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Markus Böhm

Cyber-Shot, PowerShot und Co. Warum alte Digicams jetzt wieder cool sind

Markus Böhm
Ein Newsletter von Markus Böhm, Ressort Netzwelt

Liebe Leserin, lieber Leser,

Anfang der Nullerjahre waren kompakte Digitalkameras hip und gefühlt überall im Einsatz. Dann kamen die Smartphones – und viele Geräte fingen Staub. Dank TikTok erleben sie jetzt ein Revival.

Tja, da habe ich wohl mal wieder einen Trend verpasst. Vor einem Jahr zog ich von Hamburg nach Düsseldorf und trennte mich beim Aussortieren gleich von zwei alten digitalen Kompaktkameras. Ein Gerät von Olympus, mit dem ich Anfang der Nullerjahre Party- und Familienfotos machte, landete im Elektroschrott. Das zweite, eine Casio-Exilim-Cam von circa 2010, drückte ich einer Verwandten in die Hand, mit der Bitte, sie bei Ebay-Kleinanzeigen loszuwerden. Am Ende zahlte jemand 15 Euro dafür, ich war zufrieden. Was sollte ich noch mit Kameras, die schlechtere Bilder machen als so ziemlich jedes moderne Smartphone?

Doch am Wochenende las ich nun das: Die »New York Times« berichtet , dass alte Digitalkameras neuerdings wieder angesagt sind, vor allem bei Leuten im Alter um die zwanzig. Die US-Zeitung spricht vom »heißesten Gen-Z-Gadget«. Und ich Trottel entsorge und verramsche solche Technikschätze nichts ahnend?

Vorstellung von Canons PowerShot A400 im Jahr 2004: Schauspielerin Amrita Arora zeigte sich begeistert

Vorstellung von Canons PowerShot A400 im Jahr 2004: Schauspielerin Amrita Arora zeigte sich begeistert

Foto: GURINDER OSAN / AP

Der »New York Times« zufolge hat der Trend mehrere Treiber:

  • Zum einen finden es junge Leute, für die die Fotofunktion ihres Handys etwas Selbstverständliches ist, offenbar interessant, mal ein anderes Gerät zu benutzen, das einzig und allein für Bilder und Videos gedacht ist. Und sei es nur, weil sie dadurch beim Fotografieren Ruhe von den Benachrichtigungen ihres Smartphones haben.

  • Zum anderen ist da die Ästhetik der Bilder. Ich selbst finde viele Aufnahmen aus dem Digicam-Zeitalter im Rückblick unansehnlich oder trashig. Den Tiefpunkt auf einer meiner alten Speicherkarten markiert dabei das hier gezeigte, bemerkenswert misslungene Kaninchenbild (das zugegebenermaßen nur eines von mehreren Fotos der Situation ist). Aber: Die tendenziell unperfekten Fotos bilden einen Kontrapunkt zu Smartphoneaufnahmen, die oft noch durch Instagram-Filter gejagt oder anderswo von moderner KI schöngerechnet werden. Das führt dazu, dass manche Menschen die Digicam-Bilder als authentischer und spannender wahrnehmen.

Digicam-Foto von 2004: Eine fallende Schneeflocke vor einem Kaninchen, das mit rotem Auge im Schnee sitzt

Digicam-Foto von 2004: Eine fallende Schneeflocke vor einem Kaninchen, das mit rotem Auge im Schnee sitzt

Foto: Markus Böhm
  • Und dann ist da natürlich die Gruppendynamik: Das Comeback der Digicam wird auch von Webstars wie Charli D’Amelio befeuert , die sich in den vergangenen Monaten selbst mit solchen Geräten ablichteten. Sie und ihre vielen Millionen Fans sorgten auch dafür, dass das Thema so groß wurde, dass es jetzt in der »New York Times« und in diesem Newsletter ankommt.

Ob das Interesse an den Digicams auch in Deutschland wieder anzieht, wollte ich über Ebay und Ebay-Kleinanzeigen herausfinden. Von Ebay hieß es dazu, die Zahl der Verkäufe digitaler Kameras sei in den vergangenen zwölf Monaten im Vergleich zum Vorjahr nur leicht gestiegen, um rund fünf Prozent. Bei Gebrauchtgeräten aber – also in jenem Bereich, in den die meisten Digicam-Klassiker fallen – habe sich die Zahl der Verkäufe ungefähr verdoppelt. Für alte Sony-Geräte der Reihe Cyber-Shot etwa registrierte Ebay ein Verkaufsplus von 17 Prozent, bei Samsungs Digimax-Reihe waren es 29 Prozent.

