Facebook-Chef Zuckerberg Vom Milliardär zum Missionar

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will die Bundesrepublik erobern. Der 24-Jährige kam nach Berlin, um die Deutschen von den Vorzügen seines Netzwerkes gegenüber dem großen Konkurrenten StudiVZ zu überzeugen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der jüngste Milliardär der Welt über seine Strategie.

Mark Zuckerberg ist ein müder Milliardär. Zumindest an diesem Montagabend. Der 24-Jährige Studienabbrecher, Gründer und Chef von Facebook, ist ein bisschen blass und hat tiefe Ringe unter den Augen. Er ist auf Europa-Tournee - denn es gibt Nachholbedarf auf dem alten Kontinent.

Über 110 Millionen aktive Mitglieder hat Facebook inzwischen - in Deutschland sind es aber nur gut 1,2 Millionen. Also ist Zuckerberg, der laut "Forbes" etwa anderthalb Milliarden Dollar schwer ist, selbst in die Bundesrepublik gekommen, um ein bisschen Überzeugungsarbeit an der Basis zu leisten.

Facebook-Gründer Zuckerberg: Milliardär mit müden Augen

Facebook-Gründer Zuckerberg: Milliardär mit müden Augen

Foto: Erik Seemann

Als Neuntklässler hat er laut seiner alten Hochschulzeitung mal eine PC-Version des Spiels "Risiko" programmiert. Wenn man ihm jetzt zuhört, wird man das Gefühl nicht los, dass er die Entwicklung von Facebook als ein ganz ähnliches Spiel betrachtet: Es geht darum, ein Land nach dem anderen einzunehmen, um globale Vorherrschaft. Ein Eroberungszug in Turnschuhen, Jeans und grauem T-Shirt.

Facebook: Das Weltnetz

Am Nachmittag hat Zuckerberg vor ein paar Hundert Berliner Studenten einen Vortrag gehalten, jetzt muss er Interviews geben, eins nach dem anderen, am nächsten Tag das Gleiche noch mal in München. Streng bewacht von Kommunikationschefin Debbie Frost und von Elliot Schrage, Spitzenkraft für "globale Kommunikation und Politik".

Eine mitgebrachte Tafel Schokolade lässt Zuckerbergs jungenhaftes Gesicht aufleuchten, er beißt herzhaft hinein und redet dann drauflos. Einige Vokabeln benutzt er besonders gern und häufig. "Connecting" ist eine davon, eine andere "Sharing", was "teilen" bedeutet, aber auch "mitteilen" und "gemeinsam nutzen". Das, was Facebook ausmachen soll. Jedesmal, wenn er das Wort benutzt, nicken seine beiden Kommunikationschefs eifrig, und Debbie Frost strahlt ihn begeistert an.

Schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Facebook besteht seit 2004. Zuckerberg programmierte es während seiner Studienzeit in Harvard, anstatt Vorlesungen zu besuchen. Als das betont schlichte Social Network für Studenten in den USA rasend erfolgreich war, zog Zuckerberg nach Kalifornien - und kehrte nie an seinen Studienplatz zurück. Im Juli 2006 hatte Facebook sieben Millionen Nutzer, fast alle waren Studenten. Damals bot Yahoo eine Milliarde Dollar als Kaufpreis. Zuckerberg lehnte ab. Heute wird der Wert des Unternehmens auf zwischen 4 und 15 Milliarden Dollar geschätzt, Microsoft hat vor einem Jahr für 1,6 Prozent von Facebook 240 Millionen gezahlt.

Zuckerberg: Weltherrschaft mit "Sharing" und "Connecting"

Zuckerberg: Weltherrschaft mit "Sharing" und "Connecting"

Foto: Erik Seemann

Hat Zuckerberg schon einmal daran gedacht, einfach seine Anteile zu verkaufen, das Geld zu nehmen und lieber das Leben zu genießen? Etwa Ende 2007, als das umstrittene Werbe-System "Beacon" für Proteststürme sorgte? Hat er nie gedacht "verdammt, ich nehme einfach das Geld und haue ab"? "Nicht in diesen Worten", sagt Zuckerberg und lacht. Aber es gehe ja auch nicht ums Geld, sondern um das Projekt, um "Sharing". "Das wäre für uns sonst auch gar nicht gut", wirft Elliot Schrage in betont scherzhaftem Ton ein.

