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23. November 2016, 14:31 Uhr

Inszenierung der Demokratie

Die große Verstörungstheorie

Eine Kolumne von

Warum funktioniert politische Inszenierung in Zeiten von Social Media nicht mehr so, wie wir sie kennen? Warum schürt sie stattdessen Misstrauen bei den Bürgern? Deshalb.

Dem derzeit größtvorstellbaren Schuss vor den Eliten-Bug - der Wahl von Außenseiterdarsteller Trump zum mächtigsten Mann der Welt - begegnen Mitglieder der Eliten weltweit auf interessante Weise. "Große Teile des Volkes sind dumm", ist die leider sinnverkürzende Überschrift eines Interviews mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Diese Feststellung scheint zugleich Teil der Problemanalyse und Teil des Problems zu sein. Und interessanterweise würden ebenso "große Teile des Volkes" dem gleichzeitig zustimmen und sich beleidigt fühlen. Der Schlüsselsatz in Münklers Interview aber ist einer, in dem er Machiavelli zitiert:

"... der Pöbel folgt sowieso immer nur dem Schein... wir müssen deswegen eine kluge Politik machen, dass der Schein nicht gegen uns spielt, sondern für uns spielt."

In welche Diskussion man auch eintaucht, ob im Netz oder abseits davon - früher oder später geht es um das angebliche Versagen der Eliten, um das Establishment, um "die da oben". Soziale Medien sind als Epizentrum der Gefühlspublizistik der Ort, wo dieser Unmut sich sammelt, verstärkt und herausbricht.

Wer Social Media nutzt, um den Leuten beim Live-Verfertigen ihrer Gefühle und Gedanken zuzuschauen, erkennt eine tiefe Verstörung, rechts besonders, aber auch links, in gebildeten wie weniger gebildeten Gruppen: die große Verstörungstheorie der demokratischen Eliten.

Die sozialen Medien, die digitalen Fußgängerzonen, sind voll von Leuten, die Verstörungstheoretiker sein müssten, aber Verschwörungstheoretiker geworden sind. Diese Entwicklung lässt sich stellvertretend mit Herfried Münkler erklären, einem Mann, der in Deutschland das zur Einzelperson kristallisierte Establishment darstellen könnte: Universitätsprofessor, einflussreiche Medienfigur, politischer Berater, Großintellektueller. Ein Mann also, dem sich ungefähr alle relevanten Ohren öffnen, denen er etwas mitteilen möchte - das Gegenteil von "abgehängt".

Die tiefe Verstörung in der Öffentlichkeit rührt daher, dass inzwischen die Haltung großer Teile des Establishments offensichtlich ist: Demokratie müsse auch ein Schauspiel sein. Genauer: ein Medienschauspiel, das irgendwie notwendig ist, weil: Dummheit. Siehe Münkler.

Neben den tatsächlichen (in meinen Augen funktionierenden), demokratischen Instrumenten wie Wahlen, Abstimmungen, Parlamenten gibt es deshalb eine allgemein akzeptierte öffentliche Darstellung zur Politikvermittlung. Man muss diese Haltung nicht generell verdammen, vermutlich war sie im auslaufenden 20. Jahrhundert alternativlos. Und ehrlicherweise möchte ich noch nicht abschließend beurteilen, ob vielleicht Demokratie nur so funktioniert: mit Verkürzungen, Zuspitzungen, Symbolhandlungen.

Was ich aber beurteilen kann: Die heutige Variante des Schauspiels funktioniert nicht mehr. Denn mit dem radikalen Medienwandel durch das Internet ist diese auf die klassischen Medien zugeschnittene Aufführung schal geworden. Das spüren die Leute, und das treibt die Verstörung.

Demokratie bedeutet ungefähr das Gegenteil von Knall-Konfrontation

Meine erste, persönliche Begegnung mit dieser Verstörung: Aus der Sphäre des Netzes kommend, habe ich 2006 mit 1 Buch sowie 1 Frisur die Sphäre der Massenmedien erreicht. Im Februar 2007 nahm ich zum ersten Mal an einer Talkshow teil. Vor den Kameras stritten sich Norbert Blüm (CDU), Sahra Wagenknecht (Linke) und Oswald Metzger (alle) zum Thema Rente und attackierten sich ohne Schonung.

Ein paar Augenblicke nach der Sendung standen alle zusammen und tauschten bei einem Gläschen Grauburgunder freundliche Professionalitäten aus. Ach, im Sowieso-Ausschuss sitzen Sie mit Dr. Dingenskirchen, grüßen Sie doch bitte lieb von mir, der Wein schmeckt, da muss ich Ihnen einen Winzer empfehlen, Geheimtipp von der Mosel. "Aha", dachte ich damals, "diese erbitterte Konfrontation war also nur gespielt vor der Kamera? Ein Schauspiel?" Verstörung.

