Elektronischer Fingerabdruck Experten warnen vor Biometrie-Pass

2. Teil: Expertenurteil: Datenschutz und Haltbarkeit - ungenügend


Solche Angriffe sind nicht das einzige Missbrauchsszenario. Ein anderes, einfacheres: Deutschland wird laut Gesetzentwurf anderen Staaten die zum Auslesen der biometrischen Daten nötigen Schlüssel weitergeben. Danach können die deutschen Behörden nicht mehr kontrollieren, welche Daten diese Staaten tatsächlich auslesen, ob sie sie speichern, wie sie sie nutzen und schützen. Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, kritisiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Diese Daten könnten also in Personendatenbanken einfließen."

Biometrie-Kritiker haben reichlich Missbrauchsszenarien für den Fall entworfen, dass Fingerabdrücke unerlaubt ausgelesen werden. Der Chaos Computer Club hat demonstriert, wie einfach es ist, aus digitalen Fingerabdrücken Attrappen zu bauen und falsche Fingerabdrücke zu hinterlassen. Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der Technischen Universität Dresden, nennt deshalb Fingerabdrücke in Pässen "völlig unsinnig". Sie machten die Ausweise zwar schwerer zu fälschen, allerdings nicht absolut sicher.

Wie lang halten die Chips?

Es gibt auch viel banalere Zweifel am Biometrie-Pass. Halten die Chips überhaupt zehn Jahre lang durch? Manche Experten zweifeln. In seiner schriftlichen Einschätzung beurteilt Experte Busch vom Fraunhofer-Institut das Problem der Chip-Haltbarkeit als "möglicherweise kritisch". Empfehlung: "Wenn die Statistik zu Chip-Lesefehlern an der Grenzkontrolle eine in der Praxis niedrigere Chip-Lebensdauer zeigen sollte, müsste die Gültigkeit auf fünf Jahre angepasst werden können."

Im Klartext: Die Einführung der Pässe ist zugleich der erste große Feldversuch dieser Technik.

Ähnlich skeptisch sehen Experten das Vorhaben, nur die Fingerabdrücke der beiden Zeigefinger in die Pässe aufzunehmen. Zwei aktuelle Rechnungshof-Untersuchungen von US-Projekten nennen das Zwei-Finger-Verfahren ungenügend. Der Abgleich der zwei Zeigefinger mit der FBI-Fingerabdruck-Datenbank Avis habe nicht den erhofften Sicherheitsgewinn erbracht. Empfehlung: Künftig sollen Grenzkontrollstellen von Ausländern alle zehn Finger gerollt aufnehmen. Unbeirrt davon setzt die Bundesregierung das Zwei-Finger-System nach EU-Vorgaben um.

Automatisierung unwahrscheinlich

Eine Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung erwartet einmalig 614 Millionen Euro Kosten - und dann 332 Millionen in jedem Einsatzjahr des Systems.

Da fällt unangenehm auf, dass heute niemand mehr von Einsparungen durch automatisierte Grenzkontrollen mittels Kamera und Fingerabdruckscanner spricht. Einen der Gründe beschreibt Experte Busch vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung Darmstadt in seiner schriftlichen Einschätzung für den Innenausschuss. Die Treffsicherheit einer Identifikation per Fingerabdruck sinke in "möglicherweise kritischem" Ausmaß, weil drei bis elf Prozent der Bevölkerung wegen handwerklicher Tätigkeit oder zunehmenden Hautkrankheiten keine Fingerbilder in ausreichender Qualität liefern können.

Außerdem sei zu erwarten, dass eine automatische biometrische Gesichtsbild-Erkennung beim Prüfen älterer Passbilder "keinen guten Vergleichswert liefern wird". Man weiß nur: "Gesicherte Erkenntnisse oder diesbezügliche Statistiken liegen noch nicht vor."

Und die genutzten RFID-Chips brechen mit noch einem Versprechen. Angeblich sollten sie die Passkontrolle beschleunigen, weil sie drahtlos auslesbar sind. Davon spricht heute niemand mehr. In seiner schriftlichen Einschätzung urteilt Busch vom Fraunhofer-Institut: "Im Allgemeinen ist für die Grenzkontrolle an den EU-Außengrenzen von einer Zunahme der Transaktionszeit auszugehen."



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