"Du hast Anzüge, die du mir anziehst"

Es gibt ein paar solcher Momente im Laufe des Gesprächs. Zuckerberg verlässt dann die eingeübten Pfade der Eigenwerbung - etwa, als er sich zu einer kleinen bösen Bemerkung über den Facebook-Finanzier Microsoft hinreißen lässt. Dann bringen ihn seine beiden Kommunikationswächter mit Blicken und ostentativ heiteren Einwürfen blitzschnell wieder zur Räson. Der Milliardär kokettiert offen mit seiner Rolle als Wunderkind unter den wachsamen Augen seiner PR-geschulten Zieheltern.

Zuckerberg trägt ein graublaues T-Shirt ("davon habe ich 15"), die Outdoor-Jacke, die er sogar bei Vorträgen anzieht, hängt in der Garderobe. Auf die Frage, ob er denn einen Anzug habe, sieht er zu Debbie Frost und sagt: "Du hast Anzüge, die Du mir anziehst." Die Angesprochene lacht wie eine stolze Mama und sagt, das sei doch nur ein Jackett, und zum letzten Mal habe er es im Mai getragen, in Japan.

Milliardär Zuckerberg: Konzentrierter Prediger mit Jungs-Gesicht

Milliardär Zuckerberg: Konzentrierter Prediger mit Jungs-Gesicht

Foto: Erik Seemann

Aber über weite Strecken ist es gar nicht nötig, dass Frost und Schrage sich einmischen. Denn Zuckerberg ist ein konzentrierter Prediger des eigenen Evangeliums vom Teilen und Verbinden. Auch wenn man ihm nicht so recht abnehmen will, dass Geld und Marktdominanz dabei eigentlich gar keine Rolle spielen sollen.

Wenn er erst mal in Schwung gerät, leuchten seine Augen vor allem bei Sätzen wie: "Mehr als 30 Prozent der Online-Population in Großbritannien nutzt heute Facebook", oder "In Lateinamerika benutzten alle Hi5. In wenigen Monaten wechselten alle Leute zu Facebook." Chile werde "das erste Land sein, in dem mehr als 50 Prozent der Online-Population bei Facebook vertreten sind". In Kanada seien es jetzt schon 40 Prozent.

Die "Risiko"-Karte färbt sich Facebook-Blau

Während er diese Zahlen herunterrattert, kann man förmlich sehen, wie sich eine Weltkarte in Zuckerbergs Hinterkopf Land für Land blau färbt, Facebook-farbig. Wie bei "Risiko". Nie vergisst Zuckerberg, die Konkurrenten zu nennen, die er aus dem Feld geschlagen hat. Südamerika: Hi5. Großbritannien und Australien: MySpace.

Und Deutschland? Immerhin dominiert hier die VZ-Gruppe des Holtzbrinck-Verlages (StudiVZ, SchülerVZ, MeinVZ - siehe Kasten unten) mit insgesamt etwa 10 Millionen Nutzern den Markt. Dahinter liegt nicht Facebook, sondern MySpace und das deutsche Netzwerk Wer-kennt-wen. Facebook hat hierzulande aktuellen Zahlen zufolge 1,26 Millionen Mitglieder. Das sei mehr als doppelt so viel wie im März, als deutsche Bildschirmmenüs für die Plattform eingeführt wurden.

StudiVZ: Erfolge und Probleme des Studi-Netzwerks

"StudiVZ wächst linear, wir wachsen exponentiell", sagt Zuckerberg. "Ich weiß nicht, ob wir sie schon in einem Jahr überholen. Aber vielleicht in zwei oder zweieinhalb." Natürlich wolle man auch auf dem deutschen Markt gewinnen. "Aber nur deshalb, weil wir glauben, dass wir es besser können, als die anderen". Ist das Ziel also doch die Weltherrschaft?

"Nein!", ruft Zuckerberg und muss selbst ein bisschen Grinsen. "Welt-Teilen!".

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