Essay Der geschwätzige Affe

Was nützt uns das Protzen mit Funktionstasten und Features? Wozu taugt das endlose Gerede im Fernsehen und im Internet? Der Essener Philosoph Norbert Bolz über die wahren Bedürfnisse des Menschen im Umgang mit Computern und in der vernetzten Welt.


Wer sich einen Computer anschafft, kauftdamit nicht nur ein Stück Hardware, sondern vor allem einPaket Software ­ mit dem Versprechen derBenutzerfreundlichkeit. Damit ist nicht gemeint, dass derNutzer verstehen soll, was er tut, sondern dass man ihmjede Irritation erspart. Wer es gut meint mit den Menschen,schützt sie vor Digitalität. Der Mensch ist ein analogesWesen; er wünscht sich Werte und Qualitäten, Ähnlichkeitund Evidenz.

DPA
Ein benutzerfreundlicher Computer lässt mich deshalbvergessen, dass ich es mit einem Rechner zu tun habe. Sowie man sein ganzes Leben Auto fahren kann, ohne auch nurein einziges Mal unter die Motorhaube schauen zu müssen, sokann man auch sein ganzes Leben am Computer arbeiten, ohnenur ein einziges Mal unter die Benutzeroberfläche schauenzu müssen. Entsprechend wird erst der Computer wahrhaftbenutzerfreundlich sein, den man gedankenlos nutzen kann.Der iMac deutet schon in diese Richtung: Farbe und Formsind wichtiger als die Technik. Dieser Tendenz scheinenallerdings die neuesten Handys zu widersprechen. Es sindAllzweckmaschinen, mit denen man nicht nur telefonieren,faxen und online gehen kann, sondern auch bezahlen. SogarBewegtbilder lassen sich demnächst übertragen. Technischist es also möglich, alles, was ein erfolgreicher Menschdes 21. Jahrhunderts wissen und leisten muss, über eineinziges, handliches Spielzeug laufen zu lassen. Aberwollen wir das auch?Natürlich gibt es die Freaks und Technikbegeisterten, dieentzückt darüber sind, dass Telefone sich in multimedialeKommunikationsterminals verwandeln: das Handy alsTamagotchi für Erwachsene. Doch dieses Paradies derIngenieure ist für Durchschnittsbürger wenig verlockend.Für sie wäre das genau entgegengesetzte Angebot, nämlichvollständig modularisierte Medien, von viel größerem Reiz.Also: Telefone, die besonders einfach zu nutzen sind,Netzcomputer, die nichts anderes tun als im Netz angeboteneProgramme zu bearbeiten und so fort. Natürlich müssen dannalle Module frei miteinander kommunizieren können.Im IBM-Zeitalter der Großrechner war der Computer keinProblem, sondern eine phantastische Erfindung ­ einPhänomen der Wissenschaftswelt mit segensreichen Wirkungenfür die Wirtschaft. Zum Problem wurde der Rechner erst, alses gelang, Größe und Preis so zu reduzieren, dass dasUndenkbare denkbar wurde: Computer für alle. Und dann stander plötzlich auf dem eigenen Schreibtisch. Es begann derendlose Kampf mit den Bedienungsanleitungen, dieLeidensgeschichte der abstürzenden Programme, der Ärger mitden ständig besetzten Hotlines. Und das Problem bekam baldeinen schönen Namen: Interface Design. Wie gestaltet man die Schnittstelle zwischen Mensch undComputer, ohne den Laien abzuschrecken? Erst haben uns dieMaus und die Metaphorik des Desktop von den Zumutungenalphanumerischer Befehlszeilen entlastet. Dann hat derDatenhandschuh das wichtigste Orientierungs- undHandlungsorgan des Menschen, die Hand, wieder in ihreRechte eingesetzt. Und bald können wir mit Computern wiemit zivilisierten Menschen umgehen ­ nämlich im Medium desgesprochenen Wortes. Der beste Computer ist also der, denman gar nicht mehr sieht.Die Werbung hat endlich erkannt, dass "Featuritis", alsodas Protzen mit Funktionstasten und Optionenmenüs, keinHeilsversprechen, sondern eine Krankheit ist. Man preiststattdessen heute unsichtbare Computer an ­ Computer als obnicht. Das ist nicht einfach nur eine genialeMarketing-Idee, sondern der Stand der Technik. UnsereLieblingsbegriffe wie Cyberspace, Netzwerk, Community undGlobal Village sagen alle auch: nicht Maschine. DerNetzcomputer präsentiert sich nicht alsHardware/Software-Paket, sondern als Kommunikationsknotenim Internet. Und der Personalized Computer, der uns für dieZukunft versprochen wird, ist kein Rechenknecht, sondernein Diener, der die Wünsche seines Herrn kennt. Die Zeichender Zeit deuten also weg von allem bloß Technischen. DerComputer verschwindet ­ in seiner Allgegenwart.Wie beim Skifahren ist es auch beim Surfen so, dass mannicht an ein Ziel kommen, sondern die Fahrt genießen