Social Media und die Tat von Frankfurt Empört euch nicht

Die grausige Tat am Frankfurter Hauptbahnhof hat in sozialen Netzwerken zur Bildung von zwei Lagern geführt, die sich schrill übereinander empörten. Sascha Lobo fragt im Podcast, wie Widerspruch besser funktionieren kann.

Frankfurter Hauptbahnhof: Hier wurde ein Achtjähriger vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet.
Arne Dedert/dpa

Frankfurter Hauptbahnhof: Hier wurde ein Achtjähriger vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet.


Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #104 - Die Tat von Frankfurt und die sozialen Medien: Wenn Empörung zur Lust wird

Der Fall des Eritreers, der am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen vor einen einfahrenden Zug gestoßen hat, führte in sozialen Medien umgehend zur Bildung von zwei Lagern, schrieb Sascha Lobo in seiner jüngsten Kolumne "Wenn Empörung zur Lust wird": das der Hilflosen und das der Radikalen.

Beide hätten schnell damit begonnen, Äußerungen der jeweils anderen Seite zu suchen, die das eigene Lager "am stärksten und am zuverlässigsten empören", beobachtete Lobo: Die Hilflosen stürzten sich auf die rassistischen Äußerungen derjenigen, die aus der Tat politisches Kapital schlagen wollen. Die Radikalen wiederum konzentrierten sich auf die Äußerungen derjenigen, die von der einzelnen Tat nicht auf sämtliche Afrikaner oder Migranten schließen wollen.

Der Effekt: Beide Seiten missbrauchen den Tod eines Kindes für politische Kommunikation. "Gegenruhm durch Empörungslust" nennt Lobo das Phänomen. Man gewinnt soziale Anerkennung nicht durch das Lob der eigenen Anhänger, sondern durch wütenden Widerspruch seiner Gegner.

Im Debatten-Podcast reagiert Lobo auf Leserzuschriften und widmet sich der Frage, wie Widerspruch gegen eine politische Position auch ohne Empörungslust funktioniert.

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insgesamt 11 Beiträge
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kelcht 04.08.2019
1.
Trauer und Herz und sich etwas zurücknehmen oder sich nicht sofort angegriffen fühlen und trotzdem zu sinnvoll zu diskutieren geht im Internet vielleicht sogar besser als am Küchentisch, an der Arbeit oder im Sportverein. Bei psychischen Krankheiten würde aber in medizinischer und wissenschaftlicher Sicht schon Jahrzehnte intensiv geforscht. Eine neue Debatte wie psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit diskutiert werden muss aus dem Aspekt der modernen Medizin und deren Hintergrund geschehen, alles andere wäre Verschwörungstheorien und finsteres Mittelalter.
shrufu 04.08.2019
2. Recht auf zweifelhaftes?
Sehe ich komplexer als Lobo.. er wirft, so wie ich es verstanden habe, am Anfang sein Hauptargument darauf das die meisten Reaktionen auf Bewältigung der Einzeltat beruhen und das es einen nicht zu begrüßenden Reflex im links liberalen Lager gibt direkt auf die gesellschaftliche Diskussion herzlos anzuspringen. Ich glaube es verhält sich zwar teilweise so aber aus verständlichen Grund. Diese Geschichten findet man jeden Tag in ähnlicher Form wenn man die Bild aufschlägt. Das bisschen Leid und Aufregung was man spürt kommt des Bewusstwerdens der realen Tat nicht ein Mal ansatzweise nahe, weshalb ich gut verstehen kann das man es ausblendet auch ignoriert (ich zb lese normalerweise solche Geschehnisse gar nicht weil sie mich sehr belasten können, es reicht mir zu wissen daß es sowas allgemein gibt). Das einzige was man wirklich tun kann und mir aufrichtig erscheint ist die gesellschaftliche Diskussion zu führen. Diese mischen Leute dann zuhauf mit den Gefühlen aus diesen Einzelfall um dann auf Millionen von Fällen zu schließen was für mich schon fast einer Entwertung des Einzelfalls gleichkommt. Wer sagt das die Herkunft des Täters in Vordergrund steht? Ist es nicht viel belastender für alle Hinterbliebenen das dieser Fall so öffentlich diskutiert wird und politische Bedeutung hat?Wer sich diese Fragen nicht stellt und seine eigene Verarbeitung in den Vordergrund stellt, den würde ich wahrscheinlich eher einen Egoisten nennen. Die gesellschaftliche Diskussion, und die Diskussion ob es Diskussionswürdig ist und zwar in abstrakt möglichster Form vom Einzelfall, stellt für mich das problemloseste herangehen dar. Schon das generieren von Aufmerksamkeit für bspw Misshandlungen über Individuen halte ich persönlich für zweifelhaft aber natürlich entscheidungsabhängig, denn es kommt mMn mit einen Preis für denjenigen. Also nein ich sehe es nicht gern wenn sich Leute maßenhaft über einen Einzelfall echauffieren und ihn debatieren. Warum dieser Fall soviel Aufmerksamkeit bekommt und die vllt 10 minderjährigen die heute im Verkehr umgekommen sind null finde ich ebenso zweifelhaft. Gestorben sind alle, zu verhindern waren vllt viele.
tobitibot 04.08.2019
3.
Vielen Dank für die interessante Diskussion, werde meine bisherige Meinung wohl noch einmal 'feinjustieren' ;-)
hugotheKing 05.08.2019
4. Verstehe die Aufregung nicht
Ich verstehe die künstlichen Aufregungen nicht. Warum regen sich manche Leute besonders auf, wenn so ein Tat von einem Migranten begangen wurde und nicht wenn von einem Einheimischen begangen wurde? Warum regen sich Leute jetzt so auf, wo doch fast tagtäglich Geisterfahrer gibt, die absichtlich sich umzubringen und andere Menschen mit in den Tod nehmen? Sicher, es sind alles schreckliche Taten. Aber es sollte egal sein, wer es begangen hat und ob es an Bahngleisen begangen wurde oder woanders. Es gab in Deutschland eine schreckliche Zeit, wo die Machthaber festlegen wollten, dass die Kriminellen eine genetische Ursache haben soll. Hoffen wir, dass wir aus der Geschichte gelernt haben und nicht in die dunkle Zeit zurückkehren.
mborevi 05.08.2019
5. Es ist ganz klar: ...
... Seitdem wir die rechten Hassprediger in Deutschland haben nehmen hassgesteuerte Taten in Deutschland zu. Die Täter fühlen sich berechtigt zu den Taten. Vorgeblich sind die Rechten gegen solche Taten, fördern sie aber durch ihr Verhalten ohne diese Zusammenhänge zu kapieren.
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