S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die deutsche Netzkrankheit

Netzausbau, Leistungsschutzrecht, StudiVZ: Was mit Internet endet in Deutschland häufig im Desaster. Für die Fehlschläge gibt es viele Gründe, einer aber verbindet sie alle: die deutsche Überangst vor dem Scheitern.

Etwas läuft grundsätzlich schief mit der digitalen Sphäre in Deutschland. Die politische Netzposse Leistungsschutzrecht ist nur ein Symptom. Ebenso wie der staatlich gering unterstützte Ausbau der Dateninfrastruktur. Und die anhaltenden digitalen Debakel um Staats-Trojaner, DE-Mail und Elektronische Gesundheitskarte. Dazu kommen bereits beerdigte Fiaskos wie Elena und Fiscus.

Die Bundesrepublik ist für Netzvorhaben, was Berlin für Flughäfen ist. Aber auch auf Unternehmensseite leuchten die Mängel und Fehlentscheidungen deutlich heller als die durchaus vorhandenen Netzerfolge. Der E-Postbrief ist so beliebt wie ein Meteoriteneinschlag im Wohnzimmer und kommt deshalb ähnlich häufig vor. Die unbewohnten Trümmer des einstigen Netzriesen StudiVZ wurden an einen Finanzinvestor verkauft, der Preis dürfte symbolisch gewesen sein. Anfang März 2013 stellten die größten deutschen Buchhandelsketten gemeinsam mit der Telekom den E-Reader Tolino vor, obwohl Tablets für den Massenmarkt die Zukunft sind.

Alle diese Fehler, Fiaskos, Falschvorhaben sind natürlich nicht nur aus einem einzigen Grund gescheitert. Und zum geschmeidigen Gelingen ganzer Großprojekte gehört generell Glück. Aber da ist etwas Verbindendes bei deutschen Digitaldramen, etwas, das manchmal mehr, manchmal weniger, aber nie gar nicht vorhanden ist.

"Hier ruht Herr Müller. Er hatte Vorfahrt"

Deutschland ist das Land des Rechthabens. Aber nicht nur das. In Deutschland reicht es nicht aus, bloß recht zu haben. Man muss auch schon immer recht gehabt haben. "Ich habe es schon immer gesagt", dieser Satz gilt in Medien wie auf politischen Bühnen als Ausdruck des Triumphs, quer durch alle Parteien. Und nicht nur dort, diese Haltung zieht sich durch die Bevölkerung. Wenn Schon-immer-gewusst-Haben ein anzustrebender Wert ist, oder die Abwesenheit davon als Manko begriffen wird, lässt das unangenehme Schlussfolgerungen zu.

  • Es bedeutet, dass das Richtige schon immer richtig war und auch immer sein wird. "Richtig" oder "falsch" werden nicht als Ergebnis einer offenen Bewertung betrachtet, sondern als Konstanten.
  • Es zeugt auch vom Fehlen einer Fehlerkultur. Wer schon vorher immer alles gewusst haben muss, darf keine Fehler machen. Und hier ist der Nukleus der nichtfunktionierenden Netzprojekte, denn ohne Fehlerkultur, ohne die Möglichkeit des Scheiterns mit erträglichen Konsequenzen sind Experimente nicht sinnvoll möglich.

Scham des Lernens

Das ist die deutsche Netzkrankheit: digital nur zu tun, was vermeintlich sicher funktioniert und so das wichtigste Erfolgsrezept des Internets zu missachten, also die ständige Neu- und Weiterentwicklung, die kleinteilige, experimentelle Überprüfung, Mut zum Dauerversuch und Dauerirrtum. Die Ironie quillt sackweise hervor, denn das heißt letztlich, dass die deutsche Überangst vor dem Scheitern im Digitalen zum Scheitern führt. Es ist nicht so, dass diese Eigenschaft der technologischen Risikoaversion grundsätzlich schlecht wäre. Überall dort, wo es sinnvoll ist, nur gesichertes Terrain zu betreten, dort, wo kleinste Fehler Katastrophen auslösen können, im Maschinenbau, bei der Fahrzeugherstellung, ist es sogar Ingenieurspflicht. Das perfektionistische Bestreben, jeden Fehler schon vorab auszuschließen, hat so zweifellos zu hervorragenden Industrieprodukten geführt.