will.Deshalb ist die Metapher vom Surfen im Internet gutgewählt. Denn es geht hier gar nicht primär um Informationund Wissen. Wir genießen uns selbst, indem wir unsere Sinnein den Medien baden. Wenn Menschen im Internet surfen, gehtes ihnen also nicht vorrangig darum, Informationenaufzunehmen oder auszutauschen. Sie wollen gerade in derRedundanz der Botschaft mitschwingen, oben auf der Wellebleiben. Es geht nicht um Information, sondern umFaszination. Das meinte schon Marshall McLuhans These, dasMedium sei selbst die Botschaft. Oder um es mit der Formelzu sagen, die der Publizist Johannes Gross einmal für dasGeheimnis des Fernsehens fand: Des Pudels Kern ist derPudel.Die Klagen der Gebildeten unter den Verächtern der neuenMedien sind also durchaus berechtigt: Das Internet ist,genau so wie die Telefonie, im Wesentlichen Geschwätz.Gerade Intellektuelle und Geschäftsleute übersehen leichtdiesen wichtigsten Faktor der neuen Medienwelt, dieKommunikationslust. Zu Luthers und Gutenbergs Zeiten hatdie Religion von Kult auf Kommunikation umgestellt. Heutehaben wir eine interessante Ersatzreligion: Kommunikationals Kult.Die moderne Gesellschaft ersetzt Anwesenheit durchkommunikative Erreichbarkeit. Hier kann man nun einefaszinierende Beobachtung machen. Die Kommunikation in dieFerne gelingt uns sehr viel besser als die mit dem"Nächsten". Das weckt den Verdacht, dass die Begeisterungfür Telekommunikation und die Political Correctness derFernstenliebe als Alibi für die gescheiterte Nähe herhaltenmüssen. Jedenfalls wird Gemeinschaft heute radikal vonKommunikation her gedacht. Nicht der Weltbürger, sondernder Netzbürger ist im globalen Dorf zu Hause. DieWeltkommunikation der Internet-Kultur setzt zwar weltweitbestimmte technische Standards durch, aber keineuniversalistischen Prinzipien. Im Gegenteil. ZurWeltkommunikation gehören die Nischenwelten, das heißt dieSelbstbehauptung der Minderheiten als virtuellerGemeinschaften im Netz.
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Das Internet ist schon heute der große virtuelle Marktplatzder "communities of interest" ­ mit gravierenden Folgenauch für die Wirtschaft. Man muss kein Prophet ­ oder wieman heute sagen würde: Trendforscher ­ sein, umvorauszusagen, dass die Märkte unter neuenMedienbedingungen wieder das werden, was sie ursprünglicheinmal waren, nämlich Schauplatz für Gespräche. Auf demInternet-Basar sind alle füreinander Publikum, und jederkann seine Stimme erheben. Deshalb hat das Autorenkollektivdes "Cluetrain Manifesto", der neuesten Management-Bibel,"Voice", die authentische Stimme, als das Erfolgsgeheimnisdes Internet bezeichnet. Das gilt auch für die authentischeStimme des Protests gegen Globalisierung. Seattle war erstder Anfang.Wir arbeiten alle mehr, als wir wissen. Jeder, der heuteeinen Job hat, hat auch einen Zweit-Job, nämlichKommunikation. Oder um es mit den präzisen Worten deramerikanischen Management-Forscher Terrence Deal und AllanKennedy zu sagen: "to work the network". Und im Zeitalterdes Internet wird diese Nebentätigkeit, das Netzwerk zupflegen, immer mehr zur Hauptsache, zur eigentlichenArbeit. Im Blick auf die Organisation von Unternehmenleuchtet das unmittelbar ein. Wenn Hierarchien durchNetzwerke ersetzt werden, besteht die Aufgabe des Managersdarin, die Kommunikationsverhältnisse zu betreuen; er istnicht mehr der General, sondern der Dirigent ­ oder derTherapeut. "Clintons Praktikantin stellt jeden Balkankonflikt in den Schatten,Diana stürzt die ganze Welt in Trauer, Boris` "Ich" ist größer alsjede Rentenreform." Man könnte diese Zusammenhänge mit Jürgen Habermas auf dieFormel "Produktivkraft Kommunikation" bringen. Doch genausowichtig ist die Dynamik der kommunikativen Lust, die dieUnterhaltungsindustrie so gewaltig anwachsen lässt. AlleWerkzeuge der neuen Medienwelt sind auch Spielzeuge.Wissensgesellschaft und Spaßgesellschaft gehören zusammen.Lernen von Walt Disney! Es geht hier nicht umBedürfnisbefriedigung, sondern um ein Genießen, von dem dieklassische Ökonomie nichts weiß. Früher konnte man in denTelefonhäuschen lesen "Fasse Dich kurz". Heute werbenTelefongesellschaften mit dem Versprechen, man könne fastkostenlos unendlich lange reden.Gute Soziologen erkennt man daran, dass sie über Dingestaunen, die allen anderen selbstverständlich erscheinen.So hat Charles