Facebook, Google und Co. Bin ich jetzt irre? Oder ist es die App?

Facebook wünscht sich Überraschungspartys, Google scheint schon vorher zu wissen, was man schreiben möchte. Apps und Web-Dienste haben Funktionen, die manchmal praktisch sind - oft aber nur noch creepy.

Von Zeit zu Zeit starre ich ungläubig auf den Bildschirm meines Smartphones und frage mich: Bin jetzt ich irre oder ist es die App?

Nachhaltig verstört hat mich ein Facebook-Quiz, das ich einmal im Mallorca-Urlaub spielen musste, gezwungenermaßen. Die App wollte mir erst Zugriff auf meinen Account gewähren, wenn ich beweise, dass ich wirklich ich bin - indem ich Freunde von mir identifiziere.

Mehrfach wurden mir - zufällig ausgewählte? - Bilder von Facebook-Freunden gezeigt, dazu wurden jeweils verschiedene Namen präsentiert. Ich sollte nun entscheiden, wer hier zu sehen ist. Nach einigen richtigen Antworten ließ mich Facebook schließlich wieder in die App. Ich dachte mir nur "Was mache ich hier gerade? Helfe ich gerade mir oder nur Facebooks Gesichtserkennung? Ich will das nicht machen."

Peinlich, verstörend, creepy

Solche seltsamen Momente kennen wohl die meisten Handy- und Computernutzer. Es sind Momente, in denen man das Gefühl hat, die Kontrolle über seine Daten verloren zu haben. Oder solche, in denen man merkt, dass ein Dienst einen Service bieten will, der praktisch sein soll, aber nur peinlich wirkt, manchmal sogar verstörend und unheimlich - "creepy", wie man mittlerweile oft auch als Deutscher sagt.

Wer hat sich nicht schon einmal über eine Werbeanzeige auf Facebook oder Google gewundert, die genau jenes Kleidungsstück zeigt, über dessen Kauf man gerade nachdenkt (und dessen Namen man vielleicht vorhin auf einem anderen Gerät eingegeben hat)?

Es geht allerdings auch andersherum: Eine Kollegin von mir bekam neulich von Facebook eine automatisch generierte Slideshow mit Elektromusik und großem Neon-Schriftzug "Last night out" präsentiert. Das war wohl nett gemeint und sollte ihre letzte Partynacht dokumentieren. Die Kollegin hatte aber nur ihre Katze fotografiert, sonntagvormittags. Facebook hatte sich wohl ein wenig mit den Zeitzonen und den Fotomotiven verschätzt.

Xing, kommt ihr noch klar?

"Es scheint eine Kategorie Fälle zu geben, in der das Verhalten von Firmen 'creepy' genannt wird, weil ein besseres Wort dafür fehlt", schreiben Omer Tene and Jules Polonetsky vom Washingtoner Thinktank "Future of Privacy Forum". Meistens gehe es dabei nicht um Verhalten, mit dem gegen Datenschutzgesetze oder Privatsphäre-Regeln verstoßen werde, sondern eher - zum Beispiel - um eine vom Nutzer unerwartete Form der Datennutzung.

In einigen Fällen richte sich als "creepy" empfundenes Handeln gegen traditionelle soziale Normen, heißt es in Tenes und Polonetskys Ausarbeitung "A Theory of Creepy: Technology, Privacy and Shifting Social Norms" (hier als PDF ). Ebenso könne das Handeln einen Graben deutlich machen - jenen zwischen den Normen von Technikern und Marketingleuten auf der einen und denen der Öffentlichkeit auf der anderen Seite.

Tatsächlich frage ich mich manchmal, ob es bei Xing eigentlich niemand komisch findet, dass mich der Dienst gefühlt täglich mit E-Mails bombadiert? Immer mit dem Hinweis, dass irgendjemand, der mit vollem Namen genannt wird, "noch immer" auf meine Antwort wartet? Dabei treffe ich die Leute teilweise im echten Leben und weiß, dass ihnen unsere Xing-