Enthüllungsplattform OpenLeaks verstolpert Start in die Testphase

Es sollte ein fulminanter Start werden: Beim Sommercamp des Chaos Computer Clubs erklärte Daniel Domscheit-Berg, wie OpenLeaks funktioniert, und lud die versammelten Hacker ein, die Testversion des neuen Enthüllungsprojekts zu knacken. Doch viele Probleme bleiben - offenbar auch mit der Technik.

Daniel Domscheit-Berg (Archivbild): Wir sind nur ein Technologie-Provider"
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Daniel Domscheit-Berg (Archivbild): Wir sind nur ein Technologie-Provider"

Von Anna Sauerbrey, Finowfurt


Im Zelt von OpenLeaks auf einem stillgelegten Militärflugplatz in Brandenburg herrschte am Mittwochabend hektische Betriebsamkeit. Alle vier Jahre lädt der Chaos Computer Club Hacker aus aller Welt ein, hier, eine Autostunde von Berlin, zwischen den rostigen Ausstellungsstücken des Luftfahrtmuseums Finowfurt zu campen. Das vom Club gesetzte Thema ist Satellitentechnik - doch am ersten Camp-Tag überstraht ein Thema alles andere: OpenLeaks, eine neue Enthüllungsplattform, die den Platz von WikiLeaks einnehmen soll.

In einem alten Flugzeughangar kündigte Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Mitstreiter von Julian Assange, einen Testbetrieb an. Domscheit-Berg hatte sich mit Assange verkracht und WikiLeaks verlassen. In einem Buchwar er hart mit der Enthüllungsplattform ins Gericht gegangen: Zu intransparent seien die Abläufe, zu narzistisch ihr Gründer. Vor einem halben Jahr sprach er erstmals davon, eine Konkurrenzplattform aufzubauen.

OpenLeaks solle anders sein, offener und dezentral. "Wir wollen Enthüllungen auf der ganzen Welt fördern und gleichzeitig das Risiko für die Quellen minimieren", hieß es im Mission Statement. Dann wurde es wieder still. Hinter den Kulissen tüftelten die Entwickler gemeinsam mit fünf Testpartnern an der Technik und an den juristischen Details. Nun also der große Auftritt vor der Hacker-Gemeinschaft, ein fulminanter Start sollte es werden, mit einem rauschenden Fest am Abend.

Technik-Ärger verhagelt den Probebetrieb

Doch auch Stunden nach der Ankündigung saßen die OpenLeaks-Entwickler noch immer über ihre Laptops gebeugt. "Unerwartete Probleme" hätten sich ergeben. Offenbar fanden die OpenLeaks-Leute auf dem Gelände keinen geeigneten Ort, um den Server aufzustellen. Das sagten sie jedenfalls ihren Medienpartnern. Auch am Donnerstagmittag ist die Testseite noch offline.

Immerhin aber hat Domscheit-Berg bei seinem Auftritt nun einige Details bekannt gemacht, auf die nicht nur die Hacker-Gemeinschaft wartete. Wie bereits im Januar angekündigt, soll OpenLeaks anders als Wikileaks keine zentrale Plattform sein, auf der Whistleblower, also Insider, die Missstände aufdecken wollen, Dokumente hochladen können. OpenLeaks stellt die Technik zur Verfügung, die dann jeder der Partner, Medienhäuser oder auch NGOs, auf eigenen Seiten einbetten kann.

In der Testphase sind das die "taz", der "Freitag", die dänische Tageszeitung "Dagbladet Information", das portugiesische Wochenblatt "Expresso" und die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Auf der Seite von OpenLeaks kümmert man sich nur noch um die Sicherheit der Datenübertragung und die Verschlüsselung. "OpenLeaks ist eine Art toter Briefkasten für Dokumente", erklärte Domscheit-Berg am Mittwoch im Camp. Die Mitarbeiter von OpenLeaks selbst haben nach Auskunft von Domscheit-Berg zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf die Dokumente: Den Schlüssel zur Dekodierung der kryptographisch gesicherten Dateien haben nur die Partner: "Wir sind nur ein Technologie-Provider."

