Zeitungen im Medienwandel Es geht lediglich ums Ganze

Ein Gastbeitrag von Veit V. Dengler

2. Teil: Im zweiten Teil: Das alte Geschäftsmodell hat ausgedient, der Fokus muss zum Kunden


3. Die Bedeutung von Technologie nimmt immer noch zu

Diese Feststellung umfasst eine ganze Reihe von Implikationen, die den bisherigen Nachrichtenmarkt einschneidend verändern:

  • Die neuen Technologien senken oder beseitigen sogar die Barrieren für den Einstieg in den Nachrichtenmarkt. Das führt zu einer historisch beispiellosen Fluktuation.
  • Die Datenmenge, mit der wir es in jedem einzelnen Bereich der Nachrichtenproduktion und -vermittlung zu tun haben, hat sich explosionsartig vergrößert und wächst weiterhin. Ihre Bewältigung ist mittlerweile ohne massiven Einsatz neuer und neuester Technologien völlig undenkbar.
  • Die rasante Weiterentwicklung der neuen Technologien muss ständig aufmerksam verfolgt, die Strategien der Medienunternehmen müssen laufend daran angepasst werden. Vor vier Jahren waren Apps ein Novum; heute dominieren sie den Mediengebrauch. Auf die jahrhundertelange konstante Drucktechnik mit ihren schrittweisen Verbesserungen mussten Redakteure und Verlagsleiter im journalistischen Tagesgeschäft dagegen nur in Ausnahmefällen Gedanken verwenden.
  • Die Diversität der "Schnittstellen", über die Nachrichten ihre Adressaten erreichen, nimmt laufend zu. Das führt dazu, dass Nachrichten nicht mehr sinnvoll für ein bestimmtes Medium geschaffen werden können, sondern medienneutral erstellt und dann auf den unterschiedlichsten Kanälen publiziert werden müssen. Natürlich kann der Journalist nur für ein Publikum schreiben, aber die Recherchen, die Eckpfeiler der Informationen und Interpretationen etc. können sehr wohl sinnvollerweise zunächst einmal medienunabhängig erstellt und dann für das jeweilige Publikum aufbereitet werden.

4. Das alte Geschäftsmodell hat ausgedient

Dieser vierte Punkt kann nach dem Vorausgegangenen nicht überraschen. Es lohnt jedoch, sich ihn näher anzusehen:

  • Wo grundsätzlich jeder Teilnehmer am Diskurs potenzieller Nachrichtenlieferant ist, tendieren die sogenannten gatekeeper rents - die Erträge aus der Schleusenfunktion der Nachrichtenmedien - gegen null, und zwar ganz einfach deswegen, weil niemand mehr einer Schleuse bedarf, um an Nachrichten zu gelangen, gleichsam alle Schleusen offen sind. Das Filtern, Auswählen und Kommentieren von Nachrichten ist von einer conditio sine qua non der Nachrichtenübermittlung zu einer Art journalistischer Sonderausstattung geworden.
  • Aufgrund der massiv verschärften Konkurrenzsituation am Markt und des Rückgangs der traditionellen Leserschaft von Printprodukten, sind die Einkünfte aus dem Vertrieb von Zeitungen rückläufig. Dabei ist die Frage, ob die gedruckte Zeitung ausgedient hat oder nur ihren bisherigen Markt mit anderen Medien teilen muss, zweitrangig: Print wird im künftigen Gesamtmix von Medienunternehmen weniger wichtig.
  • Ähnliches gilt für die Werbeeinnahmen, die zunehmend zu den Neuen Medien abwandern, wo die Reichweite der einzelnen Schaltungen besser steuerbar ist und sich der Adressatenkreis viel genauer einschränken lässt.

Soweit eine Kurzfassung der Situation, mit der traditionelle Zeitungsunternehmen wie die NZZ-Mediengruppe zurande kommen müssen. Das Gesamtbild, das sich aus der Beschreibung dieser vier Faktoren der Transformation ergibt, ist jedoch insofern unvollständig, als es zu dramatisch und zugleich nicht dramatisch genug ist.

Nicht dramatisch genug ist es deswegen, weil bei der Analyse der Entwicklungen in der Aufmerksamkeitsökonomie, der diskursiven Funktionen, der neuen Bedeutung der Technologie und des Geschäftsmodells eine grundlegende Veränderung nicht in den Blick kommt, nämlich die Tatsache, dass das traditionelle Spiel von Angebot und Nachfrage im Nachrichtenbereich Geschichte ist.

Der Fokus muss weg vom Produkt und hin zum Kunden

Es sind nicht nur die an der Nachrichtenproduktion, -übermittlung und -rezeption beteiligten Akteure andere geworden, es sind nicht nur die medialen und ökonomischen Rahmenbedingungen neu, sondern in gewisser Weise ist uns auch das Produkt abhanden gekommen, mit dem wir bisher gehandelt haben. In der heutigen Situation sind Nachrichten nicht mehr per se auch Waren, so wenig wie der Tratsch an einem Stammtisch oder beim Friseur, sondern Material eines globalen Chats.

Der Fokus für das Geschäftsmodell muss daher weg vom Produkt - egal ob Zeitung oder Website - hin zum Fokus auf den zahlenden Kunden und dessen Bedürfnisse. Das journalistische Produkt der Zukunft bleibt noch zu schaffen - es wird aber zunehmend einer Dienstleistung gleichen, nämlich der Einordnung und der Analyse.

