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Markus Böhm

Soziales Netzwerk Truth Social Trumps Wahrheit – ein Rohrkrepierer

Markus Böhm
Ein Netzwelt-Newsletter von Markus Böhm
Auf Twitter darf Donald Trump nichts mehr veröffentlichen, also hat er seinen eigenen Kurznachrichtendienst gegründet – ausgerechnet unter dem Namen Truth Social. Doch das Prestigeprojekt entwickelt sich zum Flop.

Liebe Leserin, lieber Leser,

immerhin: Mittlerweile nutzt Donald Trump Truth Social tatsächlich. Nach dem offiziellen Start des Kurznachrichtendiensts im Februar hatte der ehemalige US-Präsident darin zwei Monate lang durch Inaktivität geglänzt. Nun sind Social-Media-Pausen für viele Menschen wohltuend. Für Truth Social aber war Trumps Abwesenheit ein Imageproblem, da er nicht nur als der große Starnutzer inszeniert wird, sondern auch Vorsitzender der Firma hinter dem Twitter-Klon ist, der Trump Media & Technology Group (TMTG). Man rätselte, ob Trump wirklich so schnell die Lust an seinem neuen Megafon verloren haben könnte, das ihm über seinen Twitter-Bann hinweghelfen sollte.

Diesen Dienstag konnte niemand mehr Trump vorwerfen, zu wenig auf Truth Social zu posten. Während Cassidy Hutchinson, eine frühere Mitarbeiterin im Weißen Haus, dem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses schilderte, welches Fehlverhalten der damalige Präsident sich in den Tagen des Kapitolsturms geleistet haben soll , nutzte Trump das Netzwerk, um Hutchinson zu diskreditieren.

Zeugin Cassidy Hutchinson: Von Trump per Truth Social verbal attackiert

Zeugin Cassidy Hutchinson: Von Trump per Truth Social verbal attackiert

Foto: MICHAEL RYENOLDS / EPA

»Ich weiß kaum, wer diese Person, Cassidy Hutchinson, ist, außer dass ich sehr negative Dinge über sie gehört habe (eine totale Schwindlerin und ›Leakerin‹)«, schrieb Trump in einem von mehreren Postings. Hutchinsons Bericht etwa, dass Trump probiert habe, dem Fahrer seiner Limousine ins Lenkrad zu greifen, bezeichnete der Ex-Präsident als »Fake«-Geschichte  und als »krank und arglistig«. Hutchinson sei ein »Quatschkopf«.

Es sind Tiraden und Beleidigungen, wie man sie von Trump kennt und wie sie bei seinen Anhängern nach wie vor gut ankommen. Truth Social müsste im Netz entsprechend ein Selbstläufer sein, könnte man meinen – spätestens jetzt, wo Trump den Kanal aktiv bespielt. Einer größeren Recherche der Nachrichtenagentur Reuters zufolge  hat das Netzwerk, das als »Social Media ohne Diskriminierung« beworben wird, aber weiterhin massive Probleme.

Trump und seine Truth-Social-App: Bisher ist ihr Erfolg überschaubar

Trump und seine Truth-Social-App: Bisher ist ihr Erfolg überschaubar

Foto: Chris Delmas / AFP

Personalprobleme bremsen offenbar technischen Fortschritt

So fehlt den Machern offenbar bereits seit den Anfangstagen 2021 fähiges Personal. Bisher gibt es lediglich eine iPhone-, aber keine Android-App. Allein in seinem ersten Jahr soll TMTG drei verschiedene Technologiechefs gehabt haben. Die TMTG-Manager hätten von Beginn an versucht, mögliche Partnerunternehmen und Mitarbeiter zu meiden, die als politisch liberal wahrgenommen würden, berichtet Reuters unter Berufung auf Insider. Die Techbranche sei in den USA aber politisch eher links orientiert.

Durch die fehlenden Kooperationen mit Silicon-Valley-Größen ließ sich TMTG viel Know-how entgehen. Als Truth Social im Februar offiziell gelauncht wurde, hoffte man auf die Fähigkeiten zweier kleiner Cloudanbieter, deren Server den Belastungen offenbar nicht gewachsen waren. Da half es auch nicht, das sie Trump politisch nahestehen. Wie Reuters schreibt, hatte TMTG angeblich zunächst sogar geplant, mit dem Branchenriesen Amazon Web Services (AWS) zu kooperieren. Letztlich sah man Amazon aber doch als Gegner.

