Facebooks Umgang mit Terror und neuen Regeln "Wir schaffen es nicht allein"

Facebooks neuer Cheflobbyist Nick Clegg war britischer Vizepremier, jetzt managt er Krisen für den Tech-Konzern. Im Interview spricht er über den Umgang mit Terroranschlägen, Skandale und sein Verhältnis zur Politik.

Ein denkbar schwieriger Posten: Nick Clegg ist Facebooks neuer Chef für globale Angelegenheiten und Kommunikation.
Hannah McKay/REUTERS

Ein denkbar schwieriger Posten: Nick Clegg ist Facebooks neuer Chef für globale Angelegenheiten und Kommunikation.

Ein Interview von Helene Laube und


SPIEGEL: Herr Clegg, die Serie der Facebook-Skandale reißt nicht ab. Bereuen Sie es manchmal, diesen Posten angenommen zu haben?

Nick Clegg: Nein. Wenn man eine ruhige Kugel schieben will, fängt man nicht bei Facebook an. Die Firma befindet sich an der Schnittstelle einiger der kontroversesten Themen, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert werden.

SPIEGEL: Am 15. März nutzte ein Terrorist Facebook, um sein Massaker an 50 Menschen in einer Moschee im neuseeländischen Christchurch live zu übertragen. War das der dunkelste Tag in der Geschichte von Facebook?*

Clegg: Was in Neuseeland geschehen ist, war schrecklich. Und unsere Herzen und Gedanken sind bei den Opfern, den betroffenen Familien und Gemeinschaften. Ich denke, es war ein dunkler Tag für alle, besonders aber natürlich für die direkt Betroffenen in Christchurch. Seit dem Angriff hatte es für uns oberste Priorität, direkt mit der neuseeländischen Polizei zusammenzuarbeiten, um ihre Ermittlungen zu unterstützen.

SPIEGEL: Facebook hat mit großem Aufwand versucht, das Video des Angriffs offline zu nehmen, konnte es aber nicht schnell genug und nicht vollständig entfernen. Was ist schiefgelaufen?

Clegg: Uns ist bewusst, dass sich viele Leute die Frage gestellt haben, wie es möglich ist, dass Onlineplattformen wie Facebook genutzt wurden, um schreckliche Videos eines Terroranschlags zu verbreiten. Wir haben das Video innerhalb weniger Minuten, nachdem sich die neuseeländische Polizei bei uns meldete, entfernt. Das Video selbst erhielt weniger als 200 Aufrufe, als es noch live war.

SPIEGEL: Dass Tausende Menschen das Video sehen konnten, hat Facebook nicht verhindert.

Clegg: In den Stunden nach dem Anschlag hatten es unsere Teams und Suchmechanismen mit einer großen Zahl von Varianten des Originals zu tun. Am Ende haben wir über 800 unterschiedliche Versionen des Videos gefunden und blockiert. In den ersten 24 Stunden haben wir mehr als 1,2 Millionen Videos des Angriffs beim Hochladen entfernt, sodass sie auf unseren Diensten nicht gesehen werden konnten. Etwa 300.000 weitere Exemplare wurden nach der Veröffentlichung entfernt.

SPIEGEL: Kaum eine andere Firma steckt so viel Kritik ein wie Facebook, vor allem für den Umgang mit den Nutzerdaten. Verdient die Firma die Prügel?

Clegg: Ja, Facebook hat Fehler gemacht. Aber: 2,7 Milliarden Menschen nutzen jeden Monat unsere Produkte - das entspricht in etwa der Weltbevölkerung im Jahr 1955. Diese Größe hat das Unternehmen in nur 15 Jahren erreicht, mit einem Gründer, der jetzt Mitte 30 ist. Facebook ist sehr präsent in den sensibelsten Bereichen unseres Lebens, unseres Alltags, unserer Familien, Kinder, Gemeinden, Wahlen - sogar unserer Haustiere. Selbstverständlich ist das kontroverses Terrain.

SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass die vielen Pannen und Fehler, Facebooks Missachtung der Privatsphäre, quasi ein unvermeidliches Resultat des schnellen Wachstums sind?

Clegg: Facebook und andere Unternehmen haben nicht früh genug erkannt, dass sich auf ihren Plattformen nicht nur alle großartigen, wunderbaren Potenziale der Menschheit entfalten. Sondern eben auch die schlechten Seiten der Gesellschaft - kriminelle, hasserfüllte Menschen, Leute, die Zwietracht säen wollen, die Wahlen zu beeinflussen versuchen.