Die gute Nachricht ist, dass wir zwar vor der Aufgabe stehen, den Journalismus neu zu erfinden, aber die meisten Elemente, die wir dazu benötigen, bereits vorhanden sind.

Nichts von dem, was eine gute Zeitung bisher ausmachte - von der akribischen Recherche bis hin zum am Leser orientierten Stil, von der Ausgewogenheit der Berichterstattung bis hin zum unbestechlichen Urteil -, hat seine Relevanz verloren. Es sind neue Elemente hinzugekommen - die Notwendigkeit technischer Flexibilität, die Interaktivität der Nachrichtenproduktion, Datenanalyse und anderes -, aber wir müssen keine tabula rasa schaffen, um von Null zu beginnen, sondern wir können das Schiff auf hoher, wenn auch rauer, See umbauen.

Es geht lediglich ums Ganze.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
georg_doerner 10.08.2015
1. Neuer Wein in alten Schläuchen...
Herr D. bringt es auf den Punkt. Innovationen, die in eine alte Struktur gepresst werden sind sinnlos vergeudet. Die Print-Medien haben sich seit dem Aufkommen des Internets sehr schwer damit getan auch die Strukturen anzupassen. Es ist unverständlich, dass es in vielen Redaktionen immer noch eine Treunung print/ online gibt und Blogger oder Online-Redakteure skeptisch betrachtet werden. Was zählt, sind gute und leserorientierte Inhalte. Nur die lassen sich aufgrund des Kostendrucks kaum noch darstellen. Die Qualität leidet. Eine Abwärtsspirale hat begonnen: weniger Anzeigen-/ Vertriebserlöse, Einsparungen zu Lasten der Qualität, folglich weniger Erlöse usw. Von den Anpassungsschwierigkeiten und verpassten Gelgenheiten auf Produkt-/ Vermarktungsseite will ich gar nicht reden...
hschmitter 10.08.2015
2.
Es gibt noch eine anderen Grund für die Probleme der Zeitungen: Statt über etwas zu berichten wird "Content generiert". Heraus kommen dpa-Artikel, im Sommer "Schöne Haut und Joghurt", im Winter "Weihnachten und Zimt" oder sinnfreie Eigenproduktionen wie "10 Dinge, die Sie wissen müssen"....
morci-de 10.08.2015
3. Mainstreamhörigkeit statt Journalismus
neben dem sinnfreien Murks a la "die 10 Gründe für..." und massenhaft Artikeln von absolut zeitloser Schönheit im Stile von Wohlfühlmagazinen gibt es in den Medien einen dramatischen Verlust an klugem Journalismus. Das banale Spiel Regierung/Opposition wird nicht analysiert und den LeserInnen erklärt, sondern platt abgebildet und nachgeplappert ("Opposition watscht Regierung ab"), gern auch im Schüleraufsatz-Charakter ("immer mehr nimmt xy zu"). Der Leser/die Leserin merkt, wenn er/sie nicht ernst genommen werden - wenn sich die Griechenlandkrise wochenlang "immer weiter zuspitzt" - wenn immer nur Frauen und Kinder das Flüchtlingsthema bebildern - in der Unterkunft nebenan davon aber fast nichts zu sehen ist, weil da fast nur junge Männer sind - wenn munter über die Forderungen nach "einem Einwanderungsgesetz" geschrieben wird, und kein Journalist wissen oder gar berichten will, was und wozu denn in so einem Gesetz drin stehen solle - das Label "Einwanderungsgesetz", was immer das dann sein soll, genügt Die Beispiele ließen sich ellenlang fortführen. Und, oh Wunder: so etwas braucht kein Mensch
Ge-spiegelt 11.08.2015
4. Guter Artikel
Gegen die Informationsflut helfen Filter und prägnante Artikel, aber bitte etwas anspruchsvoller als Focus. Interessant finde ich Foren und Kommentare, aber auch hier benötigt man Filter und Bewertungen um Schrott erst gar nicht zu lesen. Ein deutscher Reddit fehlt auch. dann könnten die Medien auch Wikis anbieten , die das Wesentliche zu einem Thema zusammenfassen. Beispiel Energiewende, korrekte Fakten und Kosten der verschiedenen Energie Arten, Historie, Vorhersagen, Links zu mehr Informationen, Meinungen. .. Da kann auch durchaus Lebens Beratung dazugehören, wie Steuererklärung, Ehe, Vererbung, Ausbildung, Kinder, Versicherungen, Produkt Bewertungen, Gesundheit, Ernährung. Klar gibt's Vieles davon im Netz, aber es erfordert viel Zeit die Vertrauenswürdigkeit festzustellen und ob die gesuchten Antworten enthalten sind.
Planetenauswanderer 11.08.2015
5.
Tja ... Ein chinesisches Sprichwort (angeblich), das ich mal in einem Film aufgeschnappt hab, soll heißen: " Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die dummen Menschen Mauern, die weisen Windmühlen" KA, ob es dieses Sprichwort tatsächlich gibt, aber den Chinesen trau ich vieles zu, und es steckt definitiv was drin. Menschen sind nun mal so - in allen Situationen und in jedem Alter, am prominentesten ist als Bsp aber wohl der Tod - das beschützen zu wollen, was sie haben, weil man das eben schon kennt, wohingegen man das, was noch nicht da ist, nicht kennt ... Daraus erschließt sich vieles andere.
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