Facebook-Entwicklerkonferenz F8 Alles spitze, nächstes Thema

Auf der Entwicklerkonferenz F8 bewirbt Facebook seinen neuen Fokus auf den Schutz der Privatsphäre der Nutzer. Dass der Konzern seit drei Jahren von einem Skandal zum nächsten taumelt, interessiert nicht. Auch nicht die Besucher.

Konferenzteilnehmer auf der F8
AFP / Amy Osborne

Konferenzteilnehmer auf der F8

Von Helene Laube, San José


Mark Zuckerberg brauchte am Dienstagmorgen bei seiner Eröffnungsrede auf der Bühne des Kongresszentrums in San José keine zwei Minuten, um auf das zu sprechen zu kommen, wofür Facebook künftig stehen soll: mehr Privatsphäre. Seine Vision von der "auf Privatsphäre fokussierten Kommunikationsplattform" wiederholt der Facebook-Chef seit Anfang März immer wieder, und in der Hauptstadt des Silicon Valley verkündete er vor den 5000 Besuchern seiner zweitägigen Entwicklerkonferenz F8 ebenfalls: "Die Zukunft ist privat."

Facebook will seine Apps auf mehr Privatsphäre und Verschlüsselung ausrichten, die Nutzer sollen in kleineren Gruppen kommunizieren, sich weniger - gewollt oder ungewollt - der Welt mitteilen, ihre Daten besser geschützt werden. Der Trend hin zu privater Kommunikation ist nicht neu, jetzt will Facebook nachziehen. Die Wende ist überfällig, die Skandale der letzten drei Jahre sind kaum noch zu zählen.

Da waren nicht nur der fahrlässige Umgang mit den Nutzerdaten, Sicherheitsvorfälle oder die Tatsache, dass Facebook und seine Produkte sich für Wahlbeeinflussung missbrauchen ließen. Da waren auch die Verbreitung von Falschnachrichten und Gerüchten über WhatsApp, die zu Gewaltausbrüchen und Toten führte oder das von einem rechtsextremen Terroristen live auf Facebook übertragene Massaker an Dutzenden Menschen in Moscheen in Neuseeland. Das einzige, was Zuckerberg während 35 Minuten dazu zu sagen hatte, war: "Ich weiß, wir haben, gelinde ausgedrückt, nicht den besten Ruf in Sachen Privatsphäre." Immerhin, er konnte dabei ein nervöses Lachen nicht unterdrücken.

Dem Publikum geht es eher ums Geldverdienen

Ob mit der von Zuckerberg ausgegebenen Neuausrichtung ohne Umsetzungsdatum die Probleme eingedämmt werden, bleibt abzuwarten. In ihren Reden am Dienstag beschworen die Facebook-Verantwortlichen den Schutz der Privatsphäre immer wieder, Details waren allerdings nicht zu erfahren. Konkret waren Dinge wie neue Funktionen in den Facebook-Apps, neue VR-Brillen, eine Desktop-App für Messenger oder das neue, weiße Design der Facebook-App, das Gruppen in den Mittelpunkt rückt. Auch in den zahlreichen Sessions im Kongressgebäude mit Themen wie "The Value of VR for Enterprise" oder "Deep Dive on Messenger Updates" gab es keine Einzelheiten.

Besucher mit VR-Brille auf der Entwicklerkonferenz
AFP / Amy Osborne

Besucher mit VR-Brille auf der Entwicklerkonferenz

Über Datenmonopole, Zerschlagungsforderungen, schädliche Inhalte oder Schutz von fairen Wahlen war nichts zu hören.

Kein Wunder, besteht das F8-Publikum doch vor allem aus Entwicklern und Entsandten von Unternehmen, die mit Facebooks Produkten und Werkzeugen neue Dienste bauen, mehr Nutzer und Kunden gewinnen oder halten und so mehr Geld verdienen wollen. Deshalb sind sie hier, denn die Zukunft vieler hängt von Facebook und der Innovationskraft des Konzerns ab. Eine von Facebook eigens aus Paris eingeflogene Air-France-Vertreterin erzählt in Raum 220 C rund 500 Leuten eine Viertelstunde lang von den Vorzügen der automatisierten und kosteneffizienten Air-France-Kundenbetreuung via Facebook Messenger.

