Digitale Ethik Alles für die Forschung - und Facebook

Die Technische Universität München forscht künftig mit dem Geld von Facebook zu Ethik in der Künstlichen Intelligenz. Von diesem Deal profitieren beide Partner - aber nicht unbedingt die Allgemeinheit.

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Ein Gastbeitrag von


Künstliche Intelligenz birgt nicht nur Chancen auf eine schöne neue Welt, sondern auch gesellschaftlich-moralische Risiken. Die Liste möglicher Problemfelder ist lang: Algorithmen im Personalmanagement selektieren Bewerber mitunter nach der Hautfarbe. Wähler werden in Filterblasen organisiert und gezielt politisch beeinflusst. China bereitet den perfekten Überwachungsstaat über ein "Social Credit System" vor. Sexroboter verfügen über einen Vergewaltigungsknopf.

Zum Autor
  • Universität St. Gallen
    Thomas Beschorner, Jahrgang 1970, ist Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er ist u.a. Herausgeber des Buches "Management und Verantwortung vor und nach den 90 Minuten. Ökonomisches und gesellschaftliches Handeln im Profi-Fußball".

Den großen IT-Unternehmen dürften diese und viele weitere moralische Probleme, die aus ihren Produkten resultieren, längst bekannt sein. Mit Verzögerung kommen diese Fragen nun auch in der Gesellschaft und in der Politik an. Und dabei wird klar: Die Bearbeitung drängender Zukunftsfragen kann man nicht nur und primär Informatikern überlassen, sondern sie verlangen auch sozial- und geisteswissenschaftliche Expertise. Schließlich geht es um die Frage, wie wir das Morgen und das Übermorgen gestalten wollen.

Keine Auflagen von Facebook

Das neue "Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz" an der Technischen Universität München, das in der vergangenen Woche angekündigt wurde, erscheint da als eine willkommene Initiative. Doch das Projekt hat einen Beigeschmack: Ausgerechnet Facebook ist der Financier dieses neuen Forschungsinstituts. Mit umgerechnet 6,6 Millionen Euro will das Unternehmen die Forschung fördern.

Wer jetzt "gekaufte Wissenschaft" schreit, dürfte allerdings falsch liegen. Die TU München stellte schnell klar, dass es keine Auflagen seitens Facebook gibt, sondern es darum geht "unabhängige Forschung zu finanzieren". "Sonst würde ich es auch gar nicht machen", formuliert Christoph Lütge, designierter Direktor des neuen Instituts. Er sieht die Sache als ein Geschäft zum gegenseitigen Vorteil. "Win-Win-Situation" heißt das dann neudeutsch und mit dem ökonomischen Begriffsapparat. Die eine Seite des Deals ist klar: Die TU München freut sich über üppige Forschungsmittel: Win.

Und was ist der Vorteil für den Geldgeber? Die von Facebook bereitgestellten Mittel sind keine Spende fürs Gemeinwohl, sondern eine Investition ins eigene Geschäft. Es geht weniger um Werbung oder einen Reputationsgewinn für Facebook durch die Kooperation mit der Uni. Der ökonomische Vorteil für Facebook dürfte vielmehr in der anvisierten Forschung an dem neuen Institut liegen. Bei der geht es nämlich um die Entwicklung von "Leitlinien (...) für die Identifikation und Beantwortung ethischer Fragen der Künstlichen Intelligenz für Gesellschaft, Industrie und Gesetzgeber".

TU München
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Zwar taucht in der Ankündigung auch der Gesetzgeber als Adressat für Forschungsergebnisse auf, und man könnte daher vermuten, es solle auch über "harte" Regulierungsfragen nachgedacht werden. Die eigentliche Stoßrichtung der Forschung ist jedoch eine andere, wie der künftige Direktor des Instituts in einem Gespräch mit Netzpolitik.org präzisiert: Es gehe um die Entwicklung von "ethischen Richtlinien", denn diese eigneten sich besser als Gesetze. Man müsse die Befürchtungen der Bevölkerung rund um das Thema der künstlichen Intelligenz aufgreifen, "und das kann Ethik besser leisten als juristische Regulierung."

Was ist davon zu halten?

Erstens geht es hier nicht um irgendwelche diffusen "Befürchtungen" der Bevölkerung, sondern um ziemlich handfeste Probleme, die Lösungen erfordern. Zweitens spiegelt diese Stellungnahme recht deutlich wider, dass über vieles geforscht werden soll, aber eben nicht über alles. Ordnungspolitische Regulierungen durch den Gesetzgeber bleiben außen vor. "Ethische Richtlinien" und damit "weiche" Selbstverpflichtungen genügen, so scheint schon vor der beginnenden Forschung festzustehen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Geschäftsführerin Sheryl Sandberg wird es freuen: Win.