Grundlegende Probleme von Wikileaks importiert

Tatsächlich hat das neue System einige Vorteile gegenüber dem von WikiLeaks: Die anonym eingeschickten Dokumente gehen, von verräterischen technischen Herkunftsspuren bereinigt, direkt an Redaktionen. Dort sollen sich Journalisten darum kümmern, dass die Whistleblower nicht anhand von inhaltlichen Details enttarnt werden können. Mit dem Recherchieren von Hintergründen und dem Prüfen von Quellen hat OpenLeaks nichts zu tun. Domscheit-Berg sieht sich deshalb auf der sicheren Seite: "Wir haben keine moralische Verantwortung mehr", sagt er, obgleich er OpenLeaks als politisches Projekt versteht.

Doch einige der Probleme, die bereits WikiLeaks für die Whistleblower und die Medienpartner mit sich brachte, bleiben bestehen. Brisante Informationen zu enthüllen, bleibt ein Risiko. Unternehmen, Staaten und Organisationen registrieren sehr genau, wer zu welchen heiklen Dokumenten Zugang hat und können die Quelle so einkreisen.

Auch die Whistleblower selbst waren in der Vergangenheit manchmal nicht vorsichtig genug. Im Fall von Bradley Manning waren es keine technischen Probleme, die ihn in Schwierigkeiten brachten. Der amerikanische Soldat gilt als derjenige, der Wikileaks das brisante Bordvideo eines US-Kampfhubschraubers zugespielt hat. Er sitzt in Isolationshaft - weil er sich in einem Chatroom dem Falschen vertraute.

Publikationen im Wettlauf um Scoops

Für die Journalisten bleibt das Problem der Überprüfung anonymer Quellen. Wie lässt sich vermeiden, dass gezielt falsche Informationen gestreut werden? Wie lassen sich die Absichten und die Vertrauenswürdigkeit der Quelle bewerten, wenn sie anonym ist? Lotte Folke Kaarsholm sagt, das Problem sei für Journalisten nicht neu. Sie organisiert die Kooperation mit OpenLeaks für den dänischen Partner "Dagbladet Information": "Ich habe in meinem Leben schon viele Geschichten geschrieben, in denen ich Informationen verwenden musste, die über Dritte kamen", sagt sie. Dieses Problem wird allerdings durch die Anonymität des "toten Briefkastens" verstärkt. "Das Thema werden wir nicht los", gibt auch Kaarsholm zu.

Auch der Wettlauf der Medien um einen Scoop, eine exklusive Geschichte, der mögliche ethische Bedenken um die Publikation brisanter Dokumente außer Kraft setzen könnte, wird mit OpenLeaks nicht beendet. Schließlich bleibt den Whistleblowern die Möglichkeit, die Exklusivität der Dokumente zu begrenzen. Sie entscheiden bei OpenLeaks selbst, welcher Organisation sie am meisten vertrauen. Im jeweiligen "Briefkasten" können sie auswählen, ob und wie lange die Informationen einer Organisation exklusiv zur Verfügung stehen sollen. Nach Ablauf einer Frist stehen die Dokumente dann allen Partnern zur Verfügung. Wenn alle Zugriff haben, muss sich jede Zeitung fürchten, eine große Geschichte an die Konkurrenz zu verschenken.

Voraussichtlich wird die Debatte um OpenLeaks also weitergehen, jedenfalls wenn die Macher ihre technischen Startschwierigkeiten überwinden und wirklich online gehen. Eigentlich sollte der Testbetrieb dazu dienen, die Sicherheit des Systems zu testen. Domscheit-Berg hatte alle im Camp anwesenden 3000 Hacker eingeladen, sich daran zu versuchen, die Plattform zu knacken, fünf Tage lang. Sollte das nicht gelingen, wollte OpenLeaks offiziell an den Start gehen.

Update: Am Freitagmorgen um 8 Uhr ging das Einsende-Formular auf taz.de online.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Kaworu 12.08.2011
1.
Naja, wenn die Plattform nicht online geht ist sie absolut sicher gegen Internetangriffe ;) Bin mal gespannt, was aus dem Projekt wird. Und natürlich bin ich auf die Enthüllungen gespannt.
Reiner Metzger 12.08.2011
2. Jetzt läuft es!
Seit heute morgen ist die Openleaks-Umgebung freigeschaltet: https://leaks.taz.de eingeben im Browserfenster.
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