SPIEGEL: Facebook wurde so programmiert, dass aufwieglerische Inhalte belohnt werden, dass Krawall sich multipliziert. Je extremer, desto mehr Likes und Shares - das ist ein Grundprinzip der Plattform. Versuchen Sie, das zu ändern?

Clegg: Diese oft wiederholte Theorie könnte nicht falscher sein. Es liegt absolut nicht in unserem Interesse, solche Inhalte auf Facebook zu haben. Die Nutzer wollen das nicht, die Werbekunden wollen es nicht, und wir wollen es auch nicht. Unser Geschäft läuft gut, wenn Menschen gute Erfahrungen auf Facebook machen, wenn sie auf die Plattform zurückkehren. Das geschieht nur, wenn sich unsere Nutzer sicher fühlen.

SPIEGEL: Facebook wird sogar mit Gewaltausbrüchen in Indien und Myanmar in Verbindung gebracht.

Clegg: Ich bin der Meinung, dass Facebook seine Verantwortung sehr ernst nehmen muss. Das Unternehmen hat dabei große Fortschritte gemacht. Aber wenn Gesetzgeber und Politiker nicht bereit sind, mehr zu tun, als Facebook zu beschimpfen, werden wir diese Probleme nicht lösen.

SPIEGEL: Wie, jetzt ist die Politik schuld?

Clegg: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ich war vor ein paar Wochen in Brüssel, einen Steinwurf von meinem früheren Arbeitsplatz im Europaparlament entfernt. Ich habe dort angesprochen, dass Facebook striktere Regeln für die Platzierung bezahlter politischer Werbung im Europawahlkampf anwenden wird. Und während ich das tat, dachte ich, hier läuft etwas verkehrt. Nicht ich, nicht Facebook, sollte solche Ankündigungen machen. Facebook sollte sich diese Regeln nicht selber auferlegen.

SPIEGEL: Sondern wer?

Clegg: Ich würde lieber nach Brüssel reisen, um zu sagen: "Sehr geehrte Damen und Herren, wir bestätigen, dass wir die Vorschriften befolgen werden, die Sie erlassen haben." Warum zum Teufel soll ein US-Unternehmen Regeln dafür definieren, wie mit bezahlter politischer Werbung bei den EU-Parlamentswahlen umzugehen ist? Wir sollten schlicht von der EU entwickelte Regeln befolgen. Ja, wir müssen unseren Teil der Abmachung einhalten. Aber die Politiker müssen endlich zur Tat schreiten.

SPIEGEL: Sie waren Politiker - warum geschieht das nicht?

Clegg: Weil es kompliziert ist. Erstens. Ich erinnere mich an meine Zeiten als Gesetzgeber, ich war fünf Jahre im Europaparlament und zwölf Jahre in Westminster. Man ist kein technischer Experte, und bei der Erarbeitung solcher Gesetze ist es durchaus hilfreich, wenn man eine kompetente Diskussion mit Leuten aus der Branche führt, die man reguliert. Aber das würde viel Arbeit bedeuten.

SPIEGEL: Und zweitens?

Clegg: Weil es viel einfacher ist, herumzuschreien, als Regeln aufzustellen. Ich hoffe, dass wir das Geschrei im Verlauf der kommenden Monate hinter uns lassen und handeln können. Dann werden Politiker und Gesetzgeber in Facebook einen bereitwilligen Partner finden, der eine ernsthafte Diskussion über neue Gesetze und Regulierungen will.

SPIEGEL: Die Kritik an Facebook betrifft ja nicht nur die Plattform und wie sie missbraucht wird, sie trifft auch das Management. Eine 18 Monate dauernde Untersuchung eines britischen Parlamentsausschusses zum Thema Desinformation und Fake News im Netz kam zum Schluss, dass Facebook absichtlich Privacy- und Wettbewerbsrechte verletzte. Im Abschlussbericht wurden Facebook-Manager als "digitale Gangster" bezeichnet. Sind Ihre Landsleute da etwas harsch - oder ist das eine faire Einschätzung?

Clegg: Sie übertreiben und sind ungenau. Für einen Politiker, der Aufmerksamkeit will, gibt es derzeit nichts Einfacheres als eine Pressemitteilung rauszuhauen, in der Facebook kritisiert wird. Wäre ich ein junger Abgeordneter, der sich profilieren will, würde ich das möglicherweise auch tun. Das findet Anklang - nicht zuletzt auch, weil die Medien eine Rechnung mit den sozialen Medien offen haben und gerne mitmachen beim Facebook-Bashing.

