Die Feibel-Kolumne "Die Deutschen sind traumatisiert"

"Die nächste Folie", sagte der Herr mit den langen Strähnen, die er sich geschickt wie ein Nest um den kahlen Schädel drapiert, "zeigt Ihnen, wie wir mit einer ganz einfachen Tastenkombination ein Makro herstellen." Waren das nicht grauenvolle Zeiten?

Von Thomas Feibel


Von wegen Arbeitserleichterung: Technik verursacht auch Stress
[M] DPA

Von wegen Arbeitserleichterung: Technik verursacht auch Stress

Innerbetriebliche Computer-Fortbildungen inklusive DOS-und Word-Kursen in schlecht gelüfteten und abgedunkelten Räumen mit stotternden Referenten. Damals wurde das alles noch mit kirchlicher Andächtigkeit EDV genannt. Wer schlau war, schrieb sich damals nur die wichtigsten Tastenkombinationen auf, die dann auf den Tastaturrand geklebt wurden.

Die anderen nahmen die kiloschweren Stapel Fotokopien mit, in die sie nie wieder hineinschauen würden. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wir entstammen der Generation der Computeridioten. Damals ging beim Computer einfach alles schief, was schief gehen konnte. Dateien verschwanden spurlos, Festplatten rauchten fröhlich ab, und der Drucker schob immer eine Seite mehr als benötigt aus - wenn er überhaupt druckte.

Den Hersteller anrufen hatte keinen Sinn. Die Druckerfirma A schob die Schuld auf den Softwarehersteller B. Beide wiederum schworen bei einem erneuten Anruf darauf, dass der Hersteller des Computers, C, die alleinige Verantwortung für das Malheur trug.

Am Ende fragten wir im zuckersüßen Ton einen Kollegen, um den wir sonst in der Kantine regelmäßig einen Bogen machten. Der konnte natürlich auch nichts ausrichten, und bald schon gaben wir unsere krampfhaft freundlichen Verbindlichkeiten wieder auf. Es war eine wilde Zeit.

Übrigens fast dieselbe Zeit, als die Gewerkschaften noch Sturm liefen, weil der Computer alle Arbeitsplätze vernichten wollte. Tatsächlich aber, und das wissen wir aus reichlich eigener Erfahrung, zerstörte er nur wertvolle Arbeitszeit.

Der Computer ist den Deutschen zu kompliziert

Um den Computer zu beenden, fährt die Maus auf "START". Entschuldigung, aber ist das logisch?

Auch, wenn alles im Computerbereich stets besser zu werden scheint: Der Umgang mit dem Computer ist und bleibt zu kompliziert. Wer sich einmal einen Fernseher gekauft hat, muss eben überhaupt keine Flexibilität mitbringen. Von allen Geräten sind wir es gewohnt, dass sie sich beim Einschalten einschalten und beim Abschalten abschalten.

Nur der Computer kann das nicht. Der muss immer erst "hochfahren" und später "runterfahren". Seit kurzem schaltet er sich zumindest danach auch alleine aus. Und bei aller deutscher Leidenschaft fürs Handwerkliche: Die Probleme, die beim Computer anfallen, können selten alleine gelöst werden. Viele Rechner fahren partout nicht mehr runter.

"Ja, ja", meinen die Profis mit großväterlichem Lächeln, "das ist ein altes Problem."

Es folgt der Rat, Windows 98 neu zu installieren. Aber wer kann das schon?

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Hand aufs Herz: Haben Sie schon mal Computer-Probleme gehabt?

Von 500 befragten Computernutzern gaben in einer Umfrage von EARSandEYES nur vier Prozent an, noch nie ein Problem mit dem Computer gehabt zu haben. Und die lügen.

Die ersten Teile der Feibel-Kolumne sind bearbeitete Entnahmen aus dem Kapitel "Fünf gute Gründe, warum die Deutschen den Computer nicht mögen" aus Feibels neuem Buch "Die Internet-Generation", Langen Müller, 39,90 Mark.



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