Donald Trump und der kritische Reporter Altes Video, neue Aufregung

Bei einem Trump-Auftritt wird ein kritischer Reporter rausgeworfen? Der nächste Eklat des US-Präsidenten, raunen Internetnutzer und teilen massenhaft das Beweisvideo. Aktuell ist der Vorfall jedoch nicht.

Trump-Video auf Facebook
Facebook

Trump-Video auf Facebook


Ein Holocaust-Statement, in dem nicht einmal das Wort "Juden" vorkommt. Ein Einreiseverbot für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern. Der Ex-"Breitbart"-Chef Steve Bannon im Nationalen Sicherheitsrat. Verunglimpfungen etwa von CNN und "New York Times" auf Twitter. Donald Trump hat in seinen ersten Tagen im wohl wichtigsten Amt der Welt jede Menge Anlässe geliefert, über die sich viele Menschen aufregen. (Hier liefert Sascha Lobo übrigens eine Anleitung, wie man sich durch Trump nicht verrückt machen lässt.)

Doch bei aller Wut lohnt es sich bei manch vermeintlich aktuellem Aufreger, kurz innezuhalten und sich - und sei es nur aus Prinzip - ein paar Internet-Suchergebnisse zum jeweiligen Thema anzuschauen. Nicht alles, was gerade als neuester Eklat die Runde macht, ist wirklich neu.

Das beste Beispiel dafür ist derzeit ein Video, in dem der Reporter Jorge Ramos vom TV-Sender Univision Trump bei einem Auftritt in Iowa kritisiert. Ramos wird erst von Trump ermahnt, sich hinzusetzen, da er fürs Stellen einer Frage nicht aufgerufen wurde, Ramos hört allerdings nicht auf, zu stehen und weiterzusprechen. Alsbald wird Ramos von einem Sicherheitsmann aus dem Saal geführt, bevor er überhaupt eine Frage gestellt hat. Außerhalb des Saals wird der Reporter noch bepöbelt.

Ein Vorfall vom August 2015

Über 33.000 Mal wurde der Clip seit dem 31. Januar auf Facebook geteilt, wo er mit den Worten "Willkommen in der Trump-Ära" gepostet wurde. In die Timelines ihrer Freunde gespült wird der Clip von Nutzern mit Kommentaren wie "USA, jetzt", "Pressefreiheit im neuen Amerika" und "Das neue faschistische Regime in Aktion".

Auf Twitter ist der Clip sogar noch beliebter als auf Facebook. Dort wurde das Video allein auf einem Account offenbar 5,3 Millionen Mal gestartet, nachdem es am 31. Januar mit der Überschrift "Warum trendet das nicht?" gepostet wurde. Stand Donnerstagnachmittag kommt der Clip, bei dem der erste Teil des Dialogs von Ramos und Trump fehlt, was den Eindruck ein wenig verzerrt, auf über 130.000 Retweets.

Der Haken an der Sache: Den Vorfall, der nun auf Facebook und Twitter für Empörung sorgt, hätten Trump-Gegner schon vor anderthalb Jahren kritisch kommentieren können. Wie etwa dieses "Fox 10 Phoenix"-Video (ab circa Minute 2:40) oder dieses "Fusion"-Video zeigt, fand das Aufeinandertreffen von Ramos und Donald Trump bei einem Trump-Auftritt im August 2015 statt. Das Videomaterial entstand also, lange bevor Trump Kandidat der Republikaner, geschweige denn Präsident, war.

Die Clips, die nun viral gehen, sind Ausschnitte einer Ramos-Doku namens "Hate Rising", die im Oktober 2016 veröffentlicht wurde (die Szene ist ab Minute 18:20 zu sehen). Im Grunde gibt es also gerade nur neue Aufregung um ein altes Video.

Video auf YouTube: Ein Vorfall von 2015
YouTube

Video auf YouTube: Ein Vorfall von 2015

Beanstanden lässt sich der Umgang des Trump-Lagers mit Reporter Ramos zwar auch jetzt noch, auch mit Blick auf die Szene außerhalb des Saals. Aber gerade, wenn es gefühlt ohnehin zu viel zum Empören gibt, lohnt es vielleicht, sich auf aktuelle Vorfälle zu konzentrieren - und nicht auf ältere, die nur wegen ihrer Präsenz und Präsentation in den sozialen Medien so wirken, als wären sie gerade passiert.

Später durfte Ramos übrigens wieder in den Raum und Trump seine Kritik vorbringen (zu sehen ab Minute 19:02).