SPIEGEL: Sie nehmen solche Anschuldigungen also nicht ernst?

Clegg: Ich nehme solche Formulierungen nicht ernst, wie Sie eben eine zitiert haben. Das ist ganz offensichtlich völlig überzogen und inakkurat. Aber ich nehme die Stimmung, die Kritik und die Angst vor Facebook sehr ernst. Diese Probleme zu lösen, ist aber nicht allein die Aufgabe von Facebook, kann es nicht sein. Wir schaffen es nicht allein.

SPIEGEL: Was halten Sie von den Vorschlägen der demokratischen US-Senatorin und Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren, die manche Technologiekonzerne zerschlagen möchte und Übernahmen wie die von Instagram und WhatsApp durch Facebook rückgängig machen will?

Clegg: Ich glaube, dass die Aufspaltung von Unternehmen in ihre Einzelteile nicht viel bringen würde. Teils, weil der Netzwerkeffekt der betroffenen Technologien (Wer die meisten Nutzer hat, wird für weitere Nutzer besonders attraktiv - d. Red.) sehr schnell zu sehr schnellem Wachstum führt. Spaltet man das eine Unternehmen auf, ist das nächste bald wieder genauso groß, die Folge wäre ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel.

Zudem existieren aktuell zwei Machtzentren für große technische Innovationen: das Silicon Valley, also Amerika, und China. Man kann beide nicht mögen - und das ist vor allem in Europa wohl der Fall. Aber eines kann ich Ihnen sagen, vor allem jetzt, wo ich hier in Kalifornien lebe und arbeite: Das Silicon Valley ist viel näher dran an den Werten, die mir und Ihnen wichtig sind. Und ich vermute, auch an denen, die Elizabeth Warren wichtig sind.

SPIEGEL: Was wollen Sie damit sagen?

Clegg: Die Alternative zur Zerschlagung des Silicon Valley sind nicht kleine, knuffige, perfekt geformte neue US-Technologiefirmen. Die Alternative ist China. Ich bin ein großer Bewunderer von China, aber seien wir ehrlich: Die Art, wie in China mit Daten umgegangen wird, basiert auf komplett anderen Werten als unseren - etwa was die Kommerzialisierung von Daten und den Schutz der Privatsphäre angeht.

SPIEGEL: Die von Mark Zuckerberg vor ein paar Wochen angekündigte engere Verknüpfung von Facebook, Instagram und WhatsApp kann man als Strategie verstehen, eine Entflechtung oder Zerschlagung schwieriger oder unmöglich zu machen.

Clegg: Die Geschichte zeigt: Wenn Regierungen Unternehmen zerschlagen wollen, zerschlagen sie sie. Das ist nicht der Grund für Marks Vision.

SPIEGEL: Das öffentliche Herzstück jedes Facebook-Profils ist bislang der Newsfeed. Wird er bestehen bleiben? Ist der Newsfeed überhaupt kompatibel mit Zuckerbergs Vision von einem privateren Facebook?

Clegg: Gewisse Dinge wollen Nutzer im Wohnzimmer, also privat kommunizieren, andere in einem öffentlicheren Rahmen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus.

SPIEGEL: Bislang verdient Facebook vor allem mit möglichst präzise auf Kunden zugeschnittenen Anzeigen Milliarden. Das würde schwieriger, wenn die Nutzer verstärkt in verschlüsselten Diensten unterwegs wären, die Facebook - nehmen wir jetzt mal an - nicht einsehen kann.

Clegg: Keiner hat bisher wirklich einen Weg gefunden, solche Messaging-Dienste zu kommerzialisieren. Mark auch nicht. Dinge wie ein Bezahldienst sind eine Möglichkeit. Aber das liegt ohnehin alles in ferner Zukunft. Und die einzige offensichtliche Alternative zu Werbung auf Facebook wäre ein Abo-Modell.

SPIEGEL: Warum lehnt Facebook das ab?

Clegg: Gut situierte Konsumenten in Europa würden sicher sagen, dass sie gerne 15 Dollar im Monat bezahlen, wenn dafür weniger persönliche Daten genutzt würden und es mehr Privatsphäre gäbe. Aber mit einem Abo-Modell würden Hunderte Millionen weniger begüterter Menschen den Zugriff auf diese hilfreichen, kostenlosen Werkzeuge verlieren.

SPIEGEL: Aber diese Millionen ärmeren Menschen können sich ja auch Handys und Verträge leisten. Und nun soll ihre Armut als Argument dafür herhalten, dass sie Facebook nur nutzen können, weil der Dienst werbefinanziert ist?