Von Ebay-Kleinanzeigen heißt es, auf dem Portal sei der Medianpreis für Kameras bekannter Marken wie Nikon Coolpix oder Canon PowerShot in den vergangenen zwei Jahren um 117 Prozent gestiegen, von 30 Euro auf zuletzt 65 Euro. Außerdem verzeichne das Unternehmen einen deutlichen Anstieg bei der Anzahl der monatlichen Inserate. Es ist also zumindest Bewegung im Markt.

Wer einen Eindruck davon bekommen will, wie junge Menschen eigentlich veraltete Kameras hochstilisieren, wird auf TikTok schnell fündig. Unter Hashtags wie #digicam finden sich dort etwa Videos, in denen das Auspacken und erste Ausprobieren gebraucht erworbener Geräte zelebriert wird , so als gehe es hier um das neueste Apple-Gadget. An anderer Stelle postet eine Nutzerin per Digicam aufgenommene Videoausschnitte aus ihrem Alltag  und kommentiert: »Die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe #digicam.« Immer wieder stößt man auf TikTok auch auf Videomacher, die ihre Zuschauer dazu aufrufen, sich selbst eine Kamera aus den Nullerjahren zu kaufen .

Hält man das wirklich für sinnvoll, hilft der Kanal »jjondigicam«  bei der Modellauswahl. Sein Betreiber heißt Jon und lebt im US-Bundesstaat Maryland; laut eigenen Angaben arbeitet er als Haushaltsanalyst für die US-Regierung. Auf TikTok aber kennt man Jon vor allem als Kamera-Nerd. Seit dem vergangenen Mai hat er dort bereits Dutzende Geräte per Kurzvideo vorgestellt, von Herstellern wie Panasonic, Polaroid und Fujifilm.

TikTok-Account von jjondigicam: Tausende Videoabrufe für Clips über alte Kameras

TikTok-Account von jjondigicam: Tausende Videoabrufe für Clips über alte Kameras

Foto: Tiktok.com / @jjondigicam

Mit zwölf Jahren habe er angefangen zu fotografieren, schreibt mir Jon. Heute sei er 30 Jahre alt und habe eine ganze Sammlung älterer Digitalkameras. Deren größte Gemeinsamkeit sei es, dass ihre Bilder für sich sprächen und keine Bearbeitungen oder Filter erforderten. Natürlich seien die Bilder und Videos von Digicams nicht »perfekt«, meint Jon, »aber darum geht es ja«. Er selbst schätze es, auf einen physischen Auslöser zu drücken, um ein Foto zu machen. Seine aktuelle Lieblingskamera sei gerade die Casio Exilim EX-S3. Diese sei klein und dennoch robust, zudem sei ihre Auslöseverzögerung für ein Modell aus dem Jahr 2003 beeindruckend kurz.

Die Online-Community rund um Digitalkameras wachse, erzählt mir Jon noch. In Südkorea und Thailand beispielsweise sei sie schon jetzt sehr groß. Im Vergleich dazu zögen die USA und andere Länder gerade erst nach.

Menschen, denen seine Videos Lust machen, wieder oder erstmals per Digicam zu fotografieren, rät der TikToker, darauf zu achten, welche Art von Speicherkarten das Gerät unterstützt. Manche alten Kameras seien nur mit SD-Karten kompatibel, sagt er, nicht aber mit neueren SDHC- oder SDXC-Karten . Schwierig sei es heutzutage zudem, an sogenannte SmartMedia-Karten zu kommen, wie sie einige Digicams benötigten. Grundsätzlich aber rät Jon zu Experimenten: Manchmal seien es klobige, seltsame oder auch No-Name-Digitalkameras, die die überraschendsten Ergebnisse lieferten, sagt er, »und die sind oft zu einem günstigen Preis zu haben.«

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Ich wünsche Ihnen eine gute Restwoche

Markus Böhm

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