Elektronische Sperrgebiete "Weiche Wand" soll Terror-Flugzeuge ablenken

Mit einem Computerprogramm wollen amerikanische Wissenschaftler verhindern, dass Verkehrsflugzeuge unter die Kontrolle von Terroristen gelangen und zu fliegenden Bomben werden. Der Vorschlag findet auch Kritiker: Vor allem Piloten ist die so genannte Soft Wall, die "weiche Wand", unheimlich.

Von Michael Voregger


Flugzeug-Cockpit: Seit dem 11. September 2001 sind Passagiermaschinen potenzielle Waffen
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Die "Soft Wall" eines Forscherteams der kalifornischen Universität Berkeley könnte das jetzt ändern, denn die Anwendung soll verhindern, dass Flugzeuge sich kritischen Gebäuden und Regionen überhaupt nähern können. "Wenn das Flugzeug eine no-fly zone erreicht, fühlt der Pilot, wie ihn eine äußere Kraft wegdrückt", sagt der Projektleiter Edward Lee. "Und wenn der Pilot versucht gegenzusteuern, wird das System stark genug sein, um das Eindringen des Flugzeugs in die no-fly zone zu verhindern".

"Soft Wall" beruht auf einer Datenbank, in der die Flugverbotszonen festgelegt sind, und einer Software-basierten Ermittlung der genauen Position der Maschine. Über das Satellitensystem GPS wird die Route des Piloten regelmäßig mit den verbotenen Zonen abgeglichen. Kommt das Flugzeug einer solchen Position zu nahe, wird ein akustischer Alarm ausgelöst, und wenn der Pilot nicht mit einem Ausweichmanöver reagiert, übernimmt das System die Steuerung und fliegt einen Ausweichkurs.

Die Wissenschaftler nutzen dabei eine in Flugzeugen bereits enthaltene Software. Das Ground-Proximity-Warning-System warnt die Piloten heute vor entgegenkommenden Flugzeugen, Bergen und anderen Hindernissen. Bei modernen Verkehrsflugzeugen haben die Piloten keinen direkten Zugriff, denn die Steuerelemente lassen sich nur über einen Joystick und elektronische Schalter bewegen. Mit fly-by-wire werden die Befehle durch eine Software auf die Flugzeugmechanik übertragen und hier könnte die "Soft Wall" einfach integriert werden.

Alptraum Flugzeugentführung: Täter demotivieren, Schaden begrenzen
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Journalisten des amerikanischen Fernsehsenders ABC konnten im Dezember erstmals an einem Testflug in der Nähe von Seattle teilnehmen. Ingenieure des Unternehmens Honeywell hatten dazu eine zweimotorige Propellermaschine entsprechend präpariert und einen Berg als Sperrgebiet ausgewählt. "Das zusätzliche Sicherheitssystem teilt dem Autopilot mit, dass er sich von dem Objekt entfernen soll", erklärt Testpilot Markus Johnson. "Das Flugzeug geht automatisch in den Steigflug und fliegt links an dem Berg vorbei. Ich muss nichts unternehmen und rühre dabei keine Hand."

Die fremde Kontrolle des eigenen Flugzeuges wird allerdings nicht von allen Piloten begrüßt: "Wir wollen kein System, das nicht korrigiert werden kann, wenn es falsch liegt", sagt Duane Woerth, Präsident der amerikanischen Pilotenvereinigung Air Line Pilots Association. "Ich kann ihnen versprechen, dass es keinen Teil in einer Maschine gibt, der nicht mal versagt und die falschen Dinge tut. Piloten machen Fehler, aber Maschinen sind viel öfter fehlerhaft".

Die amerikanische Pilotenvereinigung befürchtet, dass für immer mehr menschliche Ängste die Lösung in Hightech gesucht und den Piloten die Kontrolle über ihre Maschinen genommen wird. Worth setzt auf die menschlichen Fähigkeiten, um die mechanischen und elektronischen Unzulänglichkeiten im Flugverkehr zu beherrschen. Einen zuverlässigen Schutz könne ein Sicherheitssystem dieser Art nur bieten, wenn es auf keinen Fall deaktiviert werden kann. In Notsituation hat der Pilot somit keine Möglichkeit mehr zum Beispiel in der Nähe von Regierungsgebäuden oder militärischen Einrichtungen selbst bestimmte Manöver durchzuführen.

WTC-Anschlag, 11. September 2001: Die Katastrophe, die sich niemals wiederholen soll
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"Wenn bei einer Maschine zwei Triebwerke ausfallen, dann muss sie geradeaus fliegen können, um Geschwindigkeit aufzunehmen und Höhe zu gewinnen", sagt Markus Kirschneck, Pressesprecher der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit. "In einer solchen Situation kann eine erzwungene Kurve zu einem Absturz führen. Der Pilot muss das System also ausschalten können und das macht die Angelegenheit eigentlich sinnlos." Für die deutschen Piloten beginnt die Sicherheit am Boden. "Hier muss man den Zugang von gefährlichen Fluggästen verhindern. Das kann durch zusätzliche Kontrollen geschehen oder durch den Einsatz von Biometrie. All das erscheint uns sinnvoller, als ein Eingriff in die Steuerung des Flugzeuges."

Die Fremdkontrolle ist auch für Duane Woerth eine Schreckensvision, der sich an die von dem Computer HAL 9000 gesteuerte Katastrophe in Stanley Kubricks "Odyssee im Weltraum" erinnert fühlt. "HAL war eher menschlich veranlagt als ein Computer", entgegnet Professor Lee. "Das Verhalten von HAL entspricht einem menschlichen Wesen und keinem Computer. Menschen sind nicht sehr zuverlässige Geschöpfe und können immer in ein unberechenbares Verhalten fallen".

Obwohl die Soft Walls technisch machbar sind, wird es wohl noch viele Jahre dauern, bis sie flächendeckend zum Einsatz kommen. Es scheitert wie so oft am Geld, denn eine Umrüstung würde nach Schätzungen der amerikanischen Luftfahrtbehörde etwa eine Milliarde Dollar kosten.



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