Essay "Warum bis morgen warten, um zu erfahren, was heute geschehen ist?"

Vor zwei Wochen verordnete sich der "Guardian" einen bedeutenden Schritt: Ab sofort kommen Artikel zuerst ins Internet, dann in die Zeitung. Alan Rusbridger, Chefredakteur des Blattes, zu Risiken und Chancen des Online Publishing für ein Medium, das mit der Aktualität des Webs nicht mehr mithält.

Der Vormittag, an dem wir in unseren Auslands- und Lokalteilen unser Web-First-Prinzip ankündigten, war zufälligerweise derselbe, an dem Abu Mussab al-Sarkawi getötet wurde. Die Meldung traf gegen 8.40 Uhr morgens an - etwa 24 Stunden bevor die Mehrheit der "Guardian"-Leser die Möglichkeit haben würde, unsere Berichterstattung und Analyse in der Ausgabe des nächsten Tages zu lesen.

Während des Großteils der 185 Jahre langen Geschichte des "Guardian" wäre das ein leidiger, aber nicht zu ändernder Aspekt des Zeitungsalltags gewesen. Die Nachrichten waren auf einen 24-Stunden-Zyklus zugeschnitten. Manchmal war das Glück auf deiner Seite und eine wichtige Meldung traf knapp vor Redaktionsschluss ein (aber im besten Fall nicht allzu knapp). Wenn jedoch ein Qaida-Anführer zur Frühstückszeit starb, musstest du dich schulterzuckend damit abfinden, dass das für dich und deine Leser keine besonders heiße Meldung mehr sein würde.

Die Sarkawi-Meldung war für alle, die an diesem Vormittag auf unserer Redaktionssitzung zusammenkamen, ein deutliches Beispiel dafür, dass sich das Zeitungsgeschäft zurzeit extrem schnell verändert. Die Reaktionen auf unser Web-first-Prinzip reichten von Akzeptanz bis Enthusiasmus. Es gab wie immer einige Bedenken - und ein wenig Skepsis. Also probierte ich es mit dem Sarkawi-Test. "Glaubt jemand in diesem Raum, dass wir bis morgen früh nichts zu dieser Meldung veröffentlichen sollten?", fragte ich. Niemand meldete sich.

Damit gingen wir also zu Diskussionen über Redaktionsverfahren, Zeitpläne und Korrekturlesen über.

Tatsächlich haben wir uns bereits seit einigen Jahren auf diesen Punkt zu bewegt. Unser Internetbetrieb beschäftigt mehr als 60 Journalisten - und die meisten Korrespondenten des "Guardian" und des "Observer" haben sich mittlerweile daran gewöhnt, sowohl für die Internet- wie für die Printausgabe zu schreiben.

Die Media Guardian Internetseite bringt an jedem Wochentag Meldungen, bevor sie in der Zeitung erscheinen. Sportkorrespondenten, die in verschiedenen Zeitzonen arbeiten, sehen nichts Ungewöhnliches mehr darin, dass ihre Text zuerst im Internet und anschließend in der Zeitung erscheinen - eine begrüßenswerte Entwicklung für Journalisten, die sich bisher mit einer Zeitverschiebung von 36 Stunden abfinden mussten, wenn sie aus Australien berichteten.

Bedeutender Schritt

Dennoch war uns allen der zugleich symbolische und bedeutsame Charakter des vorletzte Woche eingeführten Verfahrens bewusst, bei dem wir alle Auslands- und Lokalteil-Beiträge ins Internet stellen, sobald sie eintreffen, anstatt weiterhin auf einen Publikationstermin zu warten, der zwar einigen Lesern recht war, anderen aber nicht.

Die naheliegende Sorge, die unsere Mitarbeiter zum Ausdruck brachten, war die Angst, dass wir gegen uns selbst arbeiten würden. Warum sollten unsere Leser weiterhin die Printausgabe kaufen - über die wir immer noch 80 Prozent unserer Rendite erwirtschaften - wenn wir vorher so viel kostenlos zur Verfügung stellen?

Die Frage ist begründet - und wir stellen sie uns bereits seit mindestens zehn Jahren. In diesen Jahren hat sich der "Guardian" von der drittwichtigsten großformatigen Zeitung zu der mit Abstand wichtigsten Internetzeitung Großbritanniens entwickelt. An dem Tag, an dem wir zum ersten Mal den Inhalt des "Guardian" kostenlos im Internet zur Verfügung stellten, wussten wir, dass wir eine schleichende Erosion unseres Printabsatzes riskierten. Die Frage, die wir uns immer gestellt haben, ist die nach dem Verhältnis zwischen Risiko und Chance.

Sie kann etwa so formuliert werden: Was ist riskanter - eine aggressive Strategie der Internetentwicklung verfolgen oder diese Entwicklung bremsen, in der Hoffnung, die Leser dadurch zur Printausgabe zurückzuführen?