Tipps für den Online-Alltag: So enttarnen Sie Fakes
Ist die Quelle seriös?
Stößt man auf eine spektakuläre Nachricht, sollte man zunächst prüfen, auf welcher Quelle sie beruht. Bei einer Falschmeldung des "Denver Guardian" aus dem US-Wahlkampf etwa hätte es schon gereicht, den Namen des Mediums zu googeln. Einen "Denver Guardian" gibt es nämlich nicht, wie die "Denver Post", eine real existierende Zeitung, klarstellte. Seriöse Nachrichtenseiten haben ein Impressum und Kontaktmöglichkeiten und verschleiern nicht, wer sie betreibt.

Interessant ist auch, was eine Seite bislang veröffentlicht hat. Ist eine spektakuläre Nachricht vielleicht der erste Beitrag überhaupt? Gibt es die angeblich traditionsreiche Seite möglicherweise erst seit einer Woche? Oder postet die Seite sonst offenkundig blödsinnige Nachrichten?
Handelt es sich um eine Satire-Meldung?
Hat man den Kontext im Blick, entdeckt man auch Satire-Postings leichter. Seit Jahren zum Beispiel kommt es vor, dass Internetnutzer "Postillon"-Meldungen für bare Münze nehmen. Die Website verspricht zwar "ehrliche Nachrichten - unabhängig, schnell, seit 1845", veröffentlicht aber Quatschmeldungen wie "Katastrophenschutz warnt: Werwölfe heute Nacht bis zu 15 Prozent größer". Ähnliches gilt für "Die Tagespresse", die sich als "Österreichs seriöseste Onlinezeitung" bezeichnet.

Neben Satire-Seiten gibt es Websites, die mit erfundenen Nachrichten Besucher locken wollen, um über Anzeigen Geld zu verdienen. Die US-Aufklärungswebsite "Snopes" listet diverse solcher vermeintlicher Nachrichtenangebote auf, darunter etwa "World News Daily Report" und "National Report". Bei Twitter-Accounts sollte man überprüfen, ob ein Tweet wirklich von dem Account kommt, dem er zugeschrieben wird. Mitunter begegnet man auf Twitter auch Fake-Accounts, die nur so ähnlich heißen wie ein bekannter Account. Davon, dass ein Twitter-Konto wirklich demjenigen gehört, dem er angeblich gehört, kann man erkennen, wenn er von Twitter "verifiziert" wurde, also einen weißen Haken auf blauem Hintergrund neben dem Profilnamen hat.
Was steht wirklich im Artikel - und was nur in der Vorschau?
Gerade bei aggressiv etwa per Facebook angepriesenen Artikeln lohnt es sich, im Original-Artikel nachzuschauen, ob der kleine Vorschauschnipsel auf den Artikel und der eigentliche Inhalt zusammenpassen: Steht die Sensation überhaupt im Text?

Jeder Facebook-Nutzer, der eine Seite betreibt oder eine Community managt, kann beim Posten eines fremden Artikels auch die Überschrift und den Einleitungstext ändern.
Hier zum Beispiel haben wir einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel mit der Überschrift "Kristina Schröder zieht sich aus Bundespolitik zurück" mal anders verpackt. Wir hätten auch Quatsch schreiben können wie "Kristina Schröder begeistert von Trumps Frauenbild". Merken würde man das als Facebook-Nutzer erst beim Klick auf den Artikel.
Wo kommt die Information her?
Seriös arbeitende Journalisten machen deutlich, wo ihre Informationen herkommen. Wenn etwa über eine Studie berichtet wird, sollte diese genau genannt oder verlinkt sein. Und wenn man ein anderes Medium zitiert, kann man auch einfach einen Link setzen.

