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05. Juni 2015, 11:49 Uhr

DNA-Forschung

Gene in der Google-Cloud

Wissenschaftler brauchen eine Menge Rechenleistung, um das Erbgut der Menschheit für medizinische Zwecke zu erforschen. Amazon und Google helfen dabei - nicht ohne Hintergedanken.

Die Onlinekonzerne verlagern ihren Konkurrenzkampf auf ein neues Schlachtfeld: Google und Amazon umwerben verstärkt die Forscher, die sich mit dem Erbgut der Menschheit befassen. Die Internetkonzerne bieten Speicherplatz und Rechenpower auf ihren Servern an, um beim Wettrennen um die Medizin der Zukunft ganz vorne mitzuspielen.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge setzen die Online-Anbieter immer mehr auf das Geschäft mit dem Genom, das im Jahr 2018 insgesamt eine Milliarde Euro wert sein könnte. Das geht aus Interviews hervor, die Reuters mit Forschern, Industrieberatern und Analysten geführt hat.

Dafür werben Google und Amazon intensiv um die Gunst der Mediziner, die in Zukunft die Menschen individuell behandeln wollen. Die Forscher wollen die Medikamente und die Dosierung an die jeweiligen DNA-Profile der Patienten anpassen. Doch um dieses Ziel zu erreichen, benötigen sie enorme Datenmengen und viel Rechenleistung. "Auf dem lokalen Universitätsserver könnte es Monate dauern, eine rechenintensive Analyse durchzuführen", sagt Gerald Schellenberg, der ein Alzheimer-Forschungsprojekt an der Universität von Pennsylvania leitet. Bei Amazon sei die Frage eher, wie lange es dauern soll.

Google und Amazon sichern sich Forschungsprojekte

Auf den Amazon-Servern sollen etwa die Daten der Myeloma Foundation gespeichert werden. Für das Projekt werden Erbinformationen von tausend Patienten gesammelt. Die Genome haben jeweils einen Informationsgehalt von bis zu 800 Megabyte, was für moderne Rechenzentren nicht viel Speicherplatz ist. Der große Speicherplatzbedarf ergibt sich erst aus den Kombinationen der Erbinformationen und aus Rechenspielen mit den Daten.

Auch Google hat sich prominente Forschungsprojekte gesichert. Der Werbekonzern bietet seine Dienstleistungen für eine Analyse der Erbgutinformationen von 10.000 autistischen Kindern und deren Eltern an. Ein anderer Kunde ist Tute Genomics. Das Unternehmen pflegt eine Datenbank von 8,5 Milliarden DNA-Varianten. Diese Datenbank zeigt, wie häufig DNA-Varianten vorkommen und wie Patienten mit einer gewissen DNA-Variante auf bestimmte medizinische Behandlungen reagieren.

Viele Institutionen dürfen kostenlos ihre Erbgutsammlungen auf den Google- und Amazon-Servern ablegen. Doch diesen Gratisservice bieten die Unternehmen selbstverständlich nicht ohne Hintergedanken an. Sie hoffen vermutlich auf das große Geschäft, sobald ein Projekt den Durchbruch schafft. Schließlich begeben sich die Wissenschaftler in eine gewisse Abhängigkeit, wenn sie sich für einen Dienstleister entschieden haben. Und die Netzkonzerne entwickeln sich ganz nebenbei zu erfahrenen Partnern für die Pharmabranche, die vermutlich für die Dienstleistungen eines Tages auch wird bezahlen müssen.

jbr/Reuters

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