Libra vorgestellt Wie Facebook mit eigener Kryptowährung seine Macht ausbaut

Schon jetzt ähnelt Facebook einem Staat mit riesiger Einwohnerzahl, eigenen Gesetzen, eigener Polizei und eigenen Diplomaten. Die eigene Währung, die das Unternehmen heute vorgestellt hat, passt dazu.

Eine Analyse von Jürgen Geuter


Am Dienstag hat Facebook seine Pläne für eine eigene Kryptowährung veröffentlicht. Diese wird Libra heißen und zuerst für Zahlungen in Facebooks drei Messenger-Apps eingesetzt werden. Berichten zufolge ist aber geplant, die Währung auch außerhalb von Facebook zu handeln. Die beteiligten Unternehmen, darunter Uber und Ebay, dürften schließlich daran interessiert sein, ihre eigenen Zahlungsprozesse über diesen neuen Weg abzuwickeln.

Hierzu hat Facebook in Genf eine neue Organisation, die "Libra Association", gegründet und für den Anfang rund 30 andere Unternehmen überzeugt, jeweils bis zu zehn Millionen Dollar zu investieren, um Teil des Libra-Ökosystems zu werden. Unter ihnen sind Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Visa, PayPal und Stripe, aber auch Firmen wie Spotify.

Warum macht Facebook so etwas? Als Spekulationsobjekt wie Bitcoin taugt Libra jedenfalls nicht. Denn die Kryptowährung soll an mehrere echte Währungen gebunden werden, ein Libra-Token wird also immer einen definierten Wert in Euro haben. Zudem sollen die anfallenden Transaktionsdaten von den Werbeprofilen der Nutzer getrennt bleiben. Es geht Facebook also um mehr.

Facebook ist mehr wert als der Bundeshaushalt

Das Unternehmen übernimmt im Internet zunehmend eine quasi-staatliche Rolle: Der Facebook-Account kann zum Login oder zur Überprüfung der eigenen Identität genutzt werden, ähnlich wie ein Personalausweis. Die Regeln, die Facebook für Inhalte auf seiner Plattform definiert, setzen sich mitunter über nationale Gesetze und Normen hinweg und legen fest, welche Texte, Fotos oder Videos akzeptabel sind. Die Tausenden Moderatoren, die Facebook überall auf dem Planeten bezahlt, kommen Polizisten und Richtern gleich, wenn es um die Standards auf Facebooks Seiten geht. Facebooks Management um CEO Mark Zuckerberg verhandelt und kommuniziert mit Staaten und internationalen Organisationen auf einer Ebene - was allerdings für jeden Konzern gilt.

Mit fast 2,4 Milliarden aktiven Nutzern (Stand April 2019) ist das Konstrukt Facebook fast doppelt so bevölkerungsreich wie die Volksrepublik China. Der Wert der Facebook-Aktien am Markt beträgt mehr als 450 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2019 umfasst etwa 356 Milliarden Euro.

Facebook ist kein Staat, aber es ist aufgrund seiner Größe und seines Wertes als Unternehmen so einflussreich wie einer. Und nun schafft Facebook - mit der Unterstützung anderer - eine neue Währung, die perspektivisch überall im Internet gelten soll.

Diejenigen, die Facebook schon früher mit einem Nationalstaat verglichen haben, sprachen von einem Königreich oder einer Autokratie. Eine kleine Gruppe von Menschen entscheidet über die Regeln für Milliarden, ohne dass diese Einfluss oder das Recht auf Widerspruch hätten. Als Gesellschaft akzeptieren wir das, weil Facebook als Unternehmen gesehen wird, welches Dienstleistungen oder eine Plattform anbietet. Aber es scheint, dass mit dieser Charakterisierung seine Machtposition nur unzureichend beschrieben wird.

Nur das Konsortium wird Zugriff auf die Daten haben

Und es entsteht zunehmend der Eindruck, dass Facebook seine Machtposition nicht nur wahrnimmt, sondern bewusst ausbaut. Die neue Währung des Internets zu etablieren passt ins Schema. Sie wird nicht irgendeine Fantasiewährung sein, gedacht einzig für das Bezahlen von Anzeigen oder anderen Dienstleistungen. Der Ansatz, den das Unternehmen verfolgt, geht viel weiter. Es geht darum, den bestehenden politischen Strukturen, den Staaten und Staatsbündnissen ihre Gestaltungs- und Regulierungsmacht zu nehmen.

Dass die neue Währung auf Blockchain-Technologien basiert, ist dabei vor allem eine PR-Entscheidung: Es sollen der aktuelle Hype um Blockchain für Aufmerksamkeit genutzt und die Idee von Offenheit und Transparenz suggeriert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nach dem aktuellen Kenntnisstand wird die Software, die eingesetzt werden soll, zwar im Quellcode offen sein, es werden aber nur Mitglieder der Libra Association, also des Konsortiums aus IT-Giganten und Start-ups, direkten Zugriff auf die Daten innerhalb der Blockchain haben.

