Unter dem Namen Wikidata wird eine Datenschnittstelle entwickelt, mit der zum Beispiel die Angabe einer Bevölkerungszahl in diversen verschiedenen Artikeln und allen Sprachversionen automatisch aktuell gehalten werden kann. Die grundlegende Arbeit an Wikidata wurde im April in Deutschland aufgenommen und soll ein Jahr dauern.

Tatsächlich bekommt die Wikipedia auch ein neues Design - allerdings nicht ganz so schnell und vor allem weit weniger mutig. Unter dem Namen "Athena" wird an einer neuen Oberfläche für das testosteronlastige Projekt gebastelt. Erste Entwürfe erinnern an die Nutzeroberfläche von Apples Mobilbetriebssystem iOS und die mittlerweile eingestellte Encarta von Microsoft. Eingeführt werden könnte das neue Layout wohl frühestens 2015.

"Sei mutig"

Schon gar nicht zur Diskussion steht das Logo, das sich "ganz sicherlich nicht ändern" wird, wie Wikimedia-Vorstand Richter sagt. Die Designer von New! haben das wenig eingängige und komplexe Welten-Puzzle in ihrem Entwurf auf den Buchstaben W reduziert. Je mächtiger eine Marke ist, desto simpler oft das Logo - wie der Stern von Mercedes, das M von McDonald's oder der Swoosh von Nike. Wikipedia könnte das W übernehmen, so die Idee der Designer, die allerdings auf wenig Gegenliebe stößt.

Immerhin soll die Bearbeitung von Wikipedia-Artikeln Mitte nächsten Jahres endlich einfacher werden. Zumindest für die größeren Sprachversionen. Seit geraumer Zeit wird an einem neuen Editor gebastelt, damit sich Einträge ohne kryptische Steuerbefehle auch von Laien bearbeiten lassen. Die Autoren sollen gleich sehen können, wie Überschriften, Fotos und Tabellen auf der Seite später angezeigt werden. Dieses Prinzip, "What You See Is What You Get", ist bei anderen Webanwendungen seit Jahren Standard.

Während die Agentur New! aus Litauen nun mit Anfragen überhäuft wird - ihr Wikipedia-Designvorschlag wurde mehr als 10.000-mal auf Facebook empfohlen - heißt es beim Online-Lexikon: weiter so wie bisher. Dabei lautet der Wahlspruch der Wikipedianer eigentlich "Sei mutig". Gerne würden die Designer ihre Ideen der Wikipedia kostenlos zur Verfügung stellen. Nun überlegt die Agentur, eine eigene Kopie des Lexikons zu starten - mit neuem Design.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung