Facebook-Hype 19-Jähriger setzt ein Zeichen gegen Mobbing - und sammelt 1,5 Millionen Klicks

"Leute, niemand ist weniger wert, weil...": Benjamin Drews aus Ostfriesland hat mit einem Anti-Mobbing-Video einen Facebook-Hit gelandet. Mit dem Clip will der 19-Jährige persönliche Erfahrungen hinter sich lassen.
Von Dennis Betzholz

Schweigend steht ein Junge mit schwarzem Pullover vor einer weißen Wand und hält handbeschriebene Zettel in eine Kamera. Im Hintergrund läuft Klaviermusik, die vor allem bei Fans des Vampirfilms "Twilight" beliebt ist. Der Blick des Jungen ist leer, fast ein wenig traurig, seine Botschaft hingegen unmissverständlich: Er will ein Zeichen gegen Mobbing setzen.

Seit es vergangenen Sonntag hochgeladen wurde, hat sich das Video  rasant unter Facebook-Nutzern verbreitet. Stand Mittwochvormittag ist es mehr als 1,5 Millionen Mal aufgerufen und fast 60.000 Mal geteilt worden. Viele Nutzer bewundern den Jungen für seinen Mut und rätseln zugleich, welchen Leidensweg er wohl hinter sich hat.

Die Machart des Video erinnert an einen Clip von Amanda Todd , einer Schülerin aus Kanada, die ebenfalls mit handbeschriebenen Zetteln ihre Geschichte von Demütigungen und Cybermobbing erzählte und sich danach das Leben nahm.

Der Junge, der sich bei Facebook Benjamin Drews nennt, heißt im wahren Leben ein wenig anders, ist 19 Jahre alt und kommt aus der Kleinstadt Weener in Ostfriesland. "Keine Sorge, ich bin nicht suizidgefährdet", sagt Drews im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Mobbing habe für den ehemaligen Hauptschüler allerdings lange Zeit zum Alltag gehört. Hänseleien, meistens wegen seiner Körperfülle, verfolgten ihn seit frühester Kindheit.

"Leute, niemand ist weniger wert, nur weil er ..."

Eine Erfahrung, die viele Schüler in Deutschland teilen: Laut einer Untersuchung, die in einem Bericht der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen  erwähnt wird, ist im Schnitt etwa eins von 25 Schulkindern "ernsthaft" von Mobbing betroffen, das heißt: Der oder die Betroffene wird einmal oder mehrmals pro Woche Ziel von Mobbing-Attacken. Für viele Kinder und Jugendliche gehört die regelmäßige Demütigung somit zum Schulalltag.

Eine Studie des "Bündnis gegen Cybermobbing" (hier als PDF ) belegt zudem, dass auch Erwachsene regelmäßig von Hass-Attacken heimgesucht werden. Jeder Dritte wurde schon Opfer von Mobbing, jeder Zehnte davon im Internet. 40 Prozent der Angriffe dauern sogar länger als ein Jahr.

Benjamin Drews Video besticht mit großer Klarheit. Die Botschaft ist der Star. Er hält nacheinander Zettel mit folgendem Inhalt hoch: "Leute, niemand ist weniger wert, nur weil er: eine Behinderung hat, vielleicht nicht viel Geld hat, vielleicht nicht so klug ist, vielleicht nicht die beste Figur hat, schwul, lesbisch oder bi ist, eine andere Hautfarbe hat, einen anderen Glauben hat, eine andere Herkunft hat."

Welle der Solidarität und des Respekts

Die Konsequenzen, die Anfeindungen für die Betroffenen haben, benennt Drews ebenfalls. Er schreibt: "Sie verletzen ihren Körper, da sie denken, dass sie anders sind. Sie haben Selbstmordgedanken!" Im Gespräch sagt Drews, dass er sich früher mit einer scharfen Klinge in den Unterarm geritzt hat. Der Gedanke, nicht mehr auf der Welt sein zu wollen, sei ihm jedoch sehr selten gekommen.

Die Angst vor Ablehnung war kurz nach Veröffentlichung des Videos trotzdem groß: "Ich habe befürchtet, dass es wieder anfängt, das Mobben, die Hänseleien und der ganze Mist", sagt Drews.

Doch es kam ganz anders. Eine Welle der Solidarität und des Respekts brach über dem Jungen aus Ostfriesland hinein: Viele Tausend Menschen schickten ihm Freundschaftsanfragen, gratulierten ihm zu seinem Mut und berichteten ihm vom eigenen Leiden. Drews gab manchen ein Gefühl zurück, das sie vielleicht längst für verloren hielten: Du bist nicht allein. Oder wie er im Video schreibt: "Nur gemeinsam können wir etwas tun!"

Für Drews beginnt nun "ein neues Leben", sagt er selbst. Einen Ausbildungsplatz sucht er zwar noch, doch einen Titel könnte man ihm schon jetzt verleihen: Er ist der Mutmacher des Monats.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, die Klaviermusik im Video von Benjamin Drews stamme vom Soundtrack der "Twilight"-Filme. Tatsächlich wurde das Stück "River Flows in You" von dem südkoreanischen Pianisten Yiruma von Fans des Films für den Soundtrack ins Gespräch gebracht, am Ende entschieden sich die Produzenten für einen anderen Titel. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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