Doch nicht ausgestorben Die Saurier sind ausgewandert!

Wie kann man nur so blind sein? Da graben Menschen seit Jahrhunderten nach alten Knochen, bestaunen diese "Zeugen der Vergangenheit" - dabei sind die Saurier mitten unter uns. Das ist bedrohlich, denn sie sind uns technologisch weit überlegen: 64 Millionen Jahre Vorsprung sind schwer aufzuholen...

Von


[M] AP

"It takes all kinds", sagt der gemeine Engländer - und meint damit so allerlei:

  • a) "Leben und leben lassen"
  • b) "Jeder nach seiner Fasson"
  • c) "Die Welt ist voller Beknackter"

Ein Streifzug durch die äußerst bunte Welt der Conspiracy-Seiten lässt begreifen, wie man zu einem derart mehrdeutigen Sprichwort kommen kann. Die Perle der Woche: "The Dinosaurs Had a 64 Million Year Head Start" von -

...wenn man das wüsste. Zu finden ist dieses Kleinod unter den "Verschwörungstheorien" bei "amongst-us". Der Name ist Programm: Die Website ist Futter für Paranoiker.

Die Theorie

"Stenonychosaurus", informiert uns der unbekannte Autor, "gilt als einer der intelligentesten Dinosaurier" - und wurde 1982 zum Objekt einer extrapolierenden wissenschaftlichen Studie von Dale Russell. Auf Grundlage eines Fossilfunds aus dem Jahre 1967 ging diese Studie der spekulativen Frage nach, was geschehen wäre, wenn die Dinosaurier vor 64 Millionen Jahren nicht ausgestorben wären, sondern sich weiterentwickelt hätten?

Das Ergebnis, 1982 weiß-der-Teufel-wo veröffentlicht (denn natürlich nennt unser Autor keine Quellen), hätte uns allen die Augen öffnen sollen!

Russell sah im Stenonychosaurus das Potenzial einer Weiterentwicklung zum "Dinosauroiden". Unser anonymer Autor: "Als Räuber hätte der Dinosauroid seine Beute entweder durch ausdauerndes Rennen oder durch den Einsatz einfacher Waffen zur Strecke bringen können - so wie 64 Millionen Jahre später der primitive Homo sapiens."

Homo sapiens! Wenn man schon einmal so weit ist, warum sollte man nicht weitermachen? Also, befindet unser Autor, sollte man Russells Gedankenexperiment doch mal zu Ende denken - und sehen, wo man ankommt...

Zitat: "Nehmen wir doch einmal an, dass der Stenonychosaurus am Ende der Kreidezeit nicht wirklich ausstarb. Ist es nicht bemerkenswert, dass die Beschreibung des Dinosauroids eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Beschreibungen aufzeigt, die von vielen Zeugen nach Ufo-Kontakten abgegeben wurden?"

Sue, der weltweit bekannteste T-Rex: Wanderten ihre Verwandten nach der Katastrophe vor 64 Millionen Jahren ins Weltall aus?
REUTERS

Sue, der weltweit bekannteste T-Rex: Wanderten ihre Verwandten nach der Katastrophe vor 64 Millionen Jahren ins Weltall aus?

Ah, jetzt ja...
Weiter heißt es in dem Artikel: "Lange, klauenhafte Finger, große, mandelförmige Augen, reptilhafte Nasenlöcher, drei Zehen an den Füßen, eine echsenhafte Haut, von eher kleiner Statur und das völlige Fehlen sichtbarer Ohren wurden von vielen Menschen bezeugt, die Kontakt zu Ufo-Besatzungen hatten."

Nun muss das eine ja nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun haben. Saurier sind schließlich ausgestorben, oder?

Antwort: "Die Wissenschaft weiß nicht, ob Saurier ausgestorben sind. Sie nimmt es an, weil heute so wenig Nachfahren leben, die als Dinosaurier zu erkennen wären."

Papperlapapp, sagt da der Skeptiker, kleine graue, möglicherweise von Sauriern abstammende Ufo-Besatzungen habe ich aber auch länger nicht getroffen.

Zitat: "Aber was wäre, wenn ein, zwei Spezies überlebt hätten und es nicht nur zu hoher Intelligenz gebracht hätten, sondern auch eine Technologie hervorbrachten, die es ihnen ermöglichte, den Kosmos zu erforschen?"

Das, so sehen wir ein, ist ein Argument! Man muss sich schließlich vorstellen, dass das Wetter nach dem Meteoriteneinschlag vor 64 Millionen Jahren ziemlich mies war. So richtig was zu kauen gab es auch nicht mehr und überhaupt waren gerade Raubsaurier zu dieser Zeit ziemlich arbeitslos, seit die meisten ihrer Beutetiere jämmerlich verreckt waren. Deprimierend ist das, und ein erstklassiger Grund für eine Auswanderung!