Heute ahne ich, dass es kaum anders geht, wenn man das tendenziell auf Konsens ausgerichtete System der bundesrepublikanischen Demokratie ernst nimmt: Demokratie bedeutet Verhandlung, Mäßigung und Kompromiss, also ungefähr das Gegenteil von Knall-Konfrontation. Und dafür braucht man eine Atmosphäre des kollegialen Respekts auch unter politischen Gegnern. Aber ebenso sind Streit und Diskussion essentiell für die Demokratie. Daraus ergibt sich die große Zwickmühle, ständig gleichzeitig Gegner sein zu müssen und Partner.

Die politische Inszenierung des Establishments hatte diese Zwickmühle temporär aufgelöst - außen Gegner, innen Partner. Aber: Internet. Wo auf die Diskussion kein Kompromiss folgen muss, wo der Streit ewig währen und immer polarisierender werden kann und dieser Umstand aufmerksamkeitsökonomisch belohnt wird.

Die Meldung geht herum, dass die Neonazis, die medial in modernem Kuschelsound "Alt-Right" genannt werden, wütend auf Trump seien. Sie hatten nach Art der radikalisierten Netzdiskurse gehofft, dass endlich mal jemand so heiß isst, wie er kocht. Und jetzt tut Trump zumindest teilweise, anfangs so, als beuge er sich so halb dem demokratischen Diktat der Mäßigung. Und vor allem: den Eliten.

Da ist dieser Elefant im Raum: Das Establishment hält zugleich eine Inszenierung des demokratischen Streits für notwendig - aber erkennt immer deutlicher, dass sie nicht mehr funktioniert, sondern das Gegenteil bewirkt. Diese unbändige Wut so vieler Leute, quer durch die politischen Lager übrigens, speist sich aus dem Gespür: "Da stimmt doch was nicht. Da wird mir etwas vorgespielt! Da stecken Leute unter einer Decke!"

Auch wenn man wie ich (zugegeben als Teil des Establishments, der nur visuell eine Außenseiterfunktion erfüllt) glaubt, dass Demokratie in Deutschland trotz der großen Eliten-Verstörung (noch) funktioniert -bin ich doch selbst oft auf ähnliche Art wütend.

Zum Beispiel, wenn ehemalige Bundeskanzler, Minister oder EU-Kommissare zu leichtfüßig zwischen Lobbyismus und Wirtschaft hin und her tänzeln. Eigentlich immer dann, wenn ein "Gschmäckle" entsteht - das einfach zu häufig entstanden ist. Dass viele Einzelfälle davon abseits unterstellter Gier erklärt werden können, dass ein Austausch zwischen Politik und Wirtschaft durchaus sinnvoll sein kann, ändert wenig am Gesamteindruck: Das ist Teil der Eliten-Inszenierung. Die jetzt zu platzen scheint, auch dank der Gegenöffentlichkeiten im Internet.

Es geht nicht um Eliten, es geht um Verantwortung

Münklers Definition von "kluger Politik", die zwangsweise kompromissorientierte Demokratie anzureichern mit Inszenierungen für "den Pöbel", prallt auf das netzbefeuerte Misstrauen gegenüber Mächtigen und vermeintlich Mächtigen.

Notwendige und legitime Staats- und Politikskepsis ist oft umgeschlagen in Generalverdammung. Trump ist Ausweis davon und markiert eine große Gefahr: Zu viele Leute verwechseln "Establishment" und "Demokratie". In der Folge gerinnt Elitenablehnung zur Demokratieverachtung. "Mediendemokratie", sagte man im 20. Jahrhundert zur Verbindung von Politik, Medien und öffentlich wirksamen Mitgliedern der Elite zum Establishment.

Jetzt müsste eine "Neue Medien-Demokratie" her. Als wichtiger erster Schritt erscheint mir, weniger die Intelligenz oder Nicht-Intelligenz der Bevölkerung zu betrachten. Denn es geht gar nicht um Intelligenz - es geht um Verantwortung. Es handelt sich (meist) um erwachsene Menschen, die unabhängig vom Intelligenzquotienten eine Verantwortung tragen für ihr Handeln und Sprechen. Es ist egal, ob "große Teile des Volkes" dumm sein mögen oder nicht - es ist fatal, sie wie Kinder zu behandeln, die irgendwie nicht anders können und maximal halbverantwortlich sind für sich selbst. Und doppelt fatal, wenn sich das als Haltung einer Elite weiter verfestigt: Das "Pack", die "Deplorables" wählen so, weil sie nicht anders können.

Dabei wählen sie so, weil sie nicht anders wollen. Die Unzufriedenen, die sich abgehängt Fühlenden sind - ob dumm oder klug - keine Kinder, sie tragen Verantwortung. Denn genau das ist Demokratie in Zeiten machtvoller sozialer Medien: Die Bühne, auf der Politik stattfindet, auf der stehen wir jetzt alle.

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