PR-Schlacht Facebook will Indien mit Gratis-Internet zwangsbeglücken

Facebook will Indien kostenloses Internet verpassen, zu seinen Bedingungen. Dieser Plan kommt nicht überall gut an: Die Telekom-Aufsicht hat das Projekt bis auf Weiteres gestoppt, Facebook wehrt sich mit Anzeigen und Protestaufrufen.
Free-Basics-Plakat in Mumbai: PR-Offensive von Facebook

Free-Basics-Plakat in Mumbai: PR-Offensive von Facebook

Foto: DANISH SIDDIQUI/ REUTERS

Darf Facebook  einen kostenlosen Dienst anbieten, den Netzaktivisten für schädlich für den Markt halten? In Indien kämpft das soziale Netzwerk in diesen Tagen um ein imageträchtiges Projekt des Unternehmens. Wie wichtig es Facebook ist, dass sich sein Angebot namens Free Basics durchsetzt, zeigt sich allein an dem enormen PR-Aufwand, mit dem das Unternehmen sein Anliegen in die Öffentlichkeit trägt.

Nötig ist dieser Aufwand, weil viele Inder alles andere als erfreut sind über Facebooks Vorstellung von einem Gratis-Netz. Mit Free Basics sollen Nutzer umsonst auf Facebook und anderen, von Facebook handverlesenen Seiten, surfen können. Reine Wohltätigkeit ist das nicht: Facebook könnte sich so den Zugang zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte der Welt sichern, und Indien könnte zum Testfall für weitere Entwicklungs- und Schwellenländer werden.

Wer sich auf dem Subkontinent derzeit bei dem sozialen Netzwerk einloggt, wird gedrängelt, er möge doch bitte eine Petition an die Telekom-Aufsichtsbehörde (TRAI) unterzeichnen, damit diese einen im Dezember angeordneten Angebotsstopp wieder aufhebt.

Auch Zeitungsleser kommen kaum an der Facebook-Initiative vorbei: Sie müssen mitunter erst einmal drei, vier ganzseitige Anzeigen überblättern, in denen die Vorzüge des Umsonstangebots gepriesen werden. Wer sich dann bis in den hinteren Teil der Zeitung vorgearbeitet hat, dem redet auf der Meinungsseite Facebook-Chef Mark Zuckerberg höchstselbst ins Gewissen: "Wer könnte bloß dagegen sein?", fragt er in prominent platzierten Gastbeiträgen über sein Projekt.

Netzaktivisten und Start-ups sind gegen Free Basics

Wie sich in den vergangenen Monaten abgezeichnet hat, haben eine ganze Menge Leute etwas gegen das Gratis-Angebot. Kritiker des Angebots führen verschiedene Gründe für ihre Ablehnung an:

  • Aktivisten bemängeln, das Angebot verletze das Prinzip der Netzneutralität. Unter Netzneutralität versteht man das Prinzip, dass alle Daten im Netz gleich behandelt werden. Das Ansurfen jeder gewöhnlichen Webadresse soll gleich viel kosten und gleich schnell gehen. Am Mittwoch veröffentlichte eine Gruppe von Kritikern einen offenen Brief an Mark Zuckerberg . Darin heißt es: "Wir sind besorgt angesichts von Facebooks jüngsten Angriffen auf die Millionen Internetnutzer in Indien und der ganzen Welt, die für Netzneutralität kämpfen und gekämpft haben."

  • Die Begrenzung auf wenige Seiten sei technisch völlig unnötig, sagen andere Kritiker. So gebe es keinen guten Grund, die BBC, Wikipedia und natürlich Facebook zugänglich zu machen, Google oder Twitter jedoch nicht. Die Beschränkung sei ein Marketingtrick: Durch das Versprechen von exklusivem Zugang zu Abermillionen neuer Kunden sollen Webseiten dazu gebracht werden, mit Facebook Geschäfte zu machen. Das verzerre den Wettbewerb. Kleine Anbieter könnten nicht überleben, wenn Free Basics ihren großen Konkurrenten Millionen von Kunden zuschusterte, monieren Aktivisten. Diese Woche gingen in Indiens Internetstadt Bangalore Tausende von Start-up-Mitarbeitern auf die Straße, um gegen Free Basics zu demonstrieren.

  • Skeptiker sagen, dass Facebook Free Basics dazu benutzen wolle, die Daten der Nutzer mitzuschneiden und auszuwerten. Facebook speichert die Daten von Free-Basics-Nutzern nach eigener Aussage 90 Tage lang.

  • Auch Größen der indischen Internetbranche haben sich gegen das kostenfreie Mini-Internet ausgesprochen. Infosys-Gründer Nandan Nilekani schlug vor, statt Facebook solle lieber die indische Regierung den Bürgern den Zugang zum Internet erleichtern, zum Beispiel durch ein jährliches kostenloses Datenpaket.

Free Basics ging vor zehn Monaten ans Netz und war bis vor Kurzem unter dem Namen Internet.org bekannt. Der viertgrößte indische Netzanbieter, Reliance Communications, zahlte dafür, dass Nutzer umsonst Facebook und 37 weitere Webseiten ansurfen dürfen.

Etwa eine Milliarde der knapp 1,3 Milliarden Inder haben noch keinen Zugang zum Internet. Für die, die sich den Internetzugang bislang nicht leisten konnten, schien Free Basics auf den ersten Blick eine gute Sache zu sein, nach dem Motto "Besser wenig Internet als keins".

Inzwischen haben aber 400.000 Verfechter der Netzneutralität an die TRAI geschrieben und gegen Free Basics protestiert. Die bekannte Comedy-Truppe All India Bakchod hat einen Protest-Clip eingespielt, der bei YouTube bereits 800.000 Mal, bei - Ironie! - Facebook 350.000 Mal abgespielt wurde.

Indien ist Testfall für den Rest der Welt

Demgegenüber steht die PR-Kampagne, in der Facebook die Vorzüge von Zuckerbergs Lieblingsprojekt in leuchtenden Farben malt: Der Zugang zum Internet werde 65 Millionen neue Arbeitsplätze in Indien schaffen, versprechen die Plakate.

Eins der Anzeigenmotive zeigt Ganesh, einen glücklichen Bauern, der dank Free Basics nun Preise vergleichen kann und Zugang zur Wettervorhersage hat. Im November war Mark Zuckerberg sogar persönlich in Neu-Delhi vorstellig geworden, um für sein Projekt zu werben.

Der Streit um Free Basics in Indien wird international genau beobachtet: Denn Facebook bietet Free Basics auch in 35 weiteren Entwicklungs- und Schwellenländern an. Auch dort regt sich Widerstand gegen das vermeintlich wohltätige Projekt. Ob sich Facebook in Indien durchsetzen wird, könnte das Schicksal von Zuckerbergs Steckenpferd weltweit beeinflussen.

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