Dot.com Gesellschaft "Burn, venture capital, burn!"

Gegen die boomende Start-up-Kultur der "First Tuesdays" formiert sich im Berliner Underground der Widerstand - natürlich am "Last Tuesday" eines jeden Monats.
Von Gunnar Luetzow

Leistung darf sich anscheinend wieder lohnen: An jedem ersten Dienstag des Monats treffen sich in Berlin die jungen Helden des Internet-Zeitalters zum First Tuesday . Wie beim Londoner Vorbild suchen die Kreativen den Kontakt zu risikofreudigen Kapitalgebern. Bei Brezeln, Sekt und Techno-Sounds tauschen alte und neue Wirtschaft an wechselnden Orten Gedanken und Visitenkarten aus - und treffen auf die Anerkennung von liberalen Politikern und neoliberalen amerikanischen Beobachtern. Aber nicht alle ans Internet angeschlossenen Berliner zwischen 25 und 35 träumen von der "ersten Milliarde im E-Commerce", die Medien wie "Net-Business" beschwören. Statt dessen organisiert sich unter dem Motto "Last Tuesday" an jedem letzten Dienstag des Monats jetzt der Widerstand gegen den Siegeszug des neuen Unternehmertums.

Wahres Understatement

Statt im Radisson trifft man sich in den kahlen Räumlichkeiten eines ehemaligen Telegrafenamtes in Berlin-Mitte, gereicht werden Heineken und Whisky und wer statt "Nil" zu rauchen "Drum" dreht, sitzt auf den in ocker und braun gehaltenen Polstermöbeln besser neben jemandem, der vier Jahre lang Apple-Zwischenhändler in Amsterdam war. Aus den Boxen kommen minimalistische Beats, die von Rausch- und Störgeräuschen überlagert werden, auf den Tischen findet sich die Glam-Ausgabe der "Spex". Kurz: "Das Leben der Boheme 2.0".

Worum es geht, erklärt der Berliner Kulturwissenschaftler Sebastian Lütgert einführend kurz und bündig: "Beim First Tuesday treffen sich Leute, die was das Internet betrifft, Geld, Ideen und Kontakte haben. Hier hingegen treffen sich Leute, die, was das Internet betrifft, kein Geld, keine Ideen und keine Kontakte haben." Das allerdings ist, wie sich schnell herausstellt, reines Understatement. Treffender scheint da die Erklärung des Netzkünstlers und "Medienaktivisten" Pit Schultz: "Bei Internet denken die meisten ans Geldverdienen. Wir wollen zeigen, dass die Netzkultur auch eine andere Seite hat." Und auch Sebastian Lütgert, der mit anderen zusammen auf der Seite www.rolux.org  potenzielle Investoren mit einem herzlichen "Burn, venture capital, burn!" begrüßt, hat zumindest kluge Ideen.

Sein an den Produkten der Firma Apple entwickelter Vortrag über das neue Verhältnis zwischen Design und Dasein entfaltet am Begriff der Transparenz unerwartete Sprengkraft: Wie beispielsweise stehen die Semi-Transparenz des i-Mac, die Transparenz der Konsum-Inszenierungen am Hackeschen Markt und die innerbetriebliche Transparenz der "New Economy" zueinander in Beziehung? In der lebhaften, aus unterschiedlichstem Expertenwissen gespeisten Diskussion wird schnell deutlich, dass jeder scheinbare Zugewinn an Durchblick immer wieder auf die mögliche Blickrichtung hin befragt werden muss.

Ebenfalls kritisch zu befragen gilt es die Internetseiten, die Pit Schultz vorstellt: www.sodaplay.com  sieht mit seinen "putzigen Datenobjekten" nahezu niedlich aus - doch wird hier unter der Hand die "Akzeptanz von Biometaphern" gefördert oder werden kommerziell verwertbare Resultate abgeschöpft? Während jedoch in diesem Fall ein als Netzkunst geplantes Projekt Verwertbares schafft, passiert anderswo das Gegenteil: Die Diagramme, mit denen die NGO-Datenbak www.uia.org  alle Probleme dieser Welt strukturiert, sind für Pit Schultz ein "komisches Beispiel eines unfreiwilligen Kunstwerkes". Freiwillige Kunst wiederum findet sich bei Paniel Pflumm, der derzeit Corporate Identities für nicht existierenden Dot.coms wie www.nulpi.com  entwirft.

Es ist diese zweckfreie, nicht an schneller Rendite orientierte Kreativität, die die am "Last Tuesday" versammelten Akteure des Undergrounds von den soliden Jungkreativen des "First Tuesday" unterscheidet und langfristig sogar weiterbringen wird. Beispiele für solche Karrieren aus dem Underground gibt es zur Genüge - und nebenan feiert im angesagten WMF der ehemalige Piratensender Twen FM, dessen DJs zwar noch nicht vom "First Tuesday", aber schon von der Zigarettenindustrie gerne gebucht werden.

Der "Last Tuesday" findet jeweils am letzten Dienstag des Monats im "_lab", Ziegelstraße 23 (Eingang WMF), Berlin-Mitte, ab 20.00 Uhr statt.