Kryptowährungen und die Pornobranche So richtig geil läuft das noch nicht

Kryptogeld wäre in der Erotikbranche das ideale Zahlungsmittel: keine Spuren auf dem Kontoauszug, keine hohen Abrechnungsgebühren. Doch die Sache ist schwieriger als gedacht.

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Aus Palma de Mallorca berichtet


Auf den ersten Blick scheinen Kryptowährungen wie gemacht für den Pornomarkt: Kunden könnten damit Videos oder Zugänge erwerben, ohne ihre echte Identität oder Kreditkartendaten offenzulegen. Es gibt auch keine Spuren auf dem Kontoauszug, die vielleicht beim Ehepartner Fragen aufwerfen könnten.

Und auch für Anbieter könnten Digitalwährungen eine Alternative zu den etablierten Zahlungsdienstleistern sein. Denn viele - wie Paypal - machen überhaupt keine Porno-Abrechnungen, andere - wie Kreditkartenfirmen - verlangen dafür hohe Gebühren. Zudem haben Kunden bei Kryptowährungen keine Stornierungsmöglichkeiten, Coin-Transaktionen lassen sich üblicherweise nicht wieder rückgängig machen.

Die Vorteile solcher Systeme sind so einleuchtend, dass diverse Unternehmer und Firmen schon seit Längerem versuchen, daraus Profit zu schlagen. Ein Vorstoß, der im Frühjahr 2018 auch einigen Medienwirbel versuchte, war beispielsweise die Digitalwährung Eroiy.

Viel versprochen, wenig umgesetzt

In Pressemitteilungen wurde das Projekt, das auf der Blockchain-Kryptowährung NEM basiert, zum potenziellen "Gamechanger für den Erotik-Unterhaltungsmarkt" aufgeblasen - mit eigener App und eigener Debitkarte, beides geplant für Oktober 2018. Die offizielle Website zieren bis heute die Logos von Partnern wie dem Hamburger Sexportal Fundorado, die eine Annahme von Eroiy-Zahlungen in Aussicht stellen.

Und bis Ende vergangenen Jahres sollten mindestens zehn relevante Kryptobörsen mit Eroiy handeln, planten die Macher damals: Unter dem Punkt "Börsen, die wir kontaktieren" waren auf der Website einst die Logos marktführender Handelsplätze wie Binance zu sehen.

Mittlerweile allerdings sind die Logos verschwunden. Stand Mai 2019 ist die Digitalwährung auf keiner relevanten Börse im Angebot, man kann nirgends damit zahlen - weder für Pornos noch für sonst etwas. Auch das mit der App und der Debitkarte ist nichts geworden. Selbst die Social-Media-Auftritte von Eroiy wirken verwaist. Der angebliche "Gamechanger" scheint eins von zahlreichen Kryptoprojekten zu sein, denen unmittelbar nach dem sogenannten Initial Coin Offering (ICO) die Luft ausging - oft zum Ärger der Investoren, die sich beim ICO gegen echtes Geld mit digitalen Coins eindecken konnten.

Pornoproduzenten treffen auf Inkassounternehmen

Doch es gibt noch jemanden, der an den Eroiy glaubt: auf Mallorca, in einem Hotel in Palma, wo am Mittwoch zwei Konferenzen enden, die sich Eurowebtainment und The Crypto Summit nennen. Die Konferenzen haben aus Marketinggründen verschiedene Namen, praktisch handelt es sich um dieselbe Veranstaltung.

Die Events bringen Pornoproduzenten mit Vertretern von Inkassounternehmen ins Gespräch oder Marketingleute mit Erotikmodels wie Micaela Schäfer, die hier "Special VIP Guest" ist. Zum Programm der Konferenzen gehören Vorträge wie "Crypto & Blockchain: Grow up or fuck up", aber auch Partys sowie eine Bootstour mit "kühlen Drinks und heißen Girls".

Auf der Hotelterrasse mit Hafenblick trifft man Walter Hasenclever, der Sprecher der Berliner Erotikmesse Venus ist, aber auch der PR-Verantwortliche für Eroiy. Er sagt, dass "sicherlich alles nicht gut gelaufen" sei und dass man mit dem ursprünglichen Team nicht habe "realisieren können, was wir realisieren wollten". Hasenclever sagt aber auch, dass es ein neues Team gebe und dass die Nachfrage des Marktes weiter da sei: "Es gibt einen Plan."

Von Sex Coin bis SpankChain wird experimentiert

Teil dieses Plans ist Gunnar Steger, der das Bild vom "Phönix aus der Asche" bemüht, wenn er über Eroiy spricht. Er ist Organisator der Doppelkonferenz und Geschäftsführer der Firma C-Pay aus Vaduz in Liechtenstein, bei der nun die Projektleitung für Eroiy liegt.

