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02. April 2007, 15:34 Uhr

Durchbruch

Apple startet Musikverkauf ohne Kopierschutz

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Der Computerkonzern Apple verkauft im Internet künftig Lieder ohne Kopierschutz. Ein wegweisender Deal mit EMI macht's möglich: Musik des Labels wird bei iTunes bald ohne DRM angeboten - wenn die Kunden 30 Cent Aufpreis zahlen.

Den heutigen Tag dürfte sich Apple-Chef Steve Jobs rot im Kalender angestrichen haben. Anfang Februar hatte der erklärte Bob-Dylan-Fan die Plattenfirmen in einem offenen Brief aufgefordert, digitale Musik aus ihren Kopierschutzfesseln zu befreien. Die führten nur dazu, dass sich die Raubkopierer und die Entwickler des digitalen Rechtemanagements (DRM) einen ewigen Kampf liefern. Außerdem würde ein Verzicht auf DRM den Online-Musikverkauf weiter anheizen und zudem weiteren, kleineren Firmen den Eintritt in den Markt ermöglichen.

Apple-Chef Jobs: Neuer Schub für den Online-Musikmarkt erwartet
REUTERS

Apple-Chef Jobs: Neuer Schub für den Online-Musikmarkt erwartet

Heute nun verkündete der EMI-Chef Eric Nicoli, seine Firma werde ihre Musik künftig vollständig ohne Kopierschutz anbieten. Die Entscheidung hatte EMI mit Hilfe von Marktforschern getroffen. Die hatten herausgefunden, dass die Anwender für Songs ohne DRM auch einen höheren Preis zahlen würden. In einem Test griffen zehnmal mehr Käufer zu den teureren Songs ohne Kopierschutz.

EMIs Antwort auf das Problem: ein Sowohl-als-auch. Ab sofort wird die Plattenfirma ihre Lieder zusätzlich zu den Normalversionen als Premium-Downloads ohne DRM, aber mit deutlich höherer Klangqualität anbieten.

Was dies genau bedeutet, sagte Apple-Chef Steve Jobs. Pro Lied müsse der Käufer im iTunes-Store 30 Euro-Cent Aufpreis zahlen. In Deutschland wird ein DRM-freier Song aus dem EMI-Katalog also 1,29 Euro kosten.

Alben hingegen werden weiterhin zu demselben Preis wie bisher angeboten. Damit will EMI den Abverkauf kompletter Alben fördern. Zusätzlich sollen auch Videodownloads ohne DRM angeboten werden.

Update "alter" Musik ist möglich

Wem der Aufpreis zu hoch ist, steht frei, weiterhin kopiergeschützte Varianten der Titel zum bekannten Preis von 99 Cent zu kaufen. Umgekehrt haben Anwender, die bereits Songs aus dem EMI-Katalog bei iTunes erworben haben, die Möglichkeit, ihre Titel gegen Zahlung von 30 Cent pro Stück auf das DRM-freie System aufzuwerten.

Als zusätzlichen Anreiz werden die DRM-freien Titel in höhere Klangqualität angeboten, nämlich mit 256 statt 128 kBit/s komprimiert. Ab Mai soll der gesamte EMI-Katalog DRM-frei bei iTunes verfügbar sein.

Steve Jobs sieht in dieser Maßnahme den "nächsten großen Schritt der digitalen Musikrevolution". Er rechnet damit, dass bis zum Jahresende die Hälfte aller Songs im iTunes-Store ohne DRM angeboten werden können - allerdings weiterhin im von Apple bevorzugten AAC-Format. MP3-Dateien wird es bei Apple auch zukünftig nicht geben.

Interessant dürfte es sein, die weitere Entwicklung bei den Verkäufen von MP3-Playern zu beobachten. Bisher galt die Kopplung von Musik aus dem iTunes Store, die ausschließlich auf Apples iPod-Playern abspielbar war, als verkaufsfördernd für die Geräte des kalifornischen Herstellers. Mit der Aufnahme nicht-kopiergeschützter Songs ins Angebot öffnet sich Apples Online-Shop nun erstmals auch Anwendern von Playern anderer Hersteller. Inwieweit sich diese Änderung auf die Verkäufe der Apple-Player auswirkt, dürfte nur schwer abschätzbar sein.

Dass eine Abkehr vom DRM-Prinzip den Kunden zugute käme, hat auch der deutsche Marktführer für Online-Musikverkäufe, Musicload, eingesehen. Denn laut Musicload sind Probleme mit gekauften Songs in drei von vier Fällen auf DRM zurückzuführen. Auf der Suche nach Alternativen hat das Musikportal Verhandlungen mit der Musikindustrie aufgenommen. Als ersten Erfolg wertet Musicload eine Kooperation mit dem Berliner Plattenlabel Four Music, deren Gesamtkatalog im MP3-Format ohne Kopierschutz erhältlich ist. Laut Musicload sind die Verkäufe der von Four Music vertretenen Künstler seither um 40 Prozent angestiegen.

Deutsche Erfahrungen ohne DRM

Diese Entwicklung deckt sich mit aktuellen Zahlen des Weltverbands der Musikindustrie, IFPI, der erwartet, dass die Musikindustrie bis 2010 ein Viertel ihrer Umsätze im Internet erzielt. Derzeit liegt dieser Anteil noch bei zehn Prozent.

Ein solches Wachstum ist laut Musicload aber nur mit einem offenen Standard möglich, da die derzeit verwendeten DRM-Lösungen die Nutzung von Musik erschweren und verhindern, dass sich der legale Download zum Massenmarkt entwickelt.

Dass es auch anders geht, demonstrieren einige kleinere Online-Plattenläden bereits seit geraumer Zeit. So bezeichnet sich der auf Independent-Labels spezialisierte Hamburger Anbieter finetunes selbst als einen der "größten Online-Distributoren". Dort kostet Musik, ebenso wie im iTunes Store, 0,99 Euro pro Song im Einzelkauf und 9,99 pro Album - das alles aber generell ohne DRM.

Denn, so sieht es die Firmenphilosophie vor, "kostenpflichtige Musik-Download-Services werden erst dann erfolgreich sein, wenn sie mindestens genauso komfortabel und attraktiv sind wie vergleichbare illegale Angebote". Dass ein System ohne DRM Erfolg haben wird, da ist man sich bei finetunes sicher, denn "Kunden geben gerne Geld aus, es muss nur funktionieren und Spaß machen".

Den Vogel in Sachen Preisgestaltung schießt jedoch der Kopierschutzfreie Shop von emusic ab. Zwar ist Musik dort nur im Abo zu bekommen, bestellt man aber beispielsweise 100 Songs pro Monat, zahlt man pro Titel nur 0,25 US-Dollar (0,19 Euro). Was beiden Shops - und vielen vergleichbaren Angeboten - fehlt, sind allerdings die Top-Stars. Stattdessen bekommt man dort eben nicht die Formatradio-kompatiblen Chartstürmer, sondern eher Ohrenfutter für den individuellen Geschmack.

Mit der Ankündigung von heute macht EMI ohne Frage einen riesigen Schritt in die richtige Richtung.

P.S.: Die Songs der Beatles sind wie zuvor von den Vereinbarungen zwischen EMI und Apple ausgenommen.

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