Handy-App Truth Social: Das Netzwerk richtet sich vor allem an Trump-Fans

Handy-App Truth Social: Das Netzwerk richtet sich vor allem an Trump-Fans

Foto: DADO RUVIC / REUTERS

Wenig attraktiv für Werbekunden

Welche Partnerschaften TMTG überhaupt offengestanden hätten, ist unklar. Reuters betont, dass viele Entwickler und Techfirmen kein Interesse daran hatten und haben, mit einer Trump-Firma zusammenzuarbeiten. Eine vergleichbare Zurückhaltung gibt es dem Bericht zufolge bei den Werbekunden: Große Firmen wie Bier-, Chips- oder Windelhersteller riskierten, durch Werbedeals mit Truth Social Kunden zu verlieren, zitiert die Nachrichtenagentur den Marketingexperten Allen Adamson. Rechnen könne TMTG eher mit Werbeeinnahmen zum Beispiel von Waffenherstellern. Das große Geld fließe in diesem Bereich nicht.

Finanziell sieht es für TMTG auch sonst nicht rosig aus. Wichtige Vertreter eines Firmenvehikels namens Digital World Acquisition Corp (DWAC), das TMTG übernehmen und mit Kapital versorgen soll, stehen derzeit wegen möglicher Gesetzesverstöße im Fokus von US-Ermittlern . Je nach Verlauf könnte dies den Deal und damit eine eigentlich eingeplante Geldspritze verzögern oder verhindern.

Noch entscheidender für die langfristige Perspektive ist das Nutzerinteresse an Truth Social. Ein soziales Netzwerk ist nur so relevant, wie seine Inhalte bedeutend sind. Und auch in dieser Disziplin schwächelt das Trump-Angebot. Zahlen der Marktforscher von Sensor Tower zufolge wurde die iPhone-App bis Anfang Juni erst 2,8 Millionen Mal heruntergeladen.

Echokammer Truth Social

Seit Start der App hat auch kaum ein Posting, kein sogenannter Truth, Aufmerksamkeit von außen auf Truth Social gelenkt. Einige Konservative mögen sich auf der Plattform zu Hause fühlen, auch weil Trump-kritische Accounts mitunter gesperrt werden . Doch in der App fehlt die Debatte, der Streit mit der anderen politischen Seite. Das wirklich Aufregende . Während Beiträge von Twitter ständig viral gehen und dann etwa auf Medienseiten eingebettet werden, muss bei Truth Social schon Trump selbst etwas posten, damit es über das Netzwerk hinaus wahrgenommen wird. Das ist so, als wäre Facebook von den Postings von Mark Zuckerberg abhängig.

Technische Innovationen sind der Reuters-Recherche zufolge bei Truth Social auch nicht zu erwarten. Wie die Nachrichtenagentur berichtet, wurden zwei Führungspersonen kurz nach Gründung von TMTG von ihren eigenen Entwicklern nach ihrer Vision für das Unternehmen gefragt. Man wolle Twitter nachahmen, sollen die beiden darauf geantwortet haben – nur ohne dessen Richtlinien zur Inhaltsmoderation, die einige Konservative verärgerten.

Diese inhaltliche Ambitionslosigkeit von Schlüsselfiguren lässt eines erahnen: Sollte es nach all dem Hin und Her der vergangenen Wochen doch noch passieren, dass Elon Musk Twitter kauft und sein Versprechen von mehr Redefreiheit umsetzt, wäre Truth Social spätestens dann völlig überflüssig.

Vertraglich gesehen wäre laut Reuters übrigens auch Donald Trump jederzeit für ein Twitter-Comeback bereit: Dem Bericht zufolge sollen zwar all seine Postings sechs Stunden lang exklusiv auf Truth Social stehen. Eine Ausnahme geben soll es aber genau für das, was Trump am häufigsten verschickt: »politische Botschaften«.

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Markus Böhm

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