Sascha Lobo

Versuch des Auszählungsstopps Warum Trumps Staatsstreich vorerst nicht geklappt hat

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Der US-Präsident behauptet verfrüht, die Wahl gewonnen zu haben – und bekommt Widerspruch aus dem eigenen Lager. Nicht nur die sozialen Netze bremsen Trump, sondern auch Fox News und andere Fans.
Donald Trump spricht vorzeitig vom "großen Sieg" – ausgerechnet Fox News widerspricht

Donald Trump spricht vorzeitig vom "großen Sieg" – ausgerechnet Fox News widerspricht

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

"Das ist wie wach sein während deiner eigenen Operation", twittert Komiker Jimmy Kimmel  am frühen Abend in Kalifornien zur Wahl, besser lässt sich die Stimmung in den amerikanischen sozialen Medien kaum beschreiben. Und es ist eine auf mehreren Ebenen schmerzhafte Operation, denn der von vielen erhoffte "Erdrutschsieg" von Joe Biden hat nicht stattgefunden. So gar nicht stattgefunden. Die Umfragen der letzten Wochen waren, was bitter ist für die Demokraten und erst recht für die Umfrageinstitute, ungefähr so falsch oder zumindest irreführend, wie Donald Trump es immer behauptet hat. 

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Um 0.45 Uhr Washingtoner Zeit meldet sich Donald Trump erstmals auf Twitter. Er schreibt : "Ich werde heute Nacht ein Statement abgeben. GROSSER SIEG!" Ein paar Minuten später passiert exakt das, was von vielen Beobachtenden befürchtet worden ist. Trump zweifelt öffentlich auf Twitter und Facebook die Legitimität der Wahl an. Er schreibt : "Wir führen DEUTLICH, aber sie versuchen, die Wahl zu STEHLEN. Wir werden sie das niemals tun lassen. Stimmen können nicht abgegeben werden, nachdem die Abstimmung beendet ist!" 

Nach kurzer Zeit blendet Twitter den Tweet aus und einen Warnhinweis ein, dass einige oder alle der Inhalte des Tweets "möglicherweise irreführend" seien. Wenn Twitter das tut, kann man den Tweet nach einem Klick noch lesen, aber nicht mehr liken oder retweeten. Als kommentiertes Zitat lässt er sich jedoch weiterverbreiten, was man wiederum beobachten kann . Und hier wird eine aggressive Stimmung erkennbar: Ein großer Teil der Zitierenden spricht von "Zensur", flucht und droht. Auf Facebook hingegen ist einer der erfolgreichsten Kommentare unter Trumps Posting ein scherzhafter Aufruf: Die Demokratische Republik Kenia verfolge besorgt die Vorgänge in den USA. Die Bürger sollten versuchen, die Situation im Dialog zu klären, man stehe den Vereinigten Staaten aber zur Seite bei der Gewährleistung freier und fairer Wahlen. 

Wo bleibt die Präsidentenpropaganda von Fox News?

Die Stimmung in den sozialen Medien beinhaltet zu diesem Zeitpunkt verschiedene Überraschungen. Bekennende Wählende der Demokraten schreiben Tweets wie "Ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen muss, aber Fox News macht einen guten Job bei seiner Wahlsendung". In der Tat scheint der bis dahin fast immer trumptreue TV-Sender wider Erwarten den eigenen Slogan "fair & balanced" zur Wahl deutlich ernster zu nehmen als in den vergangenen Jahren.

Deshalb zeigt sich eine Vielzahl von Trump-Fans enttäuscht bis erbost. "Wieso berichtet Fox News so langsam, statt die Siege für Trump auszurufen?" oder "Das Schlimmste ist, dass Fox News beim Wahlklau mitmacht!" oder "R.I.P. Fox News. Death 11/3/2020". Die Erwartung herrscht vor, dass gefälligst Manipulation zu seinen Gunsten betrieben werden solle, insbesondere von Fox News: Präsidentenpropaganda. Wie bisher eben auch. Jede kleine Abweichung davon erzeugt bei ihnen Wut. Allerdings ist die Wut in den offen zugänglichen, sozialen Medien weniger brodelnd, als man hätte befürchten können. 

DER SPIEGEL

Dann wird es deutlich unlustiger. Im Livestream sagt Trump um halb drei Uhr am Morgen, er habe mehrere Staaten längst gewonnen, darunter Pennsylvania mit mehr als 600.000 Stimmen Vorsprung, "this is not even close". Das ist zu diesem Zeitpunkt zwar technisch korrekt – aber eine irreführende Momentaufnahme. Denn in einigen Staaten, in denen Trump vorn liegt, müssen noch die Briefwahlstimmen ausgezählt werden, die häufig sehr stark zugunsten der Demokraten ausfallen. Fachleute rechnen mit einem Verhältnis von 3 zu 1 für Biden. Was offensichtlich auch der Grund für die antidemokratischen Attacken Trumps auf die Briefwahl und sogar die Post gewesen sein dürfte. 

