Cybercrime Europäische Internetpolizei fordert Hintertüren

Die Zahl der fähigen Cyberkriminellen ist nicht besonders hoch, glaubt der Chef der europäischen Internetpolizei. Zur Bekämpfung fordert er Verschlüsselung nur mit Hintertüren - und ein Ende der Anonymität vor dem Staat.
Polizist Troels Oerting: Fordert Verzicht auf Anonymität im Netz

Polizist Troels Oerting: Fordert Verzicht auf Anonymität im Netz

Foto: MOHD FYROL/ AFP

Für die weltweite Internetkriminalität sind nur rund hundert Cyberbosse verantwortlich. Schaltet man die aus, fällt das ganze Kartenhaus der Cyberkriminalität in sich zusammen. Mit dieser These überraschte Troels Oerting, Leiter des Europäischen Zentrums zur Bekämpfung der Cyberkriminalität (EC3) , in einer Radiosendung . Er wisse auch grob, wer diese Hundert seien. Aber Oerting will mehr: Die Abschaffung der Anonymität im Internet und Softwarehintertüren für Onlinedurchsuchungen .

Oerting zufolge ist bei der Internetkriminalität rasches Handeln notwendig. Ständig steige die Zahl der wirklich fähigen Internetkriminellen. "Derzeit verkraften wir das noch, aber die Kriminellen haben immer mehr Ressourcen und keine Hindernisse. Gier und Profit treiben sie an - und sie entwickeln dermaßen schnell neuen Schadcode, dass wir kaum mehr mithalten können."

Zur Zeit sei Identitätsdiebstahl, etwa Zugangsdaten zu Facebook, das größte Geschäft. Demnächst könnten aber mit dem "Internet der Dinge", der Vernetzung möglichst vieler Gegegenstände des Alltags, neue Angriffe möglich werden. Vor allem aber die Internationalität der Internetkriminalität macht den Fahndern zu schaffen: "Diese Kriminellen begehen ihr Verbrechen aus der Ferne. Deswegen kann ich ihnen nicht mit meinen herkömmlichen Instrumenten beikommen. Ich muss mit Ländern zusammenarbeiten, mit denen ich normalerweise nicht zusammenarbeite, was mir ein bisschen Angst macht."

Anonymität und Privatsphäre werden durcheinander gebracht

Damit meint Oerting die Russisch-sprechende Welt - dort lebe die Mehrzahl der hundert Cybercrime-Könige. Die würden die Hacking-Werkzeuge bauen, die dann von "allen möglichen Kriminellen in Osteuropa, Europa, Afrika und Amerika" heruntergeladen und benutzt würden. "Es ist so einfach, Internetkrimineller zu werden. Man muss kein Cyberexperte sein, sondern einfach das Programm herunterladen, das man benutzen will."

Um dauerhaft gegen die Cybercrimeszene vorgehen zu können, sei aber ein Umdenken nötig - und neue Fahndungsmittel. Für Oerting sind deshalb auch die selbsternannten Beschützer des Cyberspace, Leute wie Edward Snowden, Teil des Problems: "Die Good Guys bringen Anonymität und Privatsphäre durcheinander. Für mich ist das nicht das Selbe. Für mich hat jeder ein Recht auf Privatsphäre, aber das heißt nicht, dass man auch ein Recht auf Anonymität hat."

Oerting fordert damit die Identifizierbarkeit - zumindest für Behörden - von allen Internet-Nutzern und die Abschaffung von anonymen Orten, etwa des Tor-Netzwerks. Für ihn ist Anonymität gleichbedeutend mit "außerhalb der Reichweite staatlicher Sanktionen".

Deswegen ist für Oerting die zunehmende Verschlüsselung von Onlinekommunikation auch nicht akzeptabel. "Man muss sich nur vorstellen, dass man in der physischen Welt einen Kofferraum nicht öffnen könnte, wenn man vermutet, dass dort Waffen oder Drogen drin sein könnten. Das würden wir niemals akzeptieren."

So wünscht sich Oerting auch einen neuen Umgang mit Privatsphäre im Internet: "Ich spreche ungern über Hintertüren [in Programmen], aber Strafverfolgungsbehörden müssen die Möglichkeit haben, solange sie autorisiert sind, einen Einblick in das zu bekommen, was man in der Onlinewelt versteckt."

fko