Gunnar Steger ist ein Vernetzer, viel länger und besser als die Kryptobranche kennt er das Geschäft mit der Erwachsenenunterhaltung und dem Drumherum. Er sah Trends und Geschäftsmodelle entstehen und verschwinden. Über sein Unternehmerleben sagt er Dinge wie: "Ich habe nicht mal den Dialer eingesetzt und habe wahrscheinlich Millionen dadurch verloren." Damit spielt er auf umstrittene Einwahlprogramme an, die um die Jahrtausendwende herum auch vielen Porno-Interessierten hohe Telefonrechnungen bescherten. Viele, die damals in dem Markt mitmischten, machten sie reich.

Auf Stegers Events, das erzählen manche, die schon oft da waren, ging es schon immer um die Frage, wie sich mit dem Digitalen Geld verdienen lässt - im Idealfall moralisch vertretbar. Seit einigen Jahren nun sind Kryptowährungen jener Tech-Bereich, in dem viele davon träumen, "das nächste Paypal" aufzubauen. Oder einfach irgendwas mit der oft mystifizierten Blockchain-Technologie, das Leute dazu bringt, ihnen Geld zu geben.

Obwohl die Pornobranche den Ruf hat, für Innovationen besonders offen zu sein und sie voranzutreiben, haben Kryptoprojekte die Branche bisher nicht umgewälzt - wirklich große Würfe fehlen noch, obwohl unter Namen wie SpankChain, Sex Coin und Intimate Token durchaus herumexperimentiert wird.

Schon der simple Einsatz von Digitalwährungen als Zahlungsoption läuft weniger gut, als es sich manche Anbieter erhofft hatten: Ein Problem im Alltag ist es etwa, dass Bitcoin-Transaktionen im Vergleich zu anderen Zahlungen lange dauern - was ärgerlich ist, da Pornokäufe oft Impulskäufe sind. Zum anderem überfordert der Umgang mit Digitalwährungen weniger technikaffine Menschen nach wie vor. Beim Thema Porno und Bitcoin dürfte manch einem als Erstes eine weit verbreitete Betrugsmasche in den Sinn kommen.

Pornhub nimmt nur spezielle Währungen

Digitalwährungen lassen sich bei einigen Sexportalen bereits einsetzen. Während etwa Fundorado, wo irgendwann Eroiy-Zahlungen möglich sein könnten, bislang ganz auf Kryptowährungen verzichtet, lässt sich beim US-Anbieter Naughty America in Bitcoin und Litecoin zahlen. Rund fünf Prozent der Abonnenten nutzten Kryptowährung, heißt es auf Nachfrage.

Das kanadische Portal Pornhub nimmt bisher nur drei spezielle Digitalwährungen namens Verge, Tron und Horizon an. Von Vice President Corey Price heißt es, es sei nach wie vor eine Herausforderung, das Zahlerlebnis des Nutzers nahtlos und angenehm und "weniger verwirrend" zu gestalten. Bei "weniger als einem Prozent der Käufe" auf Pornhub werde mit Kryptowährungen bezahlt.

Stephen Yagielowicz vom Branchenmagazin "XBiz" resümiert auf Anfrage, die anfängliche Begeisterung in der Branche sei verflogen. Angesichts des überschaubaren Nutzerinteresses würden sich die meisten Händler den Aufwand sparen, Kryptowährungen anzunehmen.

Zahlungen mit Bitcoin und Co. seien heute auch nichts Neues mehr, meint Yagielowicz - früher habe es noch Kryptonutzer gegeben, die quasi als Belohnung einige Coins ausgaben, wenn jemand eine solche Bezahloption einführte. Und für Nutzer, denen es wichtig sei, persönliche Daten nicht preiszugeben, sei es einfacher, eine kostenlose Pornoseite zu besuchen, als sich in Kryptowährungen einzuarbeiten.

Der Umtausch ist noch lästig

Als größte Hürde auf Anbieterseite sieht er es, dass oft doch ein mindestens lästiger Umtausch der Kryptowährung zum Beispiel in Dollar nötig sei: Es sei noch nicht weit, dass Anbieter Dinge wie ihre Models, den Webhoster und auch ihre Mitarbeiter in Kryptowährung bezahlen könnten, die dann wiederum davon ihre Lebensmittel oder ihre Miete zahlen. Chancen für Projekte, die mehr sind als Bezahlmechanismen, sieht Yagielowicz langfristig aber durchaus.