Der Autor geht also davon aus, dass zumindest ein paar der Echsen den großen Knall und die anschließende Klimakatastrophe überlebt haben. Damit hätten sie einen Entwicklungsvorsprung von 64 Millionen Jahren! Und den hätten sie natürlich dazu genutzt, um "Reiche aufzubauen und Raumschiffe zu entwickeln." Und lange, bevor sich der Mensch entwickelte, hätten sie "zwischen den Sternen verschwinden" können.

Dass diese Phantasterei aus lauter "würde" und "hätte" auch den gläubigsten Verschwörungsanhänger nicht so richtig überzeugen kann, ist auch unserem Autor klar. Vor allem fehlt ihr noch ein wichtiges Element: eine Verschwörung! Aber das ist leicht zu ändern.

Zurück auf den Boden der Tatsachen!

Die Sauroiden - bekannt aus vielen Ufo-Begegnungen - könnten natürlich auch einer parallelen Evolution irgendwo im Kosmos entstammen. Das würde sie vom Auswanderer auf Heimaturlaub zum echten intergalaktischen Touristen befördern. Und es würde erklären, woher sie diese lästige Unart haben, ständig Menschen von der Erde kidnappen.

Zitat: "Machen wir uns das klar: Wenn wir es endlich schaffen, auf einem fremden Planeten zu landen und dort mehr oder weniger intelligente Bewohner antreffen, dann würden unsere Wissenschaftler und Geheimdienste natürlich darauf bestehen, dass Exemplare zur Erde gebracht würden. Tot oder lebendig, zu Forschungszwecken. Haben wir dann wirklich das Recht, uns darüber zu erregen, dass die Aliens Menschen für ihre Experimente kidnappen?"

Nein, da sollten wir Verständnis zeigen. Weniger Verständnis hat unser Autor für eine andere Erklärung, die zugegebenermaßen auf der Hand liegt: "Diese Testexemplare würden zu Studienzwecken eingesammelt oder getötet. Punkt. Diese Leute in den Regierungsbehörden, deren Job es ist, solche Missionen zu planen und durchzuführen, wissen das seit langem. Es ist möglich, dass sie ihre Mitmenschen zu Übungszwecken entführen und sezieren, um ihre Techniken zu vervollkommnen."

Jetzt wissen wir zwar, dass Beamte meist von etwas gräulicher Farbe sind, aber "Sauroid" sehen sie eher selten aus.

Die Verschwörung

Die gleiche graue Haut, das gleiche seelenlose Gesicht: Wie hat man die Familienähnlichkeit so lang nicht erkennen können?
REUTERS

Die gleiche graue Haut, das gleiche seelenlose Gesicht: Wie hat man die Familienähnlichkeit so lang nicht erkennen können?

Doch auch darauf hat unser unbekannter Autor eine Antwort. Die Entführungen werden natürlich von Sauroiden ausgeführt, das ist ja bekannt. Aber die sind nicht etwa Aliens oder Saurier auf Heimaturlaub, sondern sie sind das Resultat gentechnischer Experimente! Sauroide sind, was aus den Menschen wird, die von Ufos entführt werden! Die Regierung züchtet sie in unterirdischen Basen! Und wir wählen diese Leute noch!

"Stellen Sie sich vor, dass Sauroide nicht etwa Kreaturen sind, die vor uns lebten, sondern dass sie die Kreatur sind, die einige von uns bald sein werden."

Entgegen den in Konspirations-Kreisen üblichen Geflogenheiten wagen wir es, eine letzte Frage an unseren anonymen Autor zu stellen: Was sollte das alles für einen Sinn haben?

Die Antwort: "Einige Reptilien haben die Fähigkeit, verlorene Körperteile zu regenerieren. Das würde Forschern, die wir auf Millionen Meilen entfernte Planeten schicken, echte Vorteile bieten, wo doch Ersatz-Gliedmaßen kaum vorrätig sein werden." Außerdem kämen Reptilien oft wochenlang ohne Nahrung aus, seien unempfindlich gegen kosmische Strahlung - kurzum: Sie wären der ideale Astronaut.

"Dieses Land", schließt unser anonymer Autor, "plant in den nächsten 30 Jahren eine Reise zum Mars, um den Planeten zu kolonisieren. Stellen Sie sich nur einmal vor, welche Eigenschaften wir mitbringen müssten, um dorthin zu gelangen und dort zu überleben!"

Sauroide?



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