Daten- und Vertrauensverlust? "Das beschäftigt die Entwickler, die ich berate, weniger", sagt Gabe Bautista, ein aus Dallas angereister Berater. "Unternehmen wollen von Facebook hören, wie sie bessere Apps bauen und Fallen vermeiden können." Seine Kunden, für die Bautista digitale Marketingstrategien entwickelt, würden kaum nach Datenlecks und verlorener Privatsphäre fragen. "Warum auch, wer lässt deswegen schon von seinem Handy ab?"

"Das Unternehmen unterschätzt die Macht dieser Vorgänge"

Es finden sich aber auch andere Stimmen. Eine auf künstliche Intelligenz spezialisierte Softwareingenieurin, die auf einer Bank eine Pause einlegt und nur ihren Zweitnamen (Jene) angibt, will auf der F8 von Facebook schon einiges mehr über Sicherheit erfahren. "Ich möchte auch hören, wie Facebook damit umgeht, dass so viele Leute sich von Facebook-Inhalten beeinflussen lassen - ich glaube, das Unternehmen unterschätzt die Macht dieser Vorgänge", legt sie nach. Und Erica Fagan, die an der University of California, Santa Barbara, Forschung im Bereich Maschinenlernen betreibt, ist zwar vor allem auf der F8, um mehr über Facebooks Innovationen zu erfahren: "Aber ich erwarte schon, dass der Konzern sich auch zu den zahlreichen Skandalen äußert."

Am ersten Tag der F8 verloren Mark Zuckerberg und seine Leute kein Wort darüber. Genau so wenig wie darüber, dass die angepeilte Zusammenführung von Instagram, WhatsApp und Messenger und deren komplette Verschlüsselung die unbemerkte Verbreitung von Hassbotschaften und Desinformation sogar befördern könnte.

Aber der Konzern ist offensichtlich besorgt, dass die zahlreichen Pannen und Fehler der vergangenen Jahre sein Image beschädigt haben. Während des Livestreams von Zuckerbergs Eröffnungsrede auf dem Facebook-Videodienst Watch erschienen rechts im Bild immer wieder Fragen an die Zuschauer. Facebook wollte herausfinden, wie sich deren Meinung über das soziale Netzwerk ändert, während sie dem Facebook-CEO zuhörten. Eine der Multiple-Choice-Fragen: Wie ändert sich Deine Meinung zu der Aussage "Facebook ist gut für die Welt", nachdem Du dieses Video geschaut hast? Die möglichen Antworten: "Ich stimme mehr zu als vorher", Meine Meinung hat sich nicht geändert" oder "Ich stimme weniger zu als vorher".

insgesamt 2 Beiträge
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teflonhirn 01.05.2019
1. Zuckerberg und Privatsphäre
Das ist als würde ein Bordell-Besitzer das Loblied auf die Keuschheit singen.
ayee 02.05.2019
2. Das Unternehmen ist werbefinanziert und börsennotiert
Als börsennotiertes Unternehmen muss FB nach maximalem Profit streben. Als werbefinanziertes Unternehmen macht man maximalen Profit, indem man möglichst zielgerichtet Werbung schalten kann. Die Zielgenauigkeit erhöht sich durch genauere Profile der Benutzer. Für genaue Profile der Nutzer sind möglichst viele Daten von ihnen notwendig. Wenn Zuckerberg das Netzwerk "privater" machen möchte, dann heißt das also wohl kaum, dass die Daten für Facebook nicht mehr sichtbar sind und nicht verwendet werden und nicht "versehentlich abhanden" kommen können. Es heißt lediglich, dass die Außendarstellung geändert wird.
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