Gunnar Steger und Walter Hasenclever sehen Eroiy als Wette auf die Zukunft, sie verweisen auf ihre Zugänge in die Erotikbranche. Derzeit stehe etwa eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Verico aus Malta im Raum, das mithilfe einer Blockchain-Lösung Nutzer verifiziere, erzählen sie. Und noch dieses Jahr werde man Fortschritte bei Eroiy bekannt machen. Details dazu nennen sie aber nicht.

Die Projektwebsite verkündet indes stolz, dass man die Eroiy-Macher auf ihrer "Welttournee" treffen könne, auch auf der Eurowebtainment-Konferenz. Beworben wird allerdings noch das Event aus dem Vorjahr.



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larsmach 29.05.2019
1. Leben in Bigotterie...
Da werden Themen, selbst harmlose, im Internet nur anonym kommentiert (klein Hänschen versteckt sich hinter einem albernen Pseudonym), und da wird spießig gegeifert, wenn andere Leute Sex haben oder offen polyamor leben oder sich auf Swinger-Parties zu einem Dreier verabreden. Fetisch-/BDSM-Parties in spezialisierten Großdiskotheken und anderswo runden das Bild ab. Die einen genießen ihr (Sex-)Leben - die andere verstecken sich hinter den Displays ihrer Computer. Dazu Weiland Oswald Kolle: "Deutschland wird zur Masturbationsgesellschaft" - und das war noch VOR Breitband-Anschlüssen! Nach außen wird so getan, als sei Pornografie etwas Besonderes (und nicht etwa ein Teil des Menschseins, wie antike Vasen verraten). So passt es ins Bild, dass eine kindische Diskussion stattfindet zum Einsatz von "Kryptowährungen", denn was wäre schlimmer, wenn Kollegen, Angestellte oder sonstwer mitbekämen, dass da jemand genauso tickt wie sie! Vielleicht sollte man ein temporäres Tauschmittel, das dem Erwerb von Sex-Spielzeugen, Geschmackskondomen oder sonstigem Sex-Kram nach seinem Zweck benennen: "Bigott", wahlweise in Version 1 oder 2 (mit Rücktausch-Option für angekaute essbare Slips). Meine Freundinnen und ich nehmen einfach Bargeld, Paypal oder die Debitkarte. So ein Kindergarten...
primirp 29.05.2019
2.
doofe Frage aber wer bitte bezahlt noch für den porno-content im Netz? gibt doch mehr gratis als man jemals konsumieren kann (hab ich gehört)
M.W. aus A. 29.05.2019
3. Geld?
Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit eine Diskussion im Bekanntenkreis über Pornographie. Es ging darum, wie die Produzenten überhaupt damit Geld verdienen können? Ich kenne niemanden, der für das reine Anschauen von Filmchen irgendwas bezahlen würde! Man(n) bekommt doch nun wirklich alles kostenlos auf den oben angeführten Internetseiten. Für jeden Geschmack und ich meine nicht die Seiten, für die der Tor-Browser benötigt wird. Also ich sehe keine Chancen für Krypto-Porno-Währungen - einfach, weil sie überflüssig sind.
scoopx 29.05.2019
4. "Ein Problem im Alltag ist es etwa"...
... daß die Kryptowährungs-Transaktionen zu langsam sind. Och nö, das hätte ich ja nicht gedacht. Die Blockchains wachsen derart schnell über alle Grenzen, daß sie sich ab einer bestimmten Anzahl Transaktionen selbst blockieren (deshalb heißen sie ja "block.."). Da hätte ich mal eine naive Frage an die digitalen Helden im Forum: hat eigentlich jede Kryptowährung ihre eigenen Blockchains? Ich denke, ja, und da wäre es doch die Lösung, einfach beliebig viele Krypto-Coins zu bilden, also neben Eroiy noch Sex Coin, LiteCoin, PoC oder Perv-C (die letzten beiden Namen habe ich erfunden). Und wer verdient eigentlich an den ICOs?
otto_extremverbraucher 29.05.2019
5. Nische einer Nische
Die Verbindung von Cryptos und Pornos ist nur auf den ersten Blick perfekt. Aber wie #2 schon angemerkt hat: wer bezahlt denn dafür überhaupt noch? Das können doch nur alte Menschen sein, die Jungen sind mit kostenlosem Material aufgewachsen. Und da die Kombi -alte Leute- und -Cryptos- ja schon fast ein Widerspruch ist, handelt es sich bei denjenigen auf die das zutrifft doch nur um die Nische einer Nische an Konsumenten. Diese Crypto-Projekte waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
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