EU-Untersuchung Studien-Partner streiten über Kriminalatlas

Grün: sicher, rot: gefährlich. Farbige Flecken im Kriminalitätsatlas zum "European Crime and Safety Survey" zeigen, wo sich die Bewohner in Europas Metropolen besonders bedroht fühlen. Das Max-Planck-Institut, einer der Verfasser der Studie, distanziert sich von der Veröffentlichung der Grafiken.

Es gibt Formen der Aufbereitung von Daten, die sind einfach schick: Umfrageergebnisse über die Wahrnehmung des Kriminalitätsniveaus von Städten und Ländern in Europa in grafischer Form gehören natürlich dazu. Wer schaut sich nicht gern anhand bunter Karten an, wo in Berlin die Kriminellen hausen, wo die Bürger in Budapest vor nächtlichen Überfällen zittern oder welche Ecken von London man besser meiden sollte?

Der "European Crime and Safety Survey" (EU ICS 2005)  macht's möglich, denn er erschließt die Daten nicht nur in statistischer Auswertung und ganz zeitgemäß auch in Charts und Hitlisten, sondern verpackt die Daten auch in Karten - Grün für sicher, Rot für No-go. 

Auch SPIEGEL ONLINE berichtete ausführlich und kritisierte die Studie unter anderem, weil sie vor allem subjektive Wahrnehmungen stichprobenhaft befragter Bürger zu verbindlich erscheinenden Kriminalitäts-Stadtplänen montiert. "Das", fand in unserem Forum zum Thema mehr als nur ein Leser, sei doch wohl "methodischer Unsinn".

Eine Kritik, die so grundsätzlich von wissenschaftlicher Seite nicht geteilt wird, im konkreten Fall der grafischen Nutzung des Datenmaterials hingegen schon: Das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg im Breisgau, Forschungsgruppe Kriminologie, distanziert sich vom grafisch so ansprechenden Kriminalitätsatlas.

Wörtlich heißt es in dem Verdikt der Max-Planck-Spezialisten: "Die im Rahmen des "European Crime and Safety Survey (EUICS 2005)" veröffentlichen 'Kriminalitätsatlanten' europäischer Hauptstädte sind methodisch unzulässig und spiegeln eine Genauigkeit der räumlichen Belastungen mit Kriminalität vor, die von den statistischen Daten nicht gedeckt wird. Diese stadtviertelbezogenen Ergebnisse sollten (...) nicht in der jetzigen Form veröffentlicht werden."

Eine harsche Kritik von berufener Seite, denn das Institut gehört zu den Urhebern der Studie. Zu der steht das Institut auch weiterhin "auf jeden Fall", wie ein Instituts-Sprecher gegenüber SPIEGEL ONLINE bekräftigt. Allein an der so populären grafischen Aufbereitung in Form interaktiver Karten stoßen sich die Freiburger.

Grundsätzlich hätten Untersuchungen auch zur "gefühlten Kriminalität" aber durchaus einen hohen Wert: "In anderen deutschen Städten wie Köln und Hamburg wurden in den letzten Jahren auch vom Max-Planck-Institut stadtviertelbezogene Befragungen zur Kriminalitätsbelastung durchgeführt, die diese methodischen Probleme beachtet und mit Stichprobengrößen von mehreren Tausend Befragten gearbeitet haben. Sie haben nicht das Ziel verfolgt, einen flächendeckenden Atlas der Kriminalitätsbelastungen zu erstellen, sondern allgemeine Zusammenhänge zwischen Kriminalität und sozialen Bedingungen in Wohnquartieren zu erforschen. Die Ergebnisse haben zum Beispiel gezeigt, dass die Kriminalitätsfurcht nur bedingt von der 'objektiven' Kriminalitätslage abhängig ist und sehr stark von sozialen Benachteiligungen beeinflusst wird."

Doch nur die Einhaltung enger methodischer Vorgaben liefere hier Ergebnisse, die wirklich aussagekräftig seien. Und das sei unter anderem schon in der Mindestgröße des Samples vorgegeben.

In der Stellungsnahme des Max-Planck-Institutes heißt es dazu: "Die Auswertungen des European EUICS 2005 auf der Ebene von Stadtvierteln vernachlässigt (...) die methodischen Standards, die dabei zu beachten sind. Die Anzahl der Befragten für Berlin ebenso wie für die anderen europäischen Hauptstädte ist bei weitem nicht groß genug, um statistisch abgesicherte Aussagen über einzelne Wohngebiete innerhalb der Stadt zu ermöglichen. Die Mindestzahl der Befragten, die für eine flächendeckende Analyse subjektiver Kriminalitätswahrnehmungen notwendig ist, ergibt sich aus der Größe und Anzahl der Stadtviertel einer Stadt."

