Entwicklerkonferenz I/O Google will ein bisschen Apple sein

Lauter Flops in Folge - und nun ein Hit? Bei seiner Entwicklerkonferenz hat Google in den vergangenen Jahren stets grandiose Ideen vorgestellt, die dann doch nicht richtig zündeten. Dieses Jahr soll das anders werden. Angeblich dank eines Musikdienstes fürs Netz.
Entwicklerkonferenz Google I/O: Knuffige Android-Maskottchen

Entwicklerkonferenz Google I/O: Knuffige Android-Maskottchen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Sie haben das Viertel schon besetzt. Überall in Downtown San Francisco, rund um die Kreuzung Mission und 4th Street, sitzen sie in Cafés und Hotelbars, weichen auf den Bürgersteigen den ausgestreckten Pappbechern der Obdachlosen aus, hantieren mit ihren Handys. Um den Hals tragen sie weiße Bänder mit blauem Aufdruck und einer Plastikhülle, Namensschildchen, die jeder Konferenzbesucher sonst nach Verlassen des Veranstaltungsgeländes sofort verschwinden lässt. Googles Gäste aber sind stolz darauf, hier zu sein, das darf man ruhig auch sehen.

Viele, die hier sind, hoffen auf Google als Impulsgeber für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg - in der Bar des Marriot Hotels, 100 Meter vom Konferenzzentrum entfernt, hat am Vorabend der Konferenz namens Google I/O ein Start-up, das ein Handy-Bezahlsystem anbietet, zur Party geladen. Was aber hat Google selbst geplant für die kommenden zwei Tage? Womit will der Suchmaschinenkonzern dieses Jahr für Aufsehen sorgen? Mit einem Musik-Streaming-Dienst, wie das " Wall Street Journal " erfahren haben will?

Auf jeden Fall wird es um Android gehen, das Handybetriebssystem ist derzeit Googles stärkstes Pferd im Stall, hat gerade Apples iOS den Rang als Marktführer abgelaufen. Erwartet werden außerdem neue Informationen zum eigenen Betriebssystem Chrome OS - womöglich wird sogar ein erstes eigenes Google-Tablet vorgestellt? Die Gerüchteküche jedenfalls brodelt, nicht ganz so wie vor Apple-Präsentationen, aber immerhin.

Flops in Folge

Mehr als 5000 Menschen sind zur jährlichen Entwicklerkonferenz Google I/O (das I steht für Input, das O für Output) geladen, Programmierer, Google-Angestellte, Wissenschaftler, Unternehmer und natürlich die Presse. Dieses Jahr soll es nicht wieder laufen wie in den Jahren zuvor. Da stellte man große Projekte vor - die dann aber überwiegend jämmerlich floppten.

Google Wave zum Beispiel wurde 2009 präsentiert. Der Super-Kommunikationsdienst, der so viel konnte, dass niemand so recht wusste, was man damit eigentlich anfangen soll. Oder Google TV, vorgestellt 2010, die Internetbox für den Fernseher. Bis heute krankt sie daran, dass die großen US-TV-Sender sich weigern, ihre im Web bereitwillig zur Verfügung gestellten Programme über die Google-TV-Box - vorbei am eigenen Programmschema - auch übers Internet auf den Fernseher ins Wohnzimmer zu bringen.

Oder Google Music, ein Online-Musikdienst, der auch schon im Jahr 2010 vorgestellt wurde, bis heute aber nicht das Licht der Welt erblickt hat - auch hier gibt es massiven Ärger mit den Rechteinhabern, in diesem Fall der Musikbranche. Die wittert bei jedem neuen Google-Vorstoß ein neues Piraterierisiko. Mittlerweile ist Amazon in die Lücke vorgeprescht und hat seinen eigenen " Cloud Player" vorgestellt, einen Dienst, der es erlaubt, die eigene Musiksammlung in der "Wolke" - also irgendwo draußen im Netz - abzulegen und von beliebigen Geräten aus darauf zuzugreifen. Auf Google Music hingegen wartete man ein Jahr nach der ersten Präsentation weiterhin vergeblich, was viel mit dem gespannten Verhältnis der Suchmaschinisten zu all jenen zu tun hat, die mit digitalen Inhalten Geld verdienen wollen.

Rauf geht's, runter nicht

Die Angst der Unterhaltungsbranche vor der Wolke lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Was jemand einmal hochgeladen hat, das kann auch wieder jemand herunterladen, ohne dafür zu bezahlen. Genau dieses Prinzip macht der Musik- und Filmindustrie derzeit in Form von Speicherplattformen wie Rapidshare oder Megaupload zu schaffen - dort findet man Musik und Filme zum Download (wenn man weiß, wie). Und für die muss man nicht bezahlen.

Das " Wall Street Journal " berichtet nun unter Berufung auf nicht näher bezeichnete, mit dem Sachverhalt vertraute Personen, Google werde beim ersten Keynote-Vortrag der Entwicklerkonferenz I/O erneut seinen Musikdienst präsentieren - diesmal aber mit einer entscheidenden Einschränkung: Dem Bericht zufolge soll man seine Plattensammlung zwar auf Googles Online-Festplatten hinaufschaufeln können, aber nicht mehr herunter. Jedenfalls nicht als Datei, sondern nur als Stream. Online ablegen und dann jederzeit anhören ja, herunterladen oder gar anderen zum Herunterladen anbieten nein. Mit so einer Lösung könnte sich eventuell sogar die Musikbranche abfinden, die sich ja auch mit anders gelagerten Streaming-Diensten wie Spotify arrangiert hat.

Warten auf das Social Network

Eines scheint festzustehen: Das lang erwartete Google-Social-Network wird auch im Mai 2011 wohl nicht vorgestellt werden. Die üblichen ungenannten Quellen aus dem Unternehmen haben das in der vergangenen Woche gleich mehreren einflussreichen Tech-Bloggern gesteckt - offenbar wollte man vermeiden, dass sich eine Erwartungshaltung aufbaut. Nach dem Scheitern von Diensten wie Google Friend Connect und Buzz bemüht sich der Konzern offenbar immer noch, endlich eine Antwort auf die drängende Frage zu finden, wie man Facebooks rasant wachsender Dominanz im Markt der digitalen Kommunikation entgegenwirken könnte. Bislang scheint diese Antwort noch nicht so ausgereift zu sein, dass man sie der Öffentlichkeit präsentieren wollte. Aber wer weiß.

Um 18.00 Uhr deutscher Zeit beginnt die erste Keynote der Google I/O 2011 - SPIEGEL ONLINE ist für Sie vor Ort.