Soziales Netzwerk Ello Das wurde aus dem angeblichen »Facebook-Killer«

Nach einem kurzen, aber großen Medienhype im Jahr 2014 verschwand das Netzwerk Ello weitgehend von der Bildfläche. Online aber ist es immer noch. Was passiert dort heute?
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Ello

Auf den ersten Blick erinnert Ello an Pinterest. Doch das Netzwerk wirkt minimalistischer, wertiger, ästhetischer als die Pinnwandplattform, und nicht so profan: weniger Alltag, dafür mehr Ausstellung. Kreative aus aller Welt stellen hier ihre Arbeiten ins Netz, zum Stöbern, Staunen, Liken. Bei Ello ist so rund um die Uhr Vernissage. Wer will, kann einem Künstler nicht nur folgen, sondern diesen auch gleich buchen.

Doch wie kommt es, dass Ello mittlerweile ein Treffpunkt für die Kunstszene ist, ein Nischenportal? Was wurde aus dem Netzwerk, das von Medien einst gern zum »Facebook-Killer« hochgejazzt wurde?

Wer Ellos Entwicklung nachvollziehen will, steigt am besten 2014 ein: Damals traten die Unternehmer und Designer Todd Berger, Lucian Föhr und Paul Budnitz auf die Netzbühne. Die Gründer inszenierten Ello nicht einfach als Alternative zu bestehenden sozialen Netzwerken. Sie gaben sich als Kettensprenger und Visionäre, als Vorreiter eines humaneren Internets.

»Du bist kein Produkt«

Ello kam nicht nur mit vergleichsweise nutzerfreundlichen Datenschutzbestimmungen daher, sondern auch mit einem Manifest. Die sozialen Netzwerke seien dominiert von Werbeinteressen, so der Tenor, die Nutzer lediglich ein Produkt, das ge- und verkauft werde – anders als bei Ello. »Wir glauben, dass es einen besseren Weg gibt«, hieß es im Manifest. Man glaube an Wagemut, Schönheit, Einfachheit und Transparenz. Die Kernbotschaft, das Versprechen lautete: »Du bist kein Produkt.«

Diese Botschaft kam an, auch das Timing stimmte. Just 2014 forcierte Facebook nämlich seine Klarnamenpflicht. Künstlernamen drohte der Ausschluss, viele Kreative und Angehörige der LGBTQ-Community wollten abwandern. Da kam Ello als neue Plattform mit selbst gewählten Nutzernamen, ohne viel Datensammeln und ohne Werbung gerade recht.

An guten Tagen verzeichnete Ello damals 45.000 Neuanmeldungen pro Stunde. Der Hype war da, Begriffe wie »Facebook-Killer« oder »Anti-Facebook« machten die Runde. Und tatsächlich schien Ello sein Versprechen von der freiheitlichen Enklave echter Gemeinschaft im Netz zumindest eine Zeitlang halten zu können. Aber schon 2015 flaute der Hype ab. Bald schon war Ello wieder vergessen.

Nutzer, die gar nicht die Zielgruppe waren

Zu schnell, zu viel, zu Mainstream auf einmal: So urteilt Mitgründer Todd Berger, der heute nichts mehr mit dem Netzwerk zu tun hat, rückblickend über Ello. »Wir wollten eine Umgebung für Künstler und Kreative schaffen, in der sie sich frei entfalten können«, sagt er. »Und das in einem Umfeld, das nicht monetarisiert war.«

Man habe einen »Ort der kreativen Avantgarde im Netz» schaffen wollen, so Berger, »eine bessere Community«. Im Zuge der Diskussion um die Facebook-Klarnamenpflicht und der Ereignisse rund um Edward Snowden sei Ello von der plötzlichen Attraktivität seines eigenen Idealismus jedoch quasi überrollt worden.

Als er, Budnitz und Föhr 2012 mit dem Projekt begannen, hätten lediglich ein paar Hundert Kreative das Netzwerk genutzt, erinnert sich Berger: »Da waren keine klassischen Facebook- oder Mainstream-Nutzer dabei. Das war gar nicht die Zielgruppe.« Am Anfang war das Ganze ein Kunstprojekt, so Berger.

