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Plug & Pray: Sinn- gegen Lösungs-Sucher

Foto: Farbfilm Verleih

Dokumentation "Plug and Pray" Joseph Weizenbaum und die Euphoriker

Der Film "Plug & Pray" ist weit mehr als ein Abschied vom großen Technik-Skeptiker Joseph Weizenbaum. Die nun in ausgewählten Kinos anlaufende Dokumention ist eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Dingen, die wir zunehmend als selbstverständlich ignorieren.

Man verrät kein Geheimnis, keine Pointe über "Plug & Pray", die vierte große Dokumentationsarbeit des aus Bonn stammenden Jens Schanze , wenn man verrät, dass der Film auf einer traurigen, wehmütigen Note endet. Natürlich ist das so, denn am Ende ist Joseph Weizenbaum tot, dieser gedankenvolle Kritiker des technologischen Fortschritts, den man in den 91 Minuten davor ein wenig näher kennengelernt hat.

Aber "Plug & Pray" ist kein Film über Weizenbaum. Er ist eine filmische Diskussion über große Themen: Fortschritt und Größenwahn, Sinn und Menschlichkeit, Verantwortung, Technologie und Kultur. In diesem Themenfeld gibt Weizenbaum ein letztes Mal die Rolle, die er seit Anfang der Siebziger Jahre spielte: Die bestens informierte Unke, Mahner und Bewahrer gegen einen Fortschrittsglauben, der seiner Meinung nach auf einem falschen Menschenbild fußt und die Frage nach den Folgen zu oft nicht einbezieht.

Diese aus Weizenbaumscher Sicht bedenkliche Weltsicht stellen im Laufe des Filmes einige der führenden Informatiker, Robotiker und Futurologen der Gegenwart als ihre eigene vor. Wir begegnen ihnen an ihren Wirkungsorten, auf Kongressen, an ihren Instituten, in ihren Laboren oder auf technologischen Leistungsshows des Militärs.

Sie malen uns eine Zukunft aus, die voller Reiz ist. Alles, was sie zu sagen haben, ist in sich schlüssig, teils verheißungsvoll und längst Teil der Denkwelt technisch geprägter Menschen. Mit der Kamera aber gelingt es immer wieder, diese Visionäre sich selbst in Frage stellen zu lassen.

Entzauberte Visionen

Da sagt etwa der japanische Robotiker Minoru Asada sachlich: "Durch meine Forschung möchte ich begreifen, wie die menschliche Entwicklung abläuft. Ich möchte mich dem Mysterium Mensch nähern. "

Und dann sagt er folgendes: "Dafür gibt es verschiedene Technologien."
Und dann: "Man wird dieses 'Nur Gott ist allmächtig' auch in religiöser Hinsicht überdenken müssen."

Ray Kurzweil, dieser fraglos genialische Vordenker und Erfinder, verkauft uns derweil nicht mehr nur Visionen von der Optimierung und Verlängerung des Lebens, sondern auch die dazu notwendigen Pillen. Klar ist das so, denn Kurzweil war immer ein Macher, ein Umsetzer, ein Produzent, kein reiner Denker. Und ein Größenwahnsinniger, würde Weizenbaum wohl denken. Ist das so?

Auf jeden Fall scheint hier eine Geisteshaltung durch, die weit entfernt von Sinnfragen nur noch die Machbarkeit von Dingen erkundet. Wir kennen das, wir denken ja selbst meist so. "Nennen Sie mir einen einzigen vernünftigen Grund", sagt Weizenbaum im Film, "warum man einen menschenähnlichen Roboter bauen sollte."

Weil man es kann? Weil man ihn braucht? Und wenn: wozu? Oder wozu wirklich?

Weizenbaum, dieser fragile, sterbende 85-jährige, den wir immer wieder im wohlgeordneten Chaos seiner Berliner Wohnung sehen, spricht von "Euphorie und Größenwahn". Normalerweise fällt uns das gar nicht mehr auf. Erst der Kontext macht es bewusst, dass hier scheinbar Tiefsinniges geäußert wird, das letztlich nicht genügend reflektiert ist. Dass nicht jede schöne Vision auch gut ist. Weizenbaum fragt am Anfang des Films: "Was ist das für ein Menschenbild, was bedeutet das, wenn man glaubt, das man Menschen jetzt herstellen kann?"

Denn zumindest vordergründig geht es in "Plug & Pray" um Technik, um "Optimierung" des Lebens, um künstliche Intelligenz. Wenn man sich auf den sehenswerten Film einlässt, begreift man am Ende, dass das so ganz aber nicht stimmt: Eigentlich geht es immer um unsere.


"Plug & Pray" läuft ab Donnerstag, 11. November 2010 in 20 Kinos. Eine Liste der Kinos gibt es zum Download (PDF)  und jeweils aktualisiert auf der Webseite zum Film .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.