Denn nach dem Cambridge-Analytica-Skandal rund um die Verwendung von Facebook-Daten zu politischen Zwecken wurde es schon einmal eng für Facebook. Mit einer Anhörung von Zuckerberg im amerikanischen Kongress setzte die Politik ein Signal: Bekommt ihr, so wurde nicht nur Facebook zugerufen, die moralischen Probleme eurer Produkte nicht in den Griff, könnten wir die Probleme über Regulierungen lösen und bestimmte Geschäftsmodelle und Praktiken sanktionieren.

Gerne ohne staatliche Einmischung

Unternehmen mögen keine Regulierungen. Um sie zu vermeiden, bedarf es daher abfedernder Lösungen, die die Gesellschaft und Politik beruhigen. Und die Lösung zur Vermeidung politischer Regulierungen ist nicht selten diese: unternehmerische Selbstverpflichtung. Die Bindung an bestimmte moralische Werte und Prinzipien - sei es als einzelnes Unternehmen oder als Branche - soll die notwendige Legitimation und das Vertrauen wiederherstellen. Mit Hilfe der Wissenschaft. Und gerne ohne staatliche Einmischung.

Die Förderung von Forschungsinstituten durch Internetgiganten wie Facebook oder Google (das das "Institut für Internet und Gesellschaft" an der Humboldt Universität zu Berlin maßgeblich finanziert) wirft nicht nur Fragen der Unabhängigkeit von Wissenschaft auf. Es zeigt auch eine viel zu zögerliche Haltung und mangelnde Investitionsbereitschaft der öffentlichen Hand in den Schwerpunkt einer digitalen Ethik.

Die Bundesregierung hat in ihrer im November verabschiedeten "Strategie Künstliche Intelligenz" die Schaffung von mindestens 100 neuen Professuren im Bereich der KI beschlossen. Man darf gespannt sein, ob man dabei auch sozial- und geisteswissenschaftliche Ausrichtungen im Themenfeld angemessen berücksichtigt will, womöglich gar ein "Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz" eingerichtet wird. Ansonsten überlassen wir Wertefragen über die Gegenwart und die Zukunft eben den Unternehmen und ihren universitären Partnern.

