Endlich zurück Vokuhila!

Vorne kurz, hinten lang - die schrecklichste Frisur aller Zeiten kommt zurück. Die Speerspitze der Vokuhila-Liebhaber tummelt sich im Internet.

Von Tobias Moorstedt


Rudi Völler und Thomas Gottschalk: Zeigt her eure Matten!
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Rudi Völler und Thomas Gottschalk: Zeigt her eure Matten!

Adam Yauch hat eine langweilige Frisur. Schwarz und glatt und kurz kleben die Haare am Kopf des Beastie-Boys-Sängers.

Nicht unbedingt die passende Frisur für einen ausgeflippten Künstler. Gut möglich also, dass der fast 40-Jährige an schlechten Tagen auch mal morgens vor dem Spiegel steht und sich selbst langweilig findet. Sich wünscht, dass die Haare auf seinem Kopf so verrückt und progressiv wären wie die Musik, die er zusammen mit seinen Bandkollegen Mike D. und MCA produziert: Struppig und sperrig und mit dem unbedingten Mut zur Pose.

Unter all den Frisuren dieser Welt hat sich Adam Yauch dann allerdings ausgerechnet den Vokuhila-Schnitt als Vorbild ausgesucht.

"One on the sides, don't touch the back / Six on the top and don't cut it wack, Jack!"

Bata, oh, Bata: Was waren das für Zeiten, als man echte Stars noch an der Silhouette erkannte

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So gaben Yauch und Kollegen im Song "Mullet Head" (in etwa: Mattenkopf) den Mantafahrern dieser Welt schon 1995 die genaue Anleitung, wie eine ordentliche "Mütze" auszusehen hat. Und setzten der lange verpönten Un-Frisur ein Denkmal. Adam Yauch meint: "Der Mullet hat eine große, ganz eigene Geschichte."

Viele verstehen den Vokuhila nicht

Es ist allerdings eine Geschichte voller Missverständnisse und Demütigungen. Der Vokuhila, die Frisur mit der Zündschnur - vorne kurz, hinten lang - lässt niemanden kalt und galt über Jahre als unverzichtbares Attribut des Vollproleten - neben der Goldkette um den Hals, versteht sich, und dem Manta in der Garage und dieser unechten Solariums-Bräune im Gesicht.

Der Vokuhila war der Inbegriff des hässlichen Deutschen. Noch 1998 ließ die englische Popband Lightening Seeds in einem Musikvideo eine Truppe langhaariger Bierbauchträger zum Fußballspiel antreten. Auf der Rückseite des Trikots stand bei jedem Spieler "Kuntz", englisch ausgesprochen ein obszöner Ausdruck.

...doch im Web findet er Fans!

Dieser Haarschnitt hatte es wirklich nicht leicht. Dabei sind die langen, ungebändigten Haare ja eigentlich ein Produkt der sechziger und siebziger Jahre, ein Kind der "Love and Peace"- Bewegung und deshalb durchaus kultverdächtig. Im Internet gibt es schon seit Jahren eine kleine Fangemeinde, die den Vokuhila mit einer Mischung aus böser Schadenfreude und wissenschaftlicher Neugier genauer unter die Lupe nimmt. Zitat: "Hier finden sie die unglaublichsten Frisuren aller Zeiten. Es ist beeindruckend. Wir wollen mehr davon."

Praktisch, diese Bestleistung: Haarteile mit herausknöpfbaren Nackenteilen - Anti-Juckreiz-behandelt?

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Gut möglich, dass dem Wunsch der Vokuhila-Fans bald entsprochen wird, und nicht nur auf den Trash-Seiten des Internets, sondern auf den Laufstegen der großen Modehäuser. Die Achtziger kommen zurück, und mit ihnen auch Männer wie Patrick ("Schwitzi") Swayze und McGyver und Don Johnson. Der Gucci-Chefdesigner Tom Ford stattete schon 1999 eine komplette Anzeigenkampagne mit dem haarigen Super-GAU aus, in Mailand und Paris kräuseln sich die Nackenhaare, und auch Juliet Elliot, neues britisches Mode-Idol, lässt es wuchern.

Der Vokuhila kommt also zurück

Wer sich schon mal informieren will, was da genau auf ihn zukommt, sollte die fiesen Scheitel anklicken. Auf der fein gemachten Seite präsentieren ein paar Kinder der stilsicheren Neunziger die wunderlichsten Haartrachten an den wunderlichsten Stellen des Körpers. Fast mit Ehrfurcht bewundern sie, was sich Menschen in früheren Zeiten einmal getraut haben, und was das menschliche Haar, das normalerweise ja ganz friedlich vor sich hinwächst, anrichten kann - wenn man es lässt.

Und wenn die Haare einer Nation erklärt werden, dann auch die Menschen, die sie auf dem Kopf tragen. So gesehen ist die Scheitel-Historie auch eine Dokumentation der BRD.

Irgendwie.

Denn es sind nicht nur Außenseiter und Vollproleten, die sich die Haare um den Hals wachsen lassen, sondern auch Stützen der Gesellschaft aus Sport, Politik und Kultur. Auf der Scheitel-Seite findet sich dann nicht zu Unrecht eine Hommage an die Kicker-Haartracht der Weltmeisterschaft 1978. Als die deutschen Kicker noch nicht aussahen wie Models, sondern wie Ruhrpott-Malocher oder Wischmobs, und vielleicht gerade deshalb noch Erfolg hatten.

Sylvester Stallone, Paul McCartney, André Agassi, Günther Netzer, Wolfgang Petry - die Liste der prominenten Haarsünder ist lang. In modernen Zeiten war es dann aber der Avantgarde-Musiker David Bowie, der dem Mullet als knallorange gefärbter Ziggy Stardust zu neuen Ehren verhalf.

Die größte Vokuhila-Fangemeinde existiert seitdem in den USA. Auf zahlreichen Internet-Sites werden dort die schönsten Exemplare präsentiert, gibt es Musiktipps (immer gut: Scorpions, Metallica, Van Halen) und Tricks zur Beobachtung der Mulletträger "in freier Wildbahn". Besonders hohe Trefferquoten sind Fachleuten zufolge Sportplätze, Country-Sender und Einkaufszentren.

Wem es dann aber doch mal zu bunt und struppig wird, der kann sich sogar einen Strafzettel für "zu lange Haare" herunterladen und an die Frisur-Verbrecher verteilen.

Den ideologischen Überbau für die Mullet-Szene findet man dann allerdings in England. Zwei Fans haben ein Buch geschrieben. Eine kleine Kulturgeschichte. Der Vokuhila sei der Haarschnitt des neuen Jahrtausends, sagen die Autoren Mark Larson und Barney Hoskyns, vereine er doch "das Beste von Vergangenheit und Zukunft, die Essenz zweier sonst strikt getrennter Welten". Vorne kurz, hinten lang - das ist Revolution und Spießertum, Weiblichkeit und Männlichkeit, Gehirn und Herz in perfekter Symbiose.

Das ist schon ziemlich gewagt. Und die beiden Frisurenforscher gehen noch einen Schritt weiter: "Der Mullet ist die Frisur der Götter."

Spätestens hier würde dann wohl selbst Adam Yauch widersprechen. Der Gute ist nämlich bekennender Buddhist. Und Buddha trug bekanntermaßen überhaupt keine Haare auf dem Kopf. Und vielleicht ist das ja auch die beste Idee. Dann kann man wenigstens nichts falsch machen.



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