Ello-Mitgründer Todd Berger: Der Hype war schnell vorbei

Ello-Mitgründer Todd Berger: Der Hype war schnell vorbei

Foto: Beau Walters

Konzeptkunst statt Nutzerfreundlichkeit

Auch später waren diese Ursprünge nicht unbedingt ein Wettbewerbsvorteil: »Man musste selbst herausfinden, wie das Interface funktionierte«, sagt Berger. Alles sei »bewusstes Nicht-Design« gewesen, es sei nicht um Praktikabilität oder Massentauglichkeit gegangen.

Mit dem steigenden Interesse an Ello seien auch die internen Spannungen gewachsen, sagt Berger: »Irgendwann war es eine Gratwanderung, einerseits unseren Idealen treu zu bleiben und uns andererseits mehr dem Mainstream zu öffnen. Und natürlich ergab sich auch die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen. Hier gingen unsere Vorstellungen intern dann auseinander.«

Das Netzwerk änderte sich, entfremdete sich von seinen einstigen Grundsätzen. Paul Budnitz ging als Erster, Todd Berger übernahm als CEO. Er habe versucht, das Projekt »zurück zur ursprünglichen Version zu lenken«, sagt er, aber das Momentum sei weg gewesen: »Ello galt als gescheitertes Experiment.« Kurz danach verkaufte er das Unternehmen und wendete sich mit Mitgründer Föhr wieder künstlerischer Arbeit zu.

Der große Durchbruch ist Ello so verwehrt geblieben, ähnlich wie anderen Facebook-Alternativen wie Diaspora. Das ewige Problem: die kritische Masse. Es bräuchte schon regelrechte Völkerwanderungen, um einen Marktführer wie Facebook bei den Netzwerken oder die Facebook-Tochter WhatsApp bei den Messengern wirklich ins Wanken zu bringen. Und dann gibt es noch Instagram, ebenfalls aus dem Hause Facebook, das für viele Künstler der wichtigste Weg ist, um Reichweite für ihre Arbeiten zu bekommen. Ello ist so selbst für Kreative nur eine nette Ergänzung.

Als »Creators Network« will die Plattform trotzdem eine globale Kreativgemeinschaft versammeln. Sie präsentiert sich als Portal von Künstlern für Künstler, mit viel Bild und wenig Text. Rund 400.000 aktive Nutzer hat Ello heute noch – und so mancher davon wirkt angetan, aber nicht euphorisch.

Ein »versehentliches Start-up«

Der Künstler Pierre-Paul Pariseau etwa sagt, er habe über Ello nie einen Auftrag bekommen. Die Qualität der Arbeiten dort sei aber »größtenteils hoch, inspirierend und originell«. Und Michael Driver, ein Künstler aus Großbritannien, sagt: »Ello ist nicht so egofokussiert wie andere Plattformen. Hier geht es nicht darum, der Lauteste im Raum zu sein oder eine fiktive Person darzustellen. Die Gemeinschaft fühlt sich familiärer und unterstützender an.«

Doch offenbar hat die Plattform auch Schattenseiten. Ein Künstler, der nicht namentlich erwähnt werden möchte, kritisiert etwa den Umgang mit Kreativen bei den sogenannten Creative Briefs. Hinter dem Begriff verbergen sich Ausschreibungen zu Kunstprojekten und Aufträgen, die oft vom Unternehmen Talenthouse vermittelt werden, zu dem Ello mittlerweile gehört.

Künstler würden zum Beispiel aufgefordert, das Cover für ein Album zu entwerfen, sagt der Kritiker. Am Ende aber werde nur der Gewinner für seine Arbeit und seinen Aufwand entlohnt. So würden vor allem junge und unbekannte Künstler ausgenutzt. Von der Vision aus dem Ello-Manifest scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

Todd Berger sagt, Lucian Föhr und er sähen Ello rückblickend als ein »versehentliches Start-up«. Es habe mit einem Kunstprojekt begonnen, das zum Produkt wurde. »Wir hätten das Ganze langsamer angehen, unserer Vision treu bleiben und uns nicht zerreißen sollen. Dann wäre Ello vielleicht ein echter Gamechanger geworden.«