Horton Cooley vor knapp hundert Jahren überdie seltsame Alltagspraxis des Zeitunglesens amFrühstückstisch gestaunt: Statt mit der Ehefrau zuplaudern, hält man sich einen Schutzschirm (Screen) vorsGesicht, dem der weltweite Klatsch eingeschrieben ist.Dieser "world-wide gossip" heißt heute World Wide Web. DasMedium hat sich ­ vom Wochenmarkt bis zum Kaffeehaus, vonder Yellow Press bis zum Internet ­ geändert, aber derKlatschgenuss bleibt derselbe. Er konsumiert vor allem"Persönliches", Gefühlsschablonen und Gerüchte: Wer hat wasmit wem?Nur zögerlich hat sich die Wissenschaft bisher dem Gossip,der Welt von Geschwätz und Klatsch, genähert. Aber mankönnte gerade von den Gesprächen des Stammtischs und denThemen der "Bild"-Zeitung etwas Entscheidendes lernen:Leute interessieren sich für Leute, das heißt fürGeschichten. Wir sind besessen vom Intimleben der Helden.Clintons Praktikantin stellt jeden Balkankonflikt in denSchatten, Diana stürzt die ganze Welt in Trauer, und Boris'"Ich" ist größer als jede Rentenreform. Klatsch beschäftigtdas Denken, ohne es zu belasten.Geschwätz ist das Genießen in der Sprache. Man kann dasjeden Tag im Fernsehen beobachten. Das romantische Idealdes unendlichen Gesprächs wird heute Wirklichkeit alsTalkshow. Dabei spielt es keine Rolle, ob man auf "SabineChristiansen" oder "Vera am Mittag" trifft. Im Medium desgroßen Geschwätzes sind alle gleich, und ein bruchlosesKontinuum verbindet den hundertfach gepiercten Perversender Krawallsendung mit dem smarten Wissenschaftler, dernach dem Prinzip des "rent-an-intellectual" durch dieedleren Talkshows gereicht wird.
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Was treibt die Leute vor die Kameras und die Bildschirme?Der Verhaltensforscher Robin Dunbar hat nach gründlicherBeobachtung unserer tierischen Verwandten die Theseaufgestellt, das Geschwätz und der Klatsch erfüllten fürdie Menschen genau die Funktion, die bei den Affen"grooming" heißt, also das gegenseitige Sich-Kraulen und-Pflegen. Wer eine Talkshow oder Daily Soap betrachtet,genießt die narkotischen Effekte des "grooming". Und dieLeute vor der Kamera scheinen Abhängige der Droge"Selbstmitteilung" zu sein. Immer mächtiger wird die Lust,sich zu "outen"; immer mehr Leute wollen bekennen,gestehen, sich entschuldigen. "Big Brother" ist dafür einSchulbeispiel: Man beobachtet Leute, die sich beobachtetwissen ­ und zwar in Situationen, die normalerweise derBeobachtung entzogen sind. "Big Brother" ist also BertoltBrecht für die geistig Armen, nämlich Fernsehen alsVersuchsanordnung ­ mit der Entrüstungsvokabel des "Stern":"Sozialporno."Auch das Internet ist ein Tummelplatz für Voyeure, dieandere beim Kommunizieren beobachten; man nennt sieverächtlich Lurker. Sie sind der Resonanzboden des GlobalGossip, des weltumspannenden Klatsches. Das Internet bringthier aber eine gegenüber den Massenmedien entscheidend neueDimension ins Spiel, denn es schaltet die kritischenZwischeninstanzen aus. Gerüchte und Skandalberichte wuchernohne redaktionelle Kontrolle und in atemberaubenderGeschwindigkeit. Man denke nur an Matt Drudge, denKlatschreporter, der die Lewinsky-Story vom eigenen PC auszum Weltgeschwätz aufgeblasen hat.Doch in welchem Medium auch immer: Klatsch und Tratsch sinddas wichtigste Schmiermittel der Gesellschaft. Nach RobinDunbar funktioniert das Gespräch genau so wie dasgegenseitige Sich-Pflegen der Affen: Es bindet Gruppenzusammen. Wir haben die Sprache also, um schwätzen zukönnen. In jedem Small Talk, mit jedem Griff zum Telefon,mit jedem Chat im Netz, bei jeder Daily Soap oder Talkshownehmen wir Teil am verbalen Kraulen, das derBeziehungspflege dient.Dem Geschwätz verdanken wir den Gemeinschaftssinn undunsere Geselligkeit. Vom großen Gerede geht nämlich einsanfter Zwang zum Konformismus aus. Das kann man besondersdeutlich an den Formen von Solidarität sehen, die durch dieGemeinsamkeit der Entrüstung entstehen. "Hystories" hat dieKulturwissenschaftlerin Elaine Showalter die hysterischenGeschichten genannt, über die man endlos weiterreden kann ­über verrückte Kühe etwa, Joseph im Schwimmbad oder Joschkain der Putzgruppe. Die moralischen Standards, die unserenAlltag regeln, verdanken wir also nicht dem "Sittengesetzin mir" (Kant), sondern dem Geschwätz in den Medien.

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