Für Berlin sei da eine Stichprobengröße von mindestens 4500 Befragten nötig, "besser wären jedoch 7000 bis 10.000 Befragte" gewesen. Der EU ICS 2005 hatte in ganz Deutschland insgesamt nur 2000 Personen befragt, in Berlin sollen es rund 600 gewesen sein.

Dabei sei der generelle Ansatz, räumliche Auswertungen solcher Bedrohungswahrnehmungen zu erstellen, grundsätzlich wertvoll und begrüßenswert: "Wissenschaftler verschiedener Disziplinen (z.B. Kriminologen, Stadtsoziologen, Geographen) versuchen (...) zu Recht, mehr über die sozialen Ursachen und Folgewirkungen dieser Kriminalitätsbelastungen herauszufinden. Für die Kriminalprävention ist es wichtig herauszufinden, mit welchen Maßnahmen man die soziale Stabilisierung von Stadtvierteln trotz hoher Kriminalitätsbelastung unterstützten kann. Dabei haben Bewohnerbefragungen zur subjektiv wahrgenommen Kriminalitätsbelastung, also zur 'gefühlten' Kriminalität und zur Kriminalitätsfurcht, durchaus ihren Platz."

Wenn sie methodisch korrekt dargestellt werden, doch das sei im Falle der grafischen Umsetzung des "European Crime and Safety Survey" nicht der Fall. Das harte Fazit der Kriminologen vom Max-Planck-Institut: Es sei bedauerlich, "dass der Berliner Kriminalitätsatlas des EU-ICS ebenso wie die Karten der anderen Europäischen Hauptstädte eine wissenschaftliche Exaktheit vortäuschen, die sie nicht besitzen."

Gallups Antwort: Visualisierung ist wertvoll

Diese Kritik will Gallup Europe, Koordinator des EUICS Projektes, nicht hinnehmen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE verteidigt die auf Politik- und Wirtschaftsberatung spezialisierte Organisation die Veröffentlichung von Teilen des EUICS-Datenmaterials in Kartenform: GeoX,  heißt es da, habe sich als einer der EUICS Konsortialpartner durch Erarbeitung von Online-Applikationen mit geografischer Codierung von Daten einen hohen Wissenstand erarbeitet. Es handele sich dabei um Anwendungen, die in der Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei oder anderen öffentlichen Entscheidungsträgern erstellt wurden.

Die Kritik des Max-Planck-Institutes greife im Übrigen nicht: "Die wissenschaftliche Exaktheit des Kriminalitätsatlas ist in diesem Fall nicht relevant."

Gallup unterstütze den Aufruf zu häufigeren Umfragen und vertiefter Forschung in den Bereich der kleinräumlichen Auswertung von Kriminalitätsbelastung. Beim Kriminalitätsatlas gehe es aber um etwas anderes: "Das Ziel unseres Forschungsprojektes geht über die qualifizierte Datenerhebung per Meinungsumfrage hinaus. Es geht darum, neue Wege zur benutzerfreundlichen Darstellung der Sozialwissenschaften zu erstellen. Wir arbeiten an neuen, innovativen Anwendungen zum Informationsaustausch innerhalb der öffentlichen Hand."

Das Web-Frontend der EUICS-Studie  sei "als qualifizierte und vertrauenswürdige Quelle für Daten zur Kriminalitätsbelastung in Europa" ein Instrument, das Medien, gemeinnützigen und auch polizeilichen Einrichtungen in jedem Land helfen könne, sich ein besseres Bild über Sicherheitsgefühl und Kriminalität in Europa zu machen.

Das würden allerdings wohl auch die Forscher am Max-Planck-Institut unterschreiben: Sie stoßen sich allein an der Veröffentlichung des Kartenmaterials im Web. Die Stimmung zwischen den Partnern scheint nun zumindest getrübt. Die Diskussion über die Art und Weise, wie das Kriminalitäts-Datenmaterial in Umlauf gebracht wurde, hat begonnen: So ganz genau scheint im Augenblick noch niemand zu wissen, wie es überhaupt zu den so populären Crime-Atlanten im WWW  gekommen ist.

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