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Torsten Kleinz

Zeichnungen eines Ex-Mitarbeiters Comics zeigen das Leben im Googleplex

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Ein Netzwelt-Newsletter von Torsten Kleinz

Liebe Leserin, lieber Leser,

seit Google vom kleinen Suchmaschinen-Start-up zum Weltkonzern aufgestiegen ist, steht der Firmenname sinnbildlich für das mächtige Silicon Valley. Legendär sind die Arbeitsplätze, bei denen den Angestellten Snacks und Getränke im Überfluss gereicht werden. Die Einstellungstests sind im Gegenzug berüchtigt, weil sich nur die Besten der Besten der Besten  Chancen ausrechnen dürfen, über die ersten Runden hinauszukommen.

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Doch seien wir ehrlich: Die Bilanzen des Google-Konzerns Alphabet weisen heute knapp 140.000 Angestellte aus. Wie viele der Besten kann es geben? Dass das Leben und die Arbeit in der Google-Zentrale alles andere als sagenumwoben ist, hat der Zeichner und Softwareentwickler Manu Cornet in Hunderten Comics festgehalten, die Google zunächst intern verbreitete. Als die Comics jedoch immer kritischer wurden, schied Cornet aus. Heute arbeitet er für Twitter. Die Comics hat er auf seiner Website  veröffentlicht – und in einem Buch.

Die Sammlung zeigt die lange Reise des Franzosen, der im Jahr 2007 als Softwareentwickler bei Google angeheuert hatte und zunächst am E-Mail-Dienst Gmail arbeitete. Den ersten Comics merkt man noch das Staunen an: Cornet illustriert die vielen kostenlosen Snacks, die immer höher schnellenden Gehälter, die Frustration, wenn man bei der Arbeit auf bürokratische Hürden stößt. Gleichzeitig sieht man hier die Arbeit eines überzeugten Googlers. Gerade im Vergleich mit anderen Konzernen erscheint der Konzern vielleicht schrullig, aber immer um das Beste bemüht.

Manu Cornet vergleicht die verschiedenen IT-Konzerne des Silicon Valley. Google erscheint zunächst liebenswert chaotisch

Manu Cornet vergleicht die verschiedenen IT-Konzerne des Silicon Valley. Google erscheint zunächst liebenswert chaotisch

Foto: Manu Cornet

Ungeahnten Erfolg hatte Cornet, als er die Unternehmensstrukturen der führenden Konzerne verglich: Amazon als perfekt durchorganisierte Business-Pyramide, Oracle als Rechtsabteilung mit Technik-Anhängsel, Microsoft als Ansammlung verfeindeter Abteilungen und Google als chaotisch-vernetzt. Nicht nur druckte die »New York Times« den Comic im Großformat, auch Microsoft-Chef Satya Nadella nahm die Kritik in einem eigenen Buch auf. Dank des neuen Ruhms konnte sich der kleine Entwickler im Google-Getriebe bei seinen Comics immer mehr Freiheiten lassen und kritisierte fortan auch das obere Management im eigenen Konzern.

Zum Beispiel bekommt die Produktpolitik von Google immer wieder ihr Fett weg, weil beliebte Dienste wie der Google Reader eingestellt werden, da sie keine Gewinne abwerfen. Die ständig geänderten Produktnamen und Oberflächen verwirren nicht nur die Kunden des Konzerns, sondern auch die Entwickler. Die Begeisterung für Gehälter und Snacks nimmt ab, dafür nimmt das Unwohlsein über die eigene Stellung in der Gesellschaft zu.

Alles prima bei Google? Der Entwickler Cornet hört das Rumoren im Innern des Konzerns und zeichnet es auf

Alles prima bei Google? Der Entwickler Cornet hört das Rumoren im Innern des Konzerns und zeichnet es auf

Foto: Manu Cornet

Man kann an den letzten Comics sehen, dass Cornet keine Zukunft im Konzern hatte. Seine Kritik wird zunehmend beißend. Aus dem alten Google-Motto »Don't be evil« – zu Deutsch etwa: »Sei nicht böse« – machte Cornet kurzerhand »Pray that nobody notices« (Bete, dass es niemand merkt).

An Konfliktpotenzial mangelt es nicht. Von den Rüstungsaufträgen, mit denen das Google-Management liebäugelte, bis hin zu der Kontroverse um die Ethikforscherin Timnit Gebru: Carnet ärgert sich nicht nur über diese Themen, sondern auch darüber, wie das Management sich im Konfliktfall einigelt. »Googles Transparenz und Verantwortlichkeit haben uns am Anfang stolz gemacht, dort zu arbeiten«, schreibt der Entwickler zu Beginn seines Buches.

In seinem Buch beschreibt Manu Cornet die Zeit zwischen 2015 und 2020 als »Desillusionierung«

In seinem Buch beschreibt Manu Cornet die Zeit zwischen 2015 und 2020 als »Desillusionierung«

Foto: Manu Cornet

So war es eine Tradition, dass das Management selbst einfachen Angestellten in einer regelmäßigen Gesprächsrunde auch schwierige Fragen offen beantwortete. Diese Freimütigkeit ist mittlerweile verflogen: So karikiert Cornet die vielen Arten, mit denen sich Manager den Problemen zu entziehen versuchen – sei es durch unverbindliche und inhaltsleere Antworten, sei es durch den Verweis auf Informanten, die vertrauliche Gespräche an die Öffentlichkeit bringen. Sein Fazit: Google sei heute, auch wenn die Gründer das vermeiden wollten, mehr wie eine »normale Firma«.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »Steve Wozniak speaks on Right to Repair « (Video, 9:24 Minuten)
    Der Ingenieur und Apple-Mitgründer nimmt uns mit auf eine kleine Zeitreise, als man Fernseher und andere Geräte noch mit ein paar Ersatzteilen und ein wenig Wissen selbst instand setzen konnte. Das Video ist Teil einer Kampagne für das Recht der Verbraucher, ihre Geräte selbst zu reparieren, dem sich auch US-Präsident Joe Biden in einem Regierungsdekret widmet. Wozniak sagt: »Es ist an der Zeit, die richtigen Dinge zu tun.« Damit stellt er sich natürlich auch teilweise gegen Apple, dessen iPhones notorisch schwer zu reparieren sind.

  • »Inside the FBI, Russia, and Ukraine’s failed cybercrime investigation « (Englisch, 19 Leseminuten)
    Folgenschwere IT- und insbesondere Ransomware-Attacken sind mittlerweile an der Tagesordnung. Patrick Howell O'Neill zeigt in seinem Artikel die Ursprünge dieser kriminellen Banden und auf welche Schwierigkeiten US-Ermittler stießen, als die sich entschlossen, gegen die Kriminellen in anderen Ländern vorzugehen. Die Operation »Trident Breach« endete mit fünf Festnahmen, schreckte aber die Nachfolger im Geschäft keineswegs ab.

  • »Geheimdienst stoppt Mining auf 3.800 Playstation 4 « (Englisch, zwei Leseminuten)
    Während alle Welt auf die Playstation 5 wartet, finden Ordnungskräfte in der Ukraine eine Rechnerfarm mit 3800 Spielekonsolen, die zum Mining von Kryptowährungen eingesetzt werden. Die Geräte aus dem Jahr 2013 sind, verglichen mit heute verfügbaren Grafikkarten, zwar nicht sehr effizient. Diesen Nachteil glichen die Betreiber aber damit aus, dass sie ihre Stromrechnung nicht bezahlten.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!

Torsten Kleinz

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