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17. Februar 2003, 09:59 Uhr

Ende einer Web-Legende

Salon.com kurz vor dem Aus?

Von Jochen A. Siegle

Als jüngstes Opfer der chronisch defizitären Online-Medien-Ökonomie dürfte Ende des Monats "Salon.com" pleite gehen - 60.000 Abonnenten und allem Kultstatus zum Trotz.

"Subscribe now": Noch wirbt Salon um neue zahlende Leser

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Das renommierte San Franciscoer E-Zine "Salon.com" steht mal wieder vor dem Aus und diesmal wohl endgültig. Der Verleger des Internet-Zeitgeistmagazins, die Salon Media Group, hat bekannt gegeben, dass das Unternehmen ohne erneute Finanzspritze diesen Monat nicht überleben wird.

Wie aus einem Quartalsbericht an die amerikanische Börsenaufsicht SEC hervorgeht, steht der Online-Publishing-Dino faktisch vor der Zahlungsunfähigkeit und hat seit Dezember weder Löhne noch Mieten beglichen. Allein für das "Salon.com"-Hauptquartier im San Franciscoer South-of-Market-Distrikt sollen Mietkosten in Höhe von 200.000 US-Dollar ausstehen.

Im November letzten Jahres hatte "Salon.com" bereits davor gewarnt, dass ohne das Engagement neuer Financiers ein unmittelbares Ende des News- und Kommentar-Web-Magazins nicht abzuwenden sei. In letzter Minute konnten jedoch neue Investoren um den Adobe-Gründer John Warnock gefunden werden. Ende November war das seit 1999 an der Nasdaq gelistete und dann über Monate als Penny-Stock gehandelte Unternehmen zudem vom Tech-Börsenparkett geflogen.

Allem Kult-Status der Online-Zeitung zum Trotz scheinen die Lichter in der 4th Street nun jedoch endgültig auszugehen. Schließlich hat "Salon.com" seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1995 einen Schuldenberg von über 80 Millionen US-Dollar angehäuft, wobei im letzten Quartal 2002 ein Defizit von 1,3 Millionen US-Dollar erwirtschaftet wurde.

Die Kommerzialisierung scheiterte

Für "Salon.com" sind damit auch alle anderen Versuche gescheitert, Einnahmequellen jenseits des traditionellen und seit dem Dotcom-Crash daniederliegenden Online-Werbemarktes zu erschließen. Salon Media hatte das E-Zine in den letzten zwei Jahren sukzessive zu einem Abo-Dienst getrimmt. Erstmals gingen die Online-Publishing-Pioniere im Frühjahr 2001 dazu über, bestimmte Artikel und dann auch komplette Rubriken nur noch gegen Bares bereitzustellen - so etwa den Erotikbereich, die Diskussionssektion "Table-Talk" oder die Weblog-Rubrik. Seit Anfang des Jahres ist nun praktisch der gesamte "Salon.com"-Content gebührenpflichtig.

Fast 60.000 zahlende Leser zählt die mehrfach preisgekrönte Internet-Postille Eigenangaben zufolge mittlerweile - was mitunter auch Chefredakteur David Talbotts beherzten Aufrufen zum Abschluss von Solidaritäts-Abos zu verdanken sein dürfte. Trotz allen Bemühungen in bester "taz"-Manier und der durchaus positiven Entwicklung der Abonnentenzahl wird "Salon.com" wohl als jüngstes Opfer der chronisch defizitären Online-Medien-Ökonomie Pleite gehen.

Ende vergangenen Jahres sorgte "Salon.com" auch mit der Einführung des "Multiple-Screen Advertisement" für Schlagzeilen: Diese Online-Werbeform erlaubt es Nutzern, die sich bereit erklären, sich durch vier bildschirmfüllende Werbeanzeigen ("Ultramercials") zu klicken, Artikel einen Tag lang kostenlos zu lesen.

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