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21. April 2010, 12:07 Uhr

Erholung vom Netz

Urlaub im Funkloch

Von Miriam Sulaiman

Immer und überall erreichbar: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Handy und Internet lassen uns nicht mehr los, nicht einmal in den Ferien. Für so manchen ist Urlaub im Funkloch heute deshalb ein Segen. Schon gibt es Reiseveranstalter, die für Reisen in Regionen ohne Netzzugang werben.

Ulrich Junghans, Brandenburgs Wirtschaftsminister (CDU), wollte damals eigentlich nur einen Witz machen: "Machen Sie doch mal Urlaub im Funkloch," riet er vor einem Jahr Pressevertretern auf der Internationalen Tourismus Börse. Heute ist er damit zum Prophet eines Urlaubstrends geworden. Auf Anfrage kann das Brandenburger Tourismusmarketing auch sofort eine Liste an Zielen liefern: Urlaub ohne Handy biete sich etwa auf der "Bischofstour" in der Prignitz an, bei Planwagentouren oder beim "Eselswandern zwischen Templin und Prenzlau".

Eigentlich gehört das Handy seit Jahren auf die Urlaubscheckliste. Wer es früher andauernd mit sich führte, es gar während eines Gesprächs auf den Tisch legte, galt als Angeber. Heute ist es Standard, durchgehend erreichbar zu sein. Wer es nicht ist, hat nicht nur beruflich ein Problem. Treffen werden kurzfristig abgesagt oder verschoben, Geburten oder sogar Todesfälle per SMS verkündet.

Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien sagt: "Gewisse Gewohnheiten haben sich in den Alltag hineingeschlichen, unbewusst und sind nun nicht mehr wegzudenken. Zwei Drittel sehen das Handy als Nabelschnur: Ich bin zwar im Urlaub, aber noch da." Würde man sich dem entziehen, laufe man Gefahr, etwas zu versäumen. Der neue Lebensstil setze permanentes Networking voraus. Er sieht derzeit "eine Minderheit, die die Selbstdisziplin hat, sich dem im Urlaub zu entziehen".

Phantomvibrieren in der Badehose

Bettina Beurer-Züllig, deutsche Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität St. Gallen, hat die Auswirkungen von Smartphones im Unternehmenskontext untersucht: "Handys habe eine große Auswirkung auf die Work-Life-Balance. Die Personen können schlechter abschalten, sie sind immer erreichbar und haben das Gefühl, im Beruf etwas zu verpassen." Bei den Recherchen kam ihr etwa auch ein Mann unter, der vom "Phantomvibrieren in der Badehose" berichtete. "Er dachte, sein Handy hat geklingelt, dabei stand er mitten im Meer."

Auch wenn sich viele ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen können, wünschen sie sich gleichzeitig handyfreie Zonen. "Sie sind gar nicht so sehr begeistert davon, dass es in Flugzeugen künftig Internet geben soll. Dort haben Sie eine Entschuldigung, nicht erreichbar zu sein", sagt Beurer-Züllig. Auch auf die Familien habe dies extreme Auswirkungen. "Eine Frau erklärte etwa, sie würde das Handy ihres Mannes am liebsten in den Müll schmeißen, wenn er auf der Piazza in Italien seine E-Mails checkt", sagt die Wissenschaftlerin.

Für Urlaub ohne Netz werben folgerichtig gleich diverse Veranstalter. Den "klingelfreien Urlaub" preist etwa die Reiseplattform lastminute.de an. Unter den Angeboten finden sich die Insel Lombok bei Bali, Island, Australiens Outback, Namibia und Kanada. Lombok sei nicht vollständig touristisch erschlossen und deswegen der Handyempfang nicht komplett ausgebaut. Auch "das dampfende, rauchende Island" sei nicht vollversorgt. Und in Australiens Outback fühle man sich sowieso wie am Ende der Welt.

Nach einer hausinternen Studie unter 1.100 Nutzern würde für 58 Prozent die Erholung leiden, wenn Handy und Co. im Urlaub regelmäßig genutzt würden. Wären sie in den Ferien beruflich erreichbar, sähen sogar 84 Prozent der Befragten ihren Urlaub beeinträchtigt.

Die Lücken im Netz werden knapp

Mit den Internetgewohnheiten der Urlauber setzte sich das Onlinereiseportal holidaycheck.de auseinander. So ergab eine heuer veröffentlichte Umfrage unter 1746 Nutzern, dass fast 60 Prozent der Befragten im Urlaub überhaupt keinen Internetzugang wünschen. Nur 11 Prozent gaben an, ihr Urlaubshotel nur dann zu buchen, wenn dieses auch einen W-Lan-Zugang biete.

Wer sich selbst von der modernen Kommunikation ausschließen will, kann sich ein erstes Bild etwa auf der Homepage des Global System for Mobile Communications machen (GSM). Auf der offiziellen Website des Mobilfunkstandards GSM, der rund 800 Mobilfunkanbieter vereint, gibt es jährlich Karten zur Netzabdeckung. Wer also wirklich nicht erreichbar sein will, kann sich dort sein ganz privates Funkloch für stressfreie Ferien suchen - allerdings werden die echten Lücken im Netz langsam knapp.

Wer sich nicht darauf verlassen möchte, der kann sich stattdessen in die österreichischen Berge wagen. Mit dem Slogan "Das Privileg der Unerreichbarkeit" wirbt etwa das Ötztaler Hotel Edelweiß & Gurgl. Dort gibt es zwar Handyempfang - das Mobiltelefon wird dem gestressten Gast aber kurzerhand an der Rezeption des Hauses ab- und anschließend in Verwahrung genommen. Auch das nur auf Wunsch, versteht sich. Im Rahmen der "Offline-Wochen" solle der Gast in der freien Natur die Entschleunigung und die frische Bergluft genießen.

Doch auf das Versprechen der Bergidylle ohne Handy ließen sich nur wenige ein, sagt Marketingchef Michael Anfang. Und wenn? Dann nützten sie es um in der Abgeschiedenheit zu arbeiten. Alle, die ihr Mobiltelefon hinterlegt hätten, hätten sich gleich auch noch einen Zugangscode abgeholt - für das W-Lan-Netz des Hotels.

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