Diskussion in Polit-Foren Mitleid für Münte, Zorn auf Kurt Beck

Betroffenheit, Schadenfreude, Hoffnung: Der Rücktritt von Franz Müntefering bewegt die Gemüter auch in den politischen Internet-Foren. In der Kritik an SPD-Chef Kurt Beck sind sich Genossen, CDU-Sympathisanten und Unabhängige einig.


Im SPD Forum Meine SPD wurde die Nachricht vom Rücktritt des Arbeitsministers und Vizekanzlers heute vormittag ganz neutral mit "Franz Müntefering legt seine Ämter nieder" gemeldet. Als Unterthema fragte der Moderator, ob der Rücktritt positive oder negative Auswirkungen auf die große Koalition haben könnte. Ein Antwort auf diese Frage geben die Nutzer zwar nicht, doch dafür gibt's reichlich Betroffenheit. "Oh nein", lautet gleich der erste Diskussionsbeitrag, "Schade" ein anderer und schließlich: "Das darf nicht sein". Nur ein Nutzer schreibt, dass ihn das Ereignis regelrecht "happy" mache, sein monatelanger Traum vom Aus des Parteivizes habe sich nun endlich erfüllt.

"Ein schwerer Schlag für die SPD"

Manche Nutzer befürchten eine politische Rolle Rückwärts der Partei unter Kurt Beck. "Jetzt ist einer der letzten Gründe weg, warum man an eine moderne SPD glauben kann", lamentiert einer. Ein anderer ergänzt: "Das ist ein schwerer Schlag für die SPD, dieser Schritt wird ihr großen Schaden beifügen."

Die Namen von Münteferings politischen Stammhaltern sind schnell durchdekliniert, sie lauten Steinmeier, Steinbrück, Scholz und sogar Schröder. Diese S-Klasse soll die SPD wieder auf den richtigen Kurs steuern, meinen die Diskutanten - doch was ist eigentlich mit dem Parteichef selber?

Kurt Beck hat unter den Nutzern von "Meine SPD" nicht viele Fans. Es wird heftig darüber diskutiert, welche Rolle er und die gestrige Koalitionsrunde bei der Entscheidung des Vizekanzlers gespielt haben könnten. Ein wenig schräg ist von "Becks Demontage" und dem "sinkenden Schiff der Großen Koalition" die Rede. Andere Genossen verbieten sich jedoch die "wüsten Spekulationen": "Einen Rücktritt aus familiären Gründen muss man akzeptieren!!!", erregt sich ein Verteidiger.

Was auch immer Müntefering zu seinem Rücktritt bewogen hat, die SPD-Foren-User bringen ihm volles Verständnis entgegen - und hoffen auf einen Ersatzmann, der sich in der großen Koalition durchsetzen kann. "Gestalten oder angreifen?", das bleibt weiterhin die Frage.

CDU wünscht "Alles Gute"

Bei den Konservativen kann man sich auf das Hauptdiskussionsthema nicht ganz einigen. Im Forum der CDU beherrschen zwei Fragen die Debatte: Sind die Gründe für den Rücktritt Münteferings wichtiger - oder die Debatte um die Auswirkungen auf die CDU?

Der Rücktritt sei durch die "Desavouierung durch Beck" ausgelöst worden - da sind sich die Teilnehmer einig. Nun, meint ein Teilnehmer, "stolpert er (Beck) wohl hoch". Die Runde ist voller Verständnis für den Rücktritt des Rivalen von der SPD, man wünscht ihm sogar "Alles Gute".

Verwunderlich ist diese Haltung nicht: Die CDU-Symphatisanten im Forum wittern mit dem Rücktritt des SPD-Veterans die große Chance für ihre Partei. Man müsse das Richtige aus dieser Situation machen, schreibt einer, die SPD könnte die Macht im Lande verlieren, ein anderer. Es sei alles eine Frage der Aufstellung der Union. Fazit: Abwarten und Tee trinken, bis der Neue kommt. Dann wird sich zeigen, was für Folgen der Rücktritt Münteferings wirklich auf die CDU hat.

Politik Forum: Kollektives Aufatmen

Ganz anders sieht das Meinungsbild jedoch auf dem formal überparteilichen Politik Forum aus. Dort wird schon seit zwei Monaten über den möglichen Rücktritt Münteferings heftig spekuliert - dass das Ereignis heute nun endlich eingetreten ist, sorgt für kollektives Aufatmen. "Da Müntefering zu den Verrätern der sozialdemokratischen Idee gehört, ist es nicht wirklich schade um ihn", schreibt ein Nutzer. "Er ist 67, also ab in die Rente."

Auch hier will niemand an ausschließlich familiäre Gründe glauben - Beck brauche "Müntes Stuhl für die Kanzlerkandidatur", daher habe er seinen Partei-Rivalen abgesägt, meinen die Nutzer. Falls der eine den anderen tatsächlich ersetzen sollte, würde das wegen der "Profillosigkeit" des Pfälzers nicht wirklich etwas an der SPD ändern. Denn: "Die Partei bleibt einfach so wie sie ist - nicht allein die Führung macht's."

pha



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