Bei Medien wie SPIEGEL ONLINE steht am Ende von Meldungen übrigens oft ein Hinweis wie "dpa", "Reuters" oder "AFP". Dieses Kürzel zeigt an, dass die Meldung oder ein Teil ihrer Informationen von einer Nachrichtenagentur stammt. Meldungen aus Agenturen lassen sich nicht immer verlinken.
Wurde die Quelle richtig wiedergegeben?
Wenn es schon Quellen-Erwähnungen oder -Links gibt, lohnt es sich bei kontroversen Meldungen oft, sich durchzuklicken, bis man irgendwann bei der Ursprungsquelle ankommt. Manchmal ist sie uralt oder wird falsch wiedergegeben, was nicht immer böswillig geschehen muss: So kann es zum Beispiel Übersetzungsfehler geben. Wie der Quellencheck konkret aussehen kann, zeigt zum Beispiel dieses Video vom Kanal "Die besorgte Bürgerin":
Seiten wie "We Watch Fake Anonymous" konnten mit teils simplem Quellenaufrufen immer wieder Behauptungen der mittlerweile gelöschten Facebook-Hetzseite "Anonymous.Kollektiv" widerlegen.
Falle ich gerade auf einen Fake-Klassiker rein?
Viele Falschmeldungen kursieren monate- oder jahrelang durchs Netz - und trotzdem gibt es immer wieder Nutzer, die darauf reinfallen. Das gilt zum Beispiel für Aufrufe, bei denen behauptet wird, per Bild-Posting könne man den Facebook-AGB widersprechen.

Oft reicht es schon, Stichworte einer Meldung mit dem Zusatz "Fake" ins Google-Suchfeld zu packen. Aufklärungsseiten wie "Mimikama" und "Emergent" und Medienkritik-Portale wie "Übermedien" und das "BILDblog" haben schon über viele wiederkehrende Falschmeldungen berichtet.

Viele aufregende Geschichten entlarven sich per simplem Googlen auch als Urban Legends, als Großstadtmythen. Das gilt für manche angebliche Horrornachricht rund um Flüchtlinge - wie die "Hoaxmap" zeigt -, aber auch für viele Anekdoten, die jemand von einem ungenannten Dritten gehört haben will, etwa die Geschichte vom Hund, der im Kaufhaus stirbt.
Ist die Information tatsächlich brisant?
Vorsicht ist auch dann geboten, wenn als Quelle nebulös ein Leak angegeben wird. Nur, weil etwa eine E-Mail nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, heißt dass nicht, dass sich darin automatisch eine spektakuläre Enthüllung verbirgt.

Bei Reddit und in anderen Internetforen wurde rund um die US-Wahl in allerlei Beiträgen, vor allem aus dem Umfeld von Trump-Fans, auf eine von WikiLeaks veröffentlichte E-Mail verwiesen. Dabei wurde mitunter suggeriert, Hillary Clintons Wahlkampfleiter würde sich in der Nachricht kritisch über Deutschlands Umgang mit der Flüchtlingskrise äußern. Ein Klick auf die Quelle beweist aber: Die E-Mail wurde an den Mitarbeiter Clintons geschickt, nicht von ihm.

Auch wenn viele Blogs und Foren eine Nachricht diskutieren - und kein etabliertes Medium -, hat man nicht unbedingt einen Beleg für "Lügenpresse"-Vorwürfe gefunden. Eins von vielen Gegenbeispielen für diese These findet sich etwa bei "Mimikama".
Zeigt ein Foto wirklich, was es zu zeigen vorgibt?
Gerade kurz nach Naturkatastrophen oder Gewalttaten machen häufig auch Foto-Fakes die Runde. Viele Menschen suchen dann nach Bildern und bekommen zum Beispiel alte Fotos von anderen Ereignissen vorgesetzt.
Vier Schritte - die wir hier detaillierter erklären - können helfen, solche Fakes zu entlarven: von der Bilder-Rückwärtssuche bis hin zum Check der Bildinhalte auf Plausibilität.
Wie neu ist ein angeblich neu aufgetauchtes Video?
Nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht werden in sozialen Netzwerken oft nicht nur alte Fotos, sondern auch alte Videos als vermeintliche hochaktuelle Augenzeugen- oder Skandalclips inszeniert.

Will man eine Ahnung davon bekommen, ob ein YouTube-Video vielleicht schon älter ist, kann man zum Beispiel den YouTube DataViewer von Amnesty International anwerfen. Der Dienst liefert unter anderem sogenannte Thumbnails, Bildausschnitte aus Videos, mit denen sich dann wieder eine Bilderrückwärtssuche durchführen lässt. Außerdem wird das Upload-Datum angezeigt.
Kann ich anderen Nutzern helfen?
Haben Sie einen Fake entlarvt, kann es nie schaden, andere Internetnutzer an der Erkenntnis teilhaben zu lassen und beispielsweise einen Erklärlink als Kommentar unter ein dubioses Facebook-Posting zu setzen. Bei Facebook sollten Sie auch versuchen, Fake-News zu melden. In einem Untermenü der Meldeoption kann man explizit angeben, dass es sich möglicherweise um eine gefälschte Nachricht handelt.

mbö



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