Ich weiß, wie meine Antwort auf diese Frage lautet, und ich wusste das auch schon vor der "Financial Times"-Schlagzeile, die vor zwei Wochen ankündigte, dass vor Jahresende mehr Geld für Internetwerbung als für Printwerbung ausgegeben werden wird, oder auch bevor ich unsere eigenen Zahlen sah, die eine jährliche Renditesteigerung von 53 Prozent zeigen.

Bloomberg, Blogger und die BBC

Natürlich gibt es eine gewisse Konkurrenz zwischen der Internet- und der Printausgabe des "Guardian". Aber man müsste schon blind sein, um zu denken, dies sei die einzige Konkurrenz, oder auch nur die wichtigste - wie man auch Scheuklappen tragen müsste, um zu meinen, wir würden heutzutage nur mit unseren Kollegen von den anspruchsvolleren britischen Zeitungen konkurrieren.

Wenn wir beschlossen hätten, die Meldung zum Tod von Sarkawi 24 Stunden lang zurückzuhalten, hätte wir damit nur erreicht, dass sich die Leser der "Guardian"-Internetseite Nachrichtenquellen zuwenden, die sich nicht an unzeitgemäße Terminregelungen halten. Diese Leser hätten sich bei Reuters, bei der BBC, bei Google News, Yahoo, MSNBC, der "New York Times" oder einer Heerschar anderer völlig verlässlicher Internetseiten - auch Blogseiten - informiert.

Ich vermute, wir werden aufgrund unserer Entscheidung einige Printleser verlieren; wahrscheinlich werden es aber kaum mehr sein als die, die wir (und alle anderen) ohnehin verlieren aufgrund einer sanften Abwanderung von Print- zu Internetmedien.

Heutzutage hat der "Guardian" in New York mehr Internetleser als in Birmingham. Weit mehr als sechs Millionen nordamerikanische Einzelleser können jetzt regelmäßig unsere Internetseite abrufen - oft gleich am Morgen Ortszeit. Diese Leute wollen die aktuellen Meldungen lesen, nicht bis zum nächsten Tag vertröstet werden. Was für Auslandsmeldungen gilt, ist bei Finanzmeldungen erst recht der Fall.

In der City gibt es einen regelrechten Heißhunger nach Onlinenachrichten. Die meisten Aktienhändler kontrollieren regelmäßig die Meldungen bei Reuters und Bloomberg, auf der Suche nach Ideen und Nachrichten, die ihnen in einem von starkem Wettbewerb geprägten Umfeld den entscheidenden Vorteil verschaffen. Sie sind nicht unbedingt treue Leser, sondern sie gehen auf die Internetseite, die ihnen die neueste Perspektive auf eine aktuelle Meldung bietet. Das ist bereits seit vielen Jahren die Realität in der City, und andere Wirtschaftsleser sind schnell nachgezogen.

Konkurrenz ist medienübergreifend

Die wirkliche Konkurrenz für den Wirtschaftsteil einer Zeitung sind daher Online-Nachrichtenquellen wie Bloomberg und große internationale Internetseiten wie die des BBC, des "Wall Street Journal" und der "Financial Times". Viele Wirtschaftsnachrichten erreichen die Londoner Börse in Form von Kurzmeldungen bereits um 7 Uhr morgens, so dass es zunehmend absurd ist, mit der Veröffentlichung dieser Informationen 24 Stunden zu warten.

Bis zum nächsten Morgen zu warten, während andere Internetseiten diese Nachrichten bereits im Laufe des Tages veröffentlichen, bedeutet, sich dem Risiko der Belanglosigkeit auszusetzen.

Es gibt natürlich Fallstricke. Wir werden nicht ins Geschäft der Rund-um-die-Uhr-Nachrichten einsteigen oder unsere Korrespondenten zu Agenturreportern machen. Alle Texte werden dieselben Phasen der Auftragsbeschreibung und des mehrfachen Korrekturlesens durchlaufen, die gegenwärtig für die Printausgabe gelten.

"Guardian"-Journalisten sollten weiterhin die Zeit haben, nachzudenken, zu lesen, Fakten zu prüfen, Anrufe zu machen und Überlegungen anzustellen.

Vor etwas mehr als 80 Jahren schrieb C.P. Scott, der bekannte "Guardian"-Redakteur für Manchester - damals 76 und mit 50 Jahren Redaktionserfahrung im Rücken - einen Essay, der geradezu übersprühte vor Begeisterung über die jüngsten technischen Entwicklungen der Zeit: "Die Welt wird kleiner. Jeden Tag werden Distanzen überbrückt. Wir können bereits durch die Luft oder durch den Äther Telegramme schicken, von Penzance bis Melbourne, und morgen werden wir vermittels desselben Mechanismus sprechen können. Physische Grenzen verschwinden. Was für eine Veränderung für die Welt! Was für eine Chance für die Zeitung!"

Ich glaube nicht, dass C.P. Scott, wenn die technischen Möglichkeiten gegeben gewesen wären, allzu lang über das Für und Wider der Einführung von web first nachgedacht hätte.

Übersetzung: Max Henninger

Dieser Beitrag erschien in englischer Sprache bei www.pressgazette.co.uk