Im Netz heißt es, dass der fehlerfreie Plan für eine neue Plattform zu 50 Prozent fertig ist, wenn die Idee anderswo schon zehnmal umgesetzt wurde und neunmal davon mit wertvollen Lerneffekten gescheitert ist. Nur vermeintlich sichere Schüsse abzugeben ist auch der Grund für die deutsche Copy-Cat-Unkultur bei jungen Internetunternehmen. Es gibt viele, auch gute Ideen, aber es werden strukturell diejenigen bevorzugt, die ihr Funktionieren bereits bewiesen haben.

Es handelt sich um ein Problem des Umgangs mit neuen Informationen, eigentlich also ein Lernproblem. Learning by doing gilt in Deutschland als beinahe unseriöse Praktik, wie kann jemand ohne Diplom sich erdreisten zu jodeln? Tief unten, in der Seele des deutschen Bildungssystems, ist etwas verborgen. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", dieser dämliche Spruch sagt viel über das gewachsene, deutsche Verhältnis zur Bildung aus: Es gibt eine Scham des Lernens. Der deutsche Lernende schämt sich dafür, dass er noch nicht alles weiß. Das aber wirkt katastrophal in digitalen Zeiten, die von ständiger Veränderung geprägt sind, in denen "lifelong learning" der einzige Weg ist. Es lässt sich kaum lebenslang lernen, wenn man danach strebt, endlich mit dem Lernen fertig zu sein. Damit die Herrenjahre beginnen.

Der Begriff "Perpetual Beta" bezeichnet die ständige, kleinteilige Weiterentwicklung von Software und Netzplattformen, das digitale Produkt ist nie fertig, sondern wird als ständiges Experiment begriffen, dessen Fehler die Verbesserung ermöglichen. Die großen Netzkonzerne entwickeln sich nach diesem Verfahren quasi minütlich weiter, weil das Facebook von 2009 im Jahr 2013 so viele Leute interessieren würde wie StudiVZ.

Tiefsitzendes Bildungsproblem

"Natürlich ändere ich meine Meinung, wenn sich die Fakten ändern. Sie nicht?", sagte John Maynard Keynes in den dreißiger Jahren. Die Ära des Internets ist die historisch bisher ungünstigste Zeit für eine Veränderungs- und Lernresistenz. Dabei hat diese Resistenz wenig mit technischem Fachwissen zu tun, sondern ist eine Haltungsfrage. Die meisten bundesdeutschen Angestellten müssen einfach nur in die EDV-Abteilungen ihrer Unternehmen gehen, um die erbittertsten Kämpfer gegen neue Entwicklungen der digitalen Sphäre zu finden: Facebook? Teufelszeug. Tablets? Spielerei. Eine neue, hocheffiziente Programmiertechnologie? Erst, wenn sie sich tausendfach bewährt hat und dann noch mal fünf Jahre warten. "Das haben wir schon immer so gemacht, das geht nicht anders" - diese Einstellung ist auch unter Technikapologeten weit verbreitet. Es fällt weniger Sachkundigen nur nicht so stark auf.

Die deutsche Netzkrankheit ist fatal, weil es sich um ein tiefsitzendes Bildungsproblem handelt. Weniger auf die Inhalte bezogen als auf Art und Ziel des Lernens und die Haltung, mit der man auf neue Informationen reagiert. Und da schließt sich der Kreis zu Absurditäten wie dem Leistungsscherzrecht: Was gestern richtig war und funktionierte, muss um jeden Preis auch heute und morgen richtig sein und funktionieren. Und wenn nicht, ist jemand anders schuld. Im Notfall per Gesetz.

tl;dr

Die deutsche Netzkrankheit ist eine weitere Ausprägung der Angst zu Scheitern. Nur dass genau diese im Internet zum Scheitern führt.