Es folgt der Moment, den Trump vorbereitet hat, monatelang, strategisch, gemeinsam mit führenden Republikanern. Er sagt den Satz: "Frankly, we did win this election." Es ist nichts weniger als der Versuch eines Staatsstreichs vor aller Augen, ziemlich genau so, wie es viele Menschen vorhergesagt haben. Inklusive der Ankündigung, er wolle vor den Supreme Court ziehen. Auf Facebook wird Trumps Ansprache zehntausendfach geteilt, oft verbunden mit Glückwünschen zur Präsidentschaft durch seine Anhänger. In Trumps Blase werden Fakten geschaffen.

Dann geschieht etwas so Unerwartetes wie Wichtiges: Auf Twitter wird eine kurze Sequenz von Fox News verbreitet. Moderator Chris Wallace – der im Wahlkampf schon durch seine Objektivitätsversuche aufgefallen war – sagt darin : "Das ist eine extrem leicht entzündliche Situation, und der Präsident hat gerade ein Streichholz hineingeworfen. Er hat diese Staaten gar nicht gewonnen… Ein Präsident sollte auf keinen Fall sagen, dass er Staaten gewonnen hat… es steht nicht infrage, dass alle diese Staaten mit der Auszählung weitermachen können." Ein Statistikexperte, ebenfalls auf Fox News, pflichtet ihm später unaufgeregt bei und bekommt dafür, wie auch Wallace, große Zustimmung in sozialen Medien. 

Sogar rechte bis rechtsradikale Multiplikatoren wie Ben Shapiro kritisieren Trumps Angriff auf die Demokratie: "Nein, Trump hat nicht schon die Wahl gewonnen, und es ist sehr verantwortungslos von ihm, das zu behaupten." Auch der Schauspieler James Woods, eine der wenigen Trump zugeneigten Hollywoodgrößen, schreibt : "Seit wann hören wir am Wahltag in Amerika irgendwann einfach auf, die Stimmen zu zählen?" Es ist ein Anzeichen dafür, dass Trump überreizt haben könnte.

Der mediale Staatsstreich ist zunächst abgewendet

Aber ebenso wahrscheinlich ist, dass seine prominenten Fans wie auch Fox News im Zweifelsfall Trump unterstützen würden, wenn etwa über die Anrufung des Supreme Court eine Patt-Situation oder über Tage eine zählerische oder rechtliche Unklarheit entstünde. 

Trotzdem könnte es entscheidend für die Abwendung des ersten, medialen Staatsstreichversuchs gewesen sein, dass sich erklärte und prominente Trump-Fans und Konservative in sozialen und redaktionellen Medien gegen seine "Wahlbetrug"-Lüge gestellt haben. Und dass sich Fox News zumindest vorerst nicht auf Trumps Linie schlug. Denn das erschwert den Radikalen die Mobilisierung deutlich. Dementsprechend ist jede Menge Wut spürbar, aber sie brodelt bei Trumps in Teilen bewaffneter Basis nicht so heftig wie befürchtet. Bisher. 

Um 2.55 Uhr nachts Washingtoner Zeit meldet sich der Gouverneur von Pennsylvania, der Demokrat Tom Wolf, in einer direkten Reaktion  auf Trumps Behauptungen: "Wir haben noch immer über eine Million Briefstimmen zu zählen in Pennsylvania. Ich habe der Bevölkerung versprochen, dass wir jede Stimme zählen, und genau das werden wir tun. Lasst mich deutlich sagen: Das ist eine parteiliche Attacke auf Pennsylvanias Wahl, auf unsere Stimmen und auf die Demokratie."

Vier Jahre Golfen ging offenbar in Ordnung

Dann meldet sich auch Joe Biden über redaktionelle Medien. Er verdammt Trumps falsche Siegbehauptung als "empörend, beispiellos und falsch". Und er twittert : "Es ist nicht meine Aufgabe oder Donald Trumps Aufgabe, den Gewinner dieser Wahl zu verkünden. Es ist die Aufgabe der Wähler." Es ist eine blasse, fast harmlose Reaktion, die womöglich aus strategischen Gründen der Ungeheuerlichkeit von Trumps Demokratieattacke kaum gerecht wird.

Das über lange Zeit bestimmende Gefühl in sozialen Medien außerhalb der Trump-Blase aber ist Bestürzung, dass Trump trotz Kindern in Käfigen, trotz Hunderttausender Pandemietoter, trotz vier Jahren Dauerlügen so erfolgreich sein konnte. Der liberale Kolumnist Charles Pierce hadert  stellvertretend für viele weltweit: "Ob er gewinnt oder verliert, sehr viel mehr Leute wählten [Trump] dieses Jahr, nachdem sie ihn vier Jahre als Präsident beobachten konnten." Die Comedienne Sarah Cooper schreibt : "Er hat vier Jahre mit Golfen verbracht. Und trotzdem wählen ihn die Leute noch. Ich werde es nie verstehen."

Ausgerechnet die deutsche Chefredakteurin des linken "Jacobinmag" diagnostiziert  die über Stunden einzige Gewissheit in Sachen Biden versus Trump: "Zumindest auf die liberale Fassungslosigkeit kann man sich zu 100 Prozent verlassen." Ja. Zweimal von der gleichen Situation überrascht zu werden, ist schon ein besonderes Privileg.

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