Elektrische Musik Roboterband probt für ihren ersten Auftritt

Als die Kultband Kraftwerk einst "Wir sind die Roboter" sangen, war das nicht ernst gemeint. Eine Kapelle aus Neuseeland dagegen könnte diese Zeile mit Fug und Recht trällern. Alle Bandmitglieder sind Roboter - und durch das Internet mittlerweile außerordentlich populär.


Zurzeit verbringen Mitglieder der Newcomerband The Trons jede freie Minute im Übungsraum. Das muss sein, denn am Samstag hat die Band ihren ersten öffentlichen Auftritt. Sie spielen auf dem Ignition Fringe Festival im neuseeländischen Hamilton und so viel ist sicher: Der Saal wird voll sein, bis auf den letzten Platz. Denn The Trons dürften Neuseelands derzeit erfolgreichster Rock-Export sein. Ein Video, das sie bei einer Probe zeigt, gehört zu den populärsten YouTube-Clips des Pazifikstaats. Im Fernsehen waren sie auch schon. The Trons sind eben eine besondere Kapelle, denn statt Musikern sind hier Roboter am Werk.

Nur ihr Bandleader ist aus Fleisch und Blut. Es ist der 40-jährige Ingenieur Greg Locke, der selbst in Hamilton lebt und zwei Jahrzehnte lang als Bassist durch die Clubs tingelte. Er hat die Band zusammengebracht, ganz ohne Casting. Wie es sich für eine richtige Rockband gehört, kommen alle Mitglieder von ganz unten, wurden überwiegend aus Elektroschrott und Ersatzteilen zusammengesetzt. Über ein halbes Jahr lang hat der Mann gebraucht, um seine elektrische Band mit Schraubenzieher, Kneifzange und Lötkolben zusammenzusetzen.

Fremd sind Locke derartige elektromechanische Herausforderungen nicht. In seinem Haupterwerbsjob entwickelt er Blaubeer-Ernte- und Sortiermaschinen. Die meisten davon werden in die USA exportiert. Und auch seine Band könnte es möglicherweise bis ins Heimatland des Rock`n Roll schaffen. Zumindest, wenn das Probenvideo von The Trons weiterhin so eifrig abgerufen wird wie bisher. Mehr als 130.000 Zuschauer haben sich die kuriose Kapelle innerhalb der ersten Woche auf YouTube angeschaut. Für das Jungfern-Video einer ansonsten vollkommen unbekannten Formation ein geradezu sensationelles Ergebnis.

In den Vereinigten Staaten gibt es aber schon einen sehr erfolgreichen Mitbewerber: Bei der US-Band "Captured! By Robots" ist nur Sänger Jay Vancemenschlich (siehe Video unten).

Blechbläser, Drummer und Flying-V-Gitarrist von "Captured! By Robots" sind Maschinen (siehe Fotostrecke unten).

Ziemlich einsaitiges Solospiel

Die neuseeländischen Trons kommen hingegen ganz ohne Menschen aus. Und das sehr gut - wer würde nicht automatisch beginnen, den Rhythmus mitzuklopfen, wenn Ham, Rhytmusgitarrist und Sänger von "The Trons" in die Saiten haut. Oder wenn Swamp, der Drummer, den Beat vorgibt. Eine richtige Snaredrum hat der zwar noch nicht, aber die soll er noch bekommen. Möglichst bald, verspricht Bastler Locke.

Und genauso hat er auch schon das erste Upgrade für Fifi, den einarmigen Keyboarder geplant. Fünf weitere Finger, eine ganze Hand, soll der bekommen, verspricht der Ingenieur.

Nur Wiggy, der ausgesprochen bescheidene Leadgitarrist soll auch in Zukunft bescheiden bleiben. Eine Saite nur hat seine Gitarre, doch das muss reichen. Ihm beizubringen, seine Soli künftig über alle sechs Saiten einer normalen Gitarre zu spielen, wäre wohl zu kompliziert.

Aber das ist im Moment sowieso nicht nötig. Schließlich haben The Trons derzeit ohnehin nur einen Song drauf: "Sister Robot". Und den hat Greg Locke der Blechkapelle offenbar auf den Leib geschrieben und in seinen Computer programmiert. Ganz trivial war das nicht, erklärt Locke in einem TV-Interview.

Beim Beginn der Proben hätten die Bandmitglieder noch ziemlich neben der Spur gelegen, seien ständig aus dem Rhythmus gekommen. Nach und nach habe er diese Unstimmigkeiten aber beseitigen können. Kaum fassbar, so Locke, wie schwierig es ist, die fünf Kapellmitglieder aufeinander einzustimmen. Aber schließlich habe er auch das gepackt, erklärt der Bandleader.

Bleibt dem enthusiastischen Ingenieur nur zu wünschen, dass ihn seine Stahlkumpane bei ihrem ersten Auftritt am Samstagabend nicht enttäuschen, womöglich Lampenfieber bekommen und sich mit einer Überdosis Motoröl betäuben. Wäre ja schließlich nicht das erste Mal, dass Newcomern beim ersten Applaus die Sicherungen rausfliegen.

mak



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