Es wird aber interessant sein zu sehen, wie das Libra-Konsortium die praktischen Probleme von Blockchain-Systemen lösen möchte: Insbesondere die Tatsache, dass Transaktionen niemals gelöscht werden können, stellt sich in realen Blockchain-Systemen immer wieder als Problem heraus, wenn ungewollte oder betrügerische Transaktionen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Auch die Skalierung auf große Mengen von Transaktionen macht den Einsatz von Blockchains in der realen Welt architekturbedingt schwer. Und ob die Nutzer begeistert darüber sein werden, dass eine so große Zahl von Unternehmen Zugriff auf alle ihre Bezahlvorgänge haben wird, ist auch noch offen.

Die bequemste Lösung setzt sich durch

Was Facebook mit dem Libra-Projekt aufbaut, ist aber keine rein technische Lösung, sondern ein alternatives und weitgehend unreguliertes Bankensystem. Dass Visa, Mastercard und PayPal mitmachen, ist konsequent, da ihnen am Ende egal ist, wo sie als Gatekeeper für den Zugang zu Finanzdienstleistungen fungieren.

Auf den ersten Blick schmieden Facebook und andere Tech-Unternehmen nur eine wirtschaftliche Allianz, am Ende könnte eine neue Währung stehen, die nicht durch politische, geschweige denn demokratische Prozesse, sondern durch die Interessen der beteiligten Unternehmen gesteuert wird.

"Convenience is king", heißt es: Die bequemste Lösung setzt sich durch. Wie viel bequemer wäre es, an der Supermarktkasse, im Restaurant, im Kino einfach mit dem Facebook-Account zu zahlen, ohne noch Kredit- oder EC-Karten mit sich herumtragen oder überhaupt besitzen zu müssen? Wie lange würde es dauern, bis diese digitale Währung ihren Weg in unseren Alltag findet? Was aus Bequemlichkeitsperspektive verlockend wirken mag, wird viel problematischer, wenn man sich die Frage stellt, wie garantiert wird, dass auf Transaktionen die korrekten Steuern abgeführt werden. Oder wie sichergestellt werden soll, dass die Libra-Tokens nicht zum Beispiel für Geldwäsche oder den Handel mit illegalen Waffen eingesetzt werden.

Das Libra-Projekt ist natürlich kein Selbstläufer und es besteht die Möglichkeit, dass es - wie so viele Blockchain-Projekte vor ihm - im Nichts verpufft. Was es aber illustriert, ist der wachsende Wille von Unternehmen wie Facebook, selbst quasi-staatliche Aufgaben und Machtpositionen einzunehmen und weiterzuentwickeln. Ohne dass die betroffenen Menschen eingreifen, mitreden oder Kontrolle ausüben können.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikel hieß es, die Facebook-Währung heiße "in Anlehnung an das lateinische Wort für frei" Libra. Das lateinische Wort für frei ist aber liber. Wir haben den Halbsatz entfernt.

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
spon_8341481 18.06.2019
1. Undemokratisch
Man sieht in Amerika jetzt schon, wie Technologiefirmen Andersdenkende blockieren und zensieren. Bald werden diese Firmen wohl auch noch Andersdenkende aus dem Finanzsystem sperren können.
beta23 18.06.2019
2. warum nicht mal was Neues wagen
Interessant wäre zu wissen in wie weit die amerikanischen Behörden hier Zugriff haben, auch wenn der Sitz der Holding in der Schweiz angesiedelt werden soll. Dann würde ich sagen Vorsicht. Aber ansonsten warum nicht, keiner wird gezwungen dort mitzumachen.
p2063 18.06.2019
3. hoffentlich setzt sich das nicht durch
Dann doch lieber eine richtige kryptowährung wie Bitcoin oder Ethereum mit der Möglichkeit ähnlich dem Bargeld potentiell anonym damit handeln zu können. Für das, was sie vor haben, hätte man auch bei gewöhnlichen Zahlungsmethoden bleiben können. Man muss sich nicht vor Facebook&Co noch nackiger machen als man eh schon ist.
sonnemond 18.06.2019
4. Sehr guter Artikel
Da ich Zuckerberg und seinen Laden eh nicht mag, werde ich sicher nicht dabei sein. Doch die Massen in der Welt werden ihrer Bequemlichkeit und ihrem Leichtsinn folgen. Doch dass sich Staaten so einfach den Heiligen Gral, ihre Währung, ihre Geldschöpfungshoheit nehmen lassen?
flixlux 18.06.2019
5. eigentlich
hilft da nur noch die Sperrung oder besser noch Zerschlagung aller Datenkraken.
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