Endspiel Computer statt Kasparow?

Wie hat sich das Bild gewandelt: Traute bis zur fünften Partie kaum jemand dem Rechner Deep Junior einen Sieg über Garry Kasparow zu, ist der Computer vor dem Endspiel klarer Favorit. Meinen zumindest die Wetter und Tipper - doch Kasparow ist zu allem entschlossen.


Garry Kasparow: Trauma, oder Triumph im letzten Spiel?
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Garry Kasparow: Trauma, oder Triumph im letzten Spiel?

Über fast zwei Wochen und fünf lange Partien hatte es kaum Zweifel daran gegeben, dass Schachgroßmeister Garry Kasparow, Weltranglistenerster seit 18 Jahren, das Computerprogramm Deep Junior besiegen würde. Gerade einmal knapp 20 Prozent aller Wetter trauten dem Rechner einen Sieg zu, während weit über die Hälfte stets den Menschen vorn sah. Vorbei. Juniors Ansehen ist seit der letzten Partie enorm gestiegen. Völlig überraschend hatte der Rechner den Schachgroßmeister in weniger als zwei Stunden in ein Remis getrieben - wobei der mit Weiß eigentlich initiativ spielende Kasparow schon nach knapp 30 Minuten unter enormen Druck geraten war. Ein Schock nicht zuletzt für den Großmeister, der mit demonstrativem Selbstbewusstsein in ein Match gegangen war, das zunächst nicht mehr zu sein schien als ein Schaukampf. Kasparow wollte etwas zeigen, ja beweisen: Zum einen, dass der menschliche Geist der Maschine nach wie vor überlegen sei, wie er vor dem Match in einem Interview sagte. Zum anderen, dass er es besser könne als sein Dauerrivale Wladimir Kramnik, dem im Herbst im Match gegen das Programm Deep Fritz nur ein Unentschieden gelang. Stattdessen steht Kasparow heute Nacht vor der Situation, seine Ehre verteidigen zu müssen. Nicht zuletzt sollte ein Sieg über Deep Junior ihn doch reinwaschen vom Makel der desaströsen Niederlage gegen Deep Blue im Jahre 1997: Eine Fußnote der Schachgeschichte, die dort die erste Niederlage eines Weltmeisters in einem öffentlich ausgetragenen Match gegen eine Maschine notiert; ein Fleck in Kasparows beeindruckend makelloser Schach-Biographie, die die Niederlage gegen die Maschine als die bisher schlimmste in seiner Karriere bewertet. Bisher? Beim Stand von 2,5 zu 2,5 ist der Ausgang des Matches völlig offen, das heutige Endspiel wirklich eines im Sinne des Wortes. Junior spielt Weiß, was Großmeister Yasser Seirawan im Laufe der fünften Partie so auf den Punkt brachte: "Das ist etwa so, wie im Tennis den Aufschlag zu haben." Kasparow beginnt das letzte Spiel des Matches also zunächst in der Defensive. Kann er trotzdem noch den Sieg erzwingen? Fünf Partien lang vertraute das Publikum auf den Menschen, heute sehen viele den Rechner als Favoriten. Sowohl bei den Buchmachern, als auch im Online-Vote bei SPIEGEL ONLINE tippt die Mehrheit auf ein Unentschieden. Wenn aber jemand gewinne, dann sei das wahrscheinlicher der Computer. Den Druck, unter dem Kasparow steht, kann man sich vorstellen. Doch der steht im Ruf, ein ebenso genialer wie aggressiver Spieler zu sein. Man darf gespannt sein, wie dieser Clash Intellekt gegen Rechenkraft ausgeht: Wir sind auf jeden Fall live dabei. Die erste Abstimmung wurde nach der ersten Spielstunde beendet. Das Ergebnis kann weiter eingesehen werden:



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