Clegg: Das ist ein sehr seltsames Argument. Weil wir uns im Westen Abogebühren für Facebook leisten könnten, gehen wir einfach davon aus, dass es Menschen in ganz anderen Umständen genauso geht? Wenn ein Bauer sich eine Kuh leisten kann, steht es uns dann zu, zu sagen, dass er sich fünf Kühe leisten können sollte? Viele dieser Menschen haben keinen finanziellen Spielraum.

SPIEGEL: Als Facebook kürzlich an einem Tag stundenlang außer Betrieb war, äußerten sich viele Twitter-Nutzer erleichtert über die plötzliche Ruhe. Wäre eine Welt ohne Facebook nicht eine bessere Welt?

Clegg: Das glaube ich nicht. Menschen wollen sich ausdrücken, kommunizieren, wollten teilhaben an ihnen wichtigen Dingen, wollen mehr Informationen bekommen - das sind tiefsitzende Instinkte. Und Dienste wie Facebook befähigen uns, all das zu tun, egal wo wir leben und ob wir reich oder arm sind. Und ja, über die Dienste kommen sowohl gute als auch schlechte Dinge zum Vorschein. Aber Facebook hat Abscheulichkeit, Hässlichkeit, Schönheit oder Tugendhaftigkeit nicht erfunden.

SPIEGEL: Zum Schluss eine Frage an den Brexit-Gegner Nick Clegg, da das Brexit-Chaos in den vergangenen Wochen und Monaten...

Clegg: Darf ich Sie unterbrechen? Ich spreche nicht öffentlich über das Thema Brexit. Ich habe da ein Schweigegelübde abgelegt. Und ich garantiere Ihnen: Das Einzige, was die britische Presse an diesem Gespräch interessieren würde, wären meine Äußerungen zum Brexit.

*Hinweis: Das Gespräch fand am Tag vor dem Terroranschlag in Christchurch statt; die diesbezüglichen Fragen wurden nachträglich schriftlich beantwortet.

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JensLanger 30.03.2019
1. Watermark beim Upload
Ich bin kein IT-Experte, aber warum verpflichtet man Facebook, YouTube & Co nicht, jedes Video beim Upload, Streamen mit einer unsichtbaren ID zu markieren. Ein Wasserzeichen. Wird das Video runtergeladen, ist das Wasserzeichen dabei. Wird das Video erneut hochgeladen, kann es am Wasserzeichen erkannt werden und man könnte den Upload verhindern: "Dieses Video darf aus Gründen ... nicht verbreitet werden." Fertig.
m.klagge 30.03.2019
2. Die unsozialen Medien
sind in vielen Bereichen wie die alten Nachrichtenverteiler. Eine für beide grundlegende Tatsache ist, dass Sensationen gut für den Umsatz sind. Was letztendlich bedeutet, dass es kein Interesse daran gibt egal was, solange es blutig genug ist, aus dem Programm zu nehmen. Die neuen Spieler auf diesem Feld können dank ihres Standortes mit Sex kein Geld machen. Denen bleibt nur die Gewalt.
heissSPOrN 30.03.2019
3. Abschalten! Jetzt!
"Ja, Facebook hat Fehler gemacht. Aber: 2,7 Milliarden Menschen nutzen jeden Monat unsere Produkte..." Ich bin der Meinung, im Hinblick auf Demokratie und gedeihliches Miteinander in Kleinen wie im Grossen gehört Facebook abgeschaltet. Nach den Erfahrungen mit der Manipulation von Wahlen und Abstimmungen (Brexit, Trump, Stichwort auch Cambridge Analytica, AggregateIQ etc) gefährdet dieses Unternehmen massiv unsere in Jahrhunderten hart erkämpfte Werteordnung. Auch, wenn ich mir mit dieser Meinung 2,7 Milliarden Feinde mache. Und nein, ich bin auch kein Politiker, der Aufmerksamkeit generieren will!
Rosenhag 30.03.2019
4.
Früher sind Soldaten fröhlich in den Krieg marschiert weil sie die Wirklichkeit nicht kannten. Ob es wirklich so erstrebenswert ist Grausamkeiten grundsätzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen?
carranza 30.03.2019
5. Na, wer's glaubt
"Gut situierte Konsumenten in Europa würden sicher sagen, dass sie gerne 15 Dollar im Monat bezahlen, wenn dafür weniger persönliche Daten genutzt würden und es mehr Privatsphäre gäbe." Da würde ich eher noch an ein werbefreies Pay-TV glauben.
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