E-Doping Die Mogel-Tools von Profi-Gamern

Professionelle Spieler kämpfen um Preisgelder von bis zu 100.000 Euro. Wer da versucht, durch Mogeln Erstplatzierter zu werden, unterscheidet sich kaum von Leistungssportlern mit Steroiden im Urin. Oder vielleicht doch?

Von Thilo Mischke


Ben Johnson, kanadische Sprintlegende, ist ein Betrüger. Als Weltmeister und Weltrekordhalter war er bei den Olympischen Spielen 1988 angetreten, hatte den Über-Atlethen Carl Lewis hinter sich gelassen und mit 9,79 Sekunden einen Fabelweltrekord hingelegt. Zwei Tage später wurde er überführt: Er hatte gedopt, sich schneller und stärker gemacht.

Paul hat keine fragwürdigen Stoffe im Urin, er schluckt auch keine Hormone. Die würden ihm bei seinem Sport nicht helfen. Er ist Pro-Gamer, professioneller Computerspieler. Betrügen tut er auch, auf seine Weise. Seit fast sieben Jahren spielt Paul um Ruhm und Anerkennung im Internet. Mit seinem Clan AAK war er Tabellenführer in der "Unreal Tournament"-Liga "Assault", dann sattelte er um auf "Counter-Strike".

Paul ist Mitte zwanzig und wohnt noch bei seinen Eltern in einer kleinen Neubauwohnung. Sein Zimmer hat den Schritt von Kinderzimmer zur Studentenbude noch nicht ganz vollzogen. Bett, Schreibtisch und schwarze Furnierschränke, in denen sich die Videospielverpackungen türmen. Auf zehn Quadratmetern. An den Wänden hängen Poster von Lara Croft und deutschen Panzern.

Paul schaltet seinen PC ein, um zu zeigen, wie man betrügt. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, wirkt er ein bisschen altklug. "Früher war alles viel einfacher", sagt er. Früher, damit meint Paul 1999. "Unreal Tournament" war gerade erschienen, ein Spiel, ausschließlich für Online-Gaming konzipiert. "Da war betrügen noch so eine Holzhammersache", erklärt Paul. "Entweder hat man sich Fehler im Code des Spiels zunutze gemacht, mit denen man sich zum Beispiel schneller als die anderen Spieler durch die Level zu bewegen konnte, die von diesen Bugs nichts wussten. Oder hastig zusammengeschusterte Cheats, die es überall im Internet gab."

Die Fehlerim Spiel wurden im Laufe der Zeit von den Programmierern entfernt, was übrig blieb, waren die Cheats. Cheats, das sind so genannte Scripte, winzige Programme, die auf Tastendruck aktiviert werden können, während man spielt. Sie ermöglichen Änderungen an den Einstellungen der Spiele selbst. Erhebliche Änderungen, die demjenigen, der sie benutzt, erhebliche Vorteile bei Online-Duellen verschaffen.

Der so genannte Wallhack macht zum Beispiel Wände durchsichtig und damit die Deckung der Gegenspieler zunichte. Aimbots zielen automatisch auf die Gegner, und mit dem Radar lässt sich jederzeit die Position der gegnerischen Teammitglieder ausmachen. Paul fand Gefallen an der Überlegenheit. "Einloggen, alle umrotzen und dann wieder verschwinden macht einfach Spaß", sagt er. So viel Spaß, dass er irgendwann auch bei seinen Ligaspielen nicht mehr darauf verzichten wollte. Ein fataler Fehler, von dem er bis heute niemandem erzählt hat, keinem Freund, keinem Clanmitglied, niemandem.

"Wir hatten ein Spiel mit dem englischen Clan MI:5. Die waren zu gut. Ich wusste, wir werden nicht gewinnen. Und da dachte ich mir: Wenn wir eh verkacken, was soll's." Genützt hat es nicht viel, Paul und seine Leute haben trotzdem verloren. "Eine Woche nach dem Match hat sich ein Administrator der Assault-Liga bei uns gemeldet. Wir stünden unter Cheat-Verdacht. Natürlich wurde jeder gefragt, ob er betrogen habe, auch ich, aber ich habe gelogen und es nicht verraten."

Paul hatte beim Betrügen einfach nicht bedacht, dass wichtige Clan-Spiele zur Absicherung gegen Cheater aufgezeichnet wurden. Und es war ein wichtiges Match, denn "Mi:5" war zu diesem Zeitpunkt Tabellenführer. Der Mitschnitt zeigte, dass die Spielzüge von Pauls Clan seltsam determiniert aussahen.

Der Clan wurde für gerade mal zwei Monate gesperrt. Das war vor vier Jahren. Heute werden Sperrfristen von bis zu zwei Jahren verhängt , oftmals auch gleich der Spieleraccount gelöscht. Das geht ins Geld. Denn einen neuen bekommt nur, wer sich das komplette Spiel noch mal kauft. Trotzdem will Paul aufs Cheaten nicht verzichten. "Dann kaufe ich eben ein neues Spiel", sagt er, und stellt sein neues "Half-Life 2" neben das alte. In einem Turnier hat Paul aber nie wieder betrogen.

Betrügen gegen den Druck

Ganz anders sieht das bei Karsten aus. Karsten ist gerade 18 geworden und macht sein Abitur. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name genannt wird. Er ist Mitglied der ESL, der Electronic Sports League, und spielt in verschiedenen Profi-Clans. Karsten benutzt Cheats zu Trainingszwecken. Genau genommen eine ganze Cheatbibliothek.

Auf der Website Artificialaiming.tk kann man sich über "Framework" informieren, das wahrscheinlich bekannteste Cheatprogramm der Online-Szene. Geschrieben wurde es von dem belgischen Cheatcoder Helios, einer echten Szenegröße. Schon 1999 entwickelte er extrem schwer zu entdeckende Cheats für "Unreal". Heute werkelt er am unauffälligen Betrug in Spielen wie "America's Army", "Counter-Strike" und "Unreal Tournament".



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