Patrick Beuth

Untauglicher Trump-Faktencheck Twitter checkts nicht

Patrick Beuth
Ein Kommentar von Patrick Beuth
Ein Kommentar von Patrick Beuth
Unglücklich gewählte Quellen, unklare Formulierungen, konstruierte Begründung: Twitters erster Faktencheck eines Trump-Tweets macht Defizite des Unternehmens im Kampf gegen Falschinformationen deutlich.
Donald Trumps Twitteraccount

Donald Trumps Twitteraccount

Foto: Valentin Wolf / imageBROKER / imago images/imagebroker

Twitters erster Faktencheck eines Trump-Tweets hat vor allem eines gezeigt: Einen zweiten dieser Art kann sich das Unternehmen sparen. So jedenfalls lässt sich niemand überzeugen, dass der US-Präsident fantasiert oder lügt.

Es beginnt schon bei der Form: "Get the facts about mail-in ballots" steht hinter dem von Twitter gesetzten Ausrufezeichen unter Donald Trumps Tweet. Das klingt, als ob es hinter dem entsprechenden Link noch mehr Informationen zu Trumps Briefwahl-Unwahrheiten gäbe. Nicht, als ob da etwas richtiggestellt würde. Hier fehlt schlicht der klare Hinweis, dass Trumps Aussage falsch ist.

Dass Twitter sich dann beim Faktencheck ausgerechnet auf "CNN, die 'Washington Post' und andere" beruft und einfach mehrere Links auf Artikel und Tweets von Journalisten als Faktencheck verkauft, ist ebenfalls eine unpassende Entscheidung. Nicht, dass es grundsätzlich schlechte Quellen wären, aber niemand, der Trump ernst nimmt, wird diese Medien ernst nehmen. Hier hätte Twitter zumindest ein Statement der Wahlbehörden (in diesem Fall von Kalifornien) einholen oder zitieren müssen.

Warum ausgerechnet dieser Trump-Tweet?

Damit wird Twitters strukturelles Problem deutlich: Das Unternehmen hat zwar diverse Richtlinien für den Umgang mit Falschinformationen, aber keine geeigneten Partner, um sie durchzusetzen. Anders als Facebook arbeitet Twitter nicht mit externen Faktencheckern zusammen, sondern entscheidet intern, was als Falschinformation zu zählen ist. Wie viele Mitarbeiter damit beschäftigt sind, verrät das Unternehmen auch auf Nachfrage nicht. Zahlen dazu gäbe es aktuell nicht, teilte ein Sprecher dem SPIEGEL am Mittwoch mit.

Es ist auch nicht ohne Weiteres ersichtlich, warum Twitter versucht, ausgerechnet diesen Tweet richtigzustellen. Die offizielle Begründung wirkt ein wenig konstruiert. Der US-Präsident habe "eine Reihe von Behauptungen über möglichen Wahlbetrug verbreitet, nachdem Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom Pläne für eine Ausweitung von Briefwahlen während der Covid-19-Pandemie angekündigt hatte".

Nur hatte Trump in seinen Tweets die Pandemie überhaupt nicht erwähnt, sondern nur den Gouverneur von Kalifornien. Der Kern von Trumps Lüge hat also nichts mit dem Coronavirus zu tun, sondern mit angeblichem Wahlbetrug. Aber für einen solchen Fall hat Twitter keine passende Handhabe. Im Gegenteil, in seinen seit Oktober 2019 geltenden Regeln für Staatschefs  untersagt das soziale Netzwerk lediglich so etwas wie direkte Gewaltandrohungen, Terrorbotschaften, die Verbreitung privater Daten oder intimer Fotos anderer Personen. Für fast alles andere gibt das Unternehmen führenden Politikern geradezu einen Freibrief.

Den Zusammenhang mit der Coronakrise bemüht Twitter nun vermutlich, um sich auf seine entsprechenden Richtlinien gegen Corona-Falschinformationen  berufen zu können, die zuletzt vor zwei Wochen aktualisiert wurden.

Dadurch hat sich das Unternehmen selbst einen schwierigen Präzedenzfall geschaffen. Welche von Trumps ständigen Falschaussagen unterzieht Twitter künftig einem Faktencheck? Nur jene, die irgendetwas mit dem Coronavirus zu tun haben? Auch Behauptungen jenseits von Corona, wie es streng genommen jetzt der Fall war? Alle? Gar keine mehr?

In jedem Fall wird es für Twitter schwierig, unter den jetzigen Voraussetzungen konsistent mit dem meistbeachteten Lügner unter seinen Nutzerinnen und Nutzern umzugehen. Der erste Faktencheck wirkt jedenfalls wie eine Vorlage für viele Eigentore.

Hinweis: Am Donnerstag hat Twitter seinen Faktencheck nachträglich ergänzt . Neu ist der Verweis auf Twitters "civic integrity policy" , mit der das Unternehmen sein Einschreiten bei Unwahrheiten im Zusammenhang mit Wahlen begründet.