insgesamt 6 Beiträge
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dr_gb 01.02.2019
1. Mittel von FB ?
hyper-euphemistisch als Zusammenarbeit oder "im Auftrag von" deklariert ? Erstens, gar nicht möglich mit FB zu kooperieren, allenfalls Erfüllungsgehilfe passt. Zweitens, die Auftraggeber bitte vor Vertragsabschluss auf Redlichkeit prüfen. Wie ist die Line in "Murder on the Orient Express" doch gleich, wenn der Butler konstatiert : Stimmt Sir, ich war schon immer der Auffassung, dass es als Butler wichtiger ist sich über die Herrschaft zu erkundigen, als umgekehrt" FB = no go !
Paul Max 01.02.2019
2. Ein Schelm der ......
http://www.focus.de/digital/computer/chip-exklusiv/tid-28634/netzherrschaft-die-geheimen-maechteim-internet_aid_882269.html "Im April 2006, da war Facebook noch nicht mal zwei Jahre alt, erhielt das Netzwerk eine Finanzspritze in Höhe von rund 27 Millionen US-Dollar. Unter den Geldgebern war damals auch die Investmentfirma Greylock Partners, die bis heute zu den Top-10-Aktionären von Facebook gehört. Die Greylock Partners sind einflussreiche Geldgeber im Silicon Valley: Neben Facebook haben sie unter anderem in LinkedIn, Instagram und Dropbox investiert. Einer der erfahrensten Mitarbeiter bei Greylock ist Howard E. Cox. Er ist dort bereits seit über 40 Jahren im Geschäft. Seine langjährige Tätigkeit als Investor macht ihn zu einem alten Hasen im Business. Allein bei Greylock hatte er in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Aufsichtsratsposten inne. Cox mag zwar schon etwas in die Jahre gekommen sein, untätig ist er deshalb aber nicht: Heute arbeitet er als beratender Partner bei Greylock. Cox war jedoch nie einfach nur Investor. Auch in die Politik hat er beste Beziehungen: Bevor er zu Greylock kam, arbeitete Cox im Büro des US-Verteidigungsministers und saß darüber hinaus bis 2009 im Business Board des Pentagon. Auch heute hat Cox mehrere Jobs: Neben seiner Tätigkeit bei Greylock ist er Mitglied im Direktorium von In-Q-Tel, einer Firma, die in Technologie-Start-ups investiert. ........ Sie alle stellen Technologien her, die der US-Geheimdienst für nützlich hält. Denn In-Q-Tel wurde von der CIA gegründet und agiert heute als ihr Investment-Arm. Über In-QTel betreiben die Geheimdienstler Outsourcing von Forschungsarbeit. Geschickte Investitionen erlauben es der CIA, mit der rapiden technologischen Entwicklung mitzuhalten, ohne selbst eine Armada von Wissenschaftlern beschäftigen zu müssen. Ein prominentes Beispiel dafür, welche Art von Technologie die CIA über In-Q-Tel fördert, ist Google Earth. Also wer würde die hehren der Facebook Finanzchefin (könnte man die nicht auch, wie die Kanadier die Huawei Finanzchefin festsetzen?) in Zweifel ziehen
markus333 01.02.2019
3. Armutszeugnis und Alarmzeichen für die deutsche Forschungslandschaft
Natürlich ist es enorm wichtig, über die Ethik in der Künstlichen Intelligenz zu forschen. Auch soll die Wirtschaft gerne selbst Forschung betreiben und sogar Unis fördern. Aber in diesem Fall auf Facebook als Sponsor zurückzugreifen, zeugt schon von einem bedenklichen Werteverfall, auch bei der TU München. Solche heiklen Themen müssen zu 100% vom Staat finanziert werden und das ohne Einmischung von irgendwelchen populistischen Minister*Innen oder Quoten-Proporz-PR-Beirät*Innen.
Paul Max 01.02.2019
4.
Zitat von Paul Maxhttp://www.focus.de/digital/computer/chip-exklusiv/tid-28634/netzherrschaft-die-geheimen-maechteim-internet_aid_882269.html "Im April 2006, da war Facebook noch nicht mal zwei Jahre alt, erhielt das Netzwerk eine Finanzspritze in Höhe von rund 27 Millionen US-Dollar. Unter den Geldgebern war damals auch die Investmentfirma Greylock Partners, die bis heute zu den Top-10-Aktionären von Facebook gehört. Die Greylock Partners sind einflussreiche Geldgeber im Silicon Valley: Neben Facebook haben sie unter anderem in LinkedIn, Instagram und Dropbox investiert. Einer der erfahrensten Mitarbeiter bei Greylock ist Howard E. Cox. Er ist dort bereits seit über 40 Jahren im Geschäft. Seine langjährige Tätigkeit als Investor macht ihn zu einem alten Hasen im Business. Allein bei Greylock hatte er in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Aufsichtsratsposten inne. Cox mag zwar schon etwas in die Jahre gekommen sein, untätig ist er deshalb aber nicht: Heute arbeitet er als beratender Partner bei Greylock. Cox war jedoch nie einfach nur Investor. Auch in die Politik hat er beste Beziehungen: Bevor er zu Greylock kam, arbeitete Cox im Büro des US-Verteidigungsministers und saß darüber hinaus bis 2009 im Business Board des Pentagon. Auch heute hat Cox mehrere Jobs: Neben seiner Tätigkeit bei Greylock ist er Mitglied im Direktorium von In-Q-Tel, einer Firma, die in Technologie-Start-ups investiert. ........ Sie alle stellen Technologien her, die der US-Geheimdienst für nützlich hält. Denn In-Q-Tel wurde von der CIA gegründet und agiert heute als ihr Investment-Arm. Über In-QTel betreiben die Geheimdienstler Outsourcing von Forschungsarbeit. Geschickte Investitionen erlauben es der CIA, mit der rapiden technologischen Entwicklung mitzuhalten, ohne selbst eine Armada von Wissenschaftlern beschäftigen zu müssen. Ein prominentes Beispiel dafür, welche Art von Technologie die CIA über In-Q-Tel fördert, ist Google Earth. Also wer würde die hehren der Facebook Finanzchefin (könnte man die nicht auch, wie die Kanadier die Huawei Finanzchefin festsetzen?) in Zweifel ziehen
Absichten: Also wer würde die hehren ..... der Facebook Finanzchefin (könnte man die nicht auch, wie die Kanadier die Huawei Finanzchefin festsetzen?) in Zweifel ziehen
altonale 01.02.2019
5.
Würde facebook (und all die anderen big player) vernünftig Steuern bezahlen, könnte diese Forschung vom Staat finanziert werden
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