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Patrick Beuth

Desinformation in den USA Wahlbehörden beklagen "Tsunamis aus Falschinformationen"

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den vergangenen Monaten habe ich mehrfach über die Rolle der sozialen Medien im US-Wahlkampf berichtet, über die Sorge der Amerikaner vor Desinformationskampagnen aus dem In- und Ausland und über die Gegenmaßnahmen der Techunternehmen. Einen Tag vor Ende der Stimmabgabe lautet mein vorläufiges Fazit: Die Wahrheit wird eher nicht der "Knuffelcontact" des Wahlkampfs. Der Begriff ist ein Spross der Coronakrise. Das Wort "knuffeln" entspricht in etwa dem deutschen "kuscheln". In Belgien gilt seit ein paar Tagen die Regel, dass jede Belgierinnen und jeder Belgier nur mit einer Person kuscheln darf. Und das ist dann eben der "Knuffelcontact".

Zurück zum Thema: Zwar gibt es in den USA positive Entwicklungen: Wer sich über Desinformation informieren will, kann das problemlos tun. Hier eine kleine Auswahl meiner Lieblingsquellen:

  • Die "Technology Review" hat einen Newsletter gestartet , in dem Journalisten, Wissenschaftler und US-Beamte aktuelle Gerüchte und deren mögliche Auswirkungen einordnen.

  • Der "Lawfare Podcast" hat eine wöchentliche Rubrik namens "Arbiters of Truth" , in der die beiden Gastgeberinnen mit Expertinnen und Experten detailliert über Desinformation und die Reaktionen von klassischen und sozialen Medien diskutieren.

  • Der ehemalige "The Verge"-Journalist Casey Newton hat sich mit einem Newsletter selbstständig gemacht  und liefert darin reihenweise kluge Analysen dessen, was Facebook, Twitter und andere Unternehmen richtig oder falsch machen.

Unstrittig ist auch, dass insbesondere Facebook und Twitter versuchen, irreführende Inhalte zur Wahl einzudämmen. Um nur zwei Beispiele zu nennen, die 2016 noch unvorstellbar waren: Sie kennzeichnen Aussagen des amtierenden US-Präsidenten mit Warnhinweisen, und haben die Verbreitung des Artikels der "New York Post" über angebliche E-Mails von Joe Bidens Sohn Hunter erschwert, obwohl sie selbst nicht wussten, ob die E-Mails echt sind und die Story dahinter wahr ist.

Bemerkenswert finde ich auch Entscheidungen der Unternehmen, ihre eigenen Aufmerksamkeitsbeschleuniger zu deaktivieren, weil sie die falschen Botschaften beschleunigen: Twitter zum Beispiel versieht Retweets jetzt mit "Reibung": Nutzerinnen und Nutzer werden angehalten, einen Kommentar hinzuzufügen oder den Link in einem Tweet erst anzuklicken, bevor sie retweeten können. Instagram hat vor wenigen Tagen für das US-Publikum den "Recent"-Button von Hashtag-Seiten entfernt . Das klingt nach Kosmetik, aber der dahinterstehende Gedanke ist wichtig: Wer den Button betätigte, bekam die jüngsten Posts zu einem Hashtag zu sehen – und damit einen Expresszugang mitten in virale Desinformationswellen.

Akurate Informationen zur Wahl auf den letzten Metern? - Wartende Wähler in Georgia

Akurate Informationen zur Wahl auf den letzten Metern? - Wartende Wähler in Georgia

Foto: ELIJAH NOUVELAGE / AFP

Jetzt kommt mein Aber: All das hat die gezielte Verbreitung von Falschinformationen nicht verhindert. Lokale Wahlbehörden berichten laut "New York Times" von "Tsunamis aus Falschinformationen"  und Hunderten von Anrufen wütender Wählerinnen und Wähler, die Verschwörungstheorien in den Hörer blökten. Die Superspreader unter den Desinformanten sind zudem äußerst agil: Wird ein von ihnen genutzter Verbreitungskanal zu streng kontrolliert, wechseln sie zu einem anderen – etwa von sozialen Medien zu SMS . Doch auch auf Facebook ist es noch immer möglich, mit Falschaussagen zur Wahl Hunderttausende Menschen  zu erreichen, in geschlossenen Gruppen oder auch ganz offen.

Zudem verweist eine Anfang Oktober veröffentlichte Harvard-Studie  auf die Rolle der klassischen Medien: "Donald Trump hat die Kunst perfektioniert, Massenmedien dafür einzuspannen, seine Desinformationskampagnen zu verbreiten und manchmal zu verstärken", heißt es in der Untersuchung. Gemeint sind in erster Linie der Sender Fox News und Radio-Talkshows, "die praktisch wie Parteipresseorgane funktionieren". Soziale Medien würden hingegen nur eine nachgelagerte Rolle spielen.

Im besten Fall stimmt, was zwei Medienwissenschaftler kürzlich für "Slate" schrieben: "Americans Are Too Worried About Political Misinformation"  – die Amerikaner seien zu besorgt über politische Falschinformationen. Es gebe kaum Belege für einen direkten Einfluss von Desinformation auf die Einstellungen und das Verhalten von Wählerinnen und Wählern. Wenn man mal von den Wörtern "kaum" und "direkt" absieht, klingt das doch ganz beruhigend.

Seltsame Digitalwelt: Ätsch

Nach einem verlorenen Gesellschaftsspiel hat mir mein Gegenüber am Wochenende ein Rübchen geschabt. Dass die Geste der Schadenfreude, bei der man "mit dem ausgestreckten über den deutenden Zeigefinger streicht", so heißt, haben wir aber erst mithilfe verschiedener Suchbegriffskombinationen und Wikipedias Liste der Gesten herausgefunden. Zuvor jedoch stießen wir auf das Lexikon der bulgarischen Alltagsgesten , eine Dissertation für die Technische Universität Berlin. Und so verbrachten wir den Samstagabend mit 407 faszinierenden Seiten über Gesten wie "Die Hand mit Daumen-Krummfinger-Griff schwingen" und "Auf die eigene Brust spucken". Der Shutdown kann kommen, ich brauche nur eine Suchmaschine für mein Entertainment.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "How to Not Get Caught When You Launder Money on Blockchain?"  (Englisch, 20 Leseminuten)
    Das Paper beschreibt mögliche Wege, Kryptowährungen aus illegalen Geschäften zu waschen. "Nicht, um Kriminellen zu helfen", schreiben die Autorinnen und Autoren, sondern um Forscher zu "motivieren", neue Gegenmaßnahmen auf Basis künstlicher Intelligenz zu entwickeln.

  • "Hört Facebook mich ab?"  (Podcast, 34 Minuten)
    Im Podcast "She Likes Tech" befragen die beiden Tech-Journalistinnen Eva Köhler und Svea Eckert jede Woche eine Expertin zu wechselnden Themen, in dieser Episode ist die Forscherin Frederike Kaltheuner dabei. Sie erklärt gut verständlich, wie Facebook Daten sammelt - und wie nicht.

Ich wünsche Ihnen einen stressfreien Shutdown,

Ihr Patrick Beuth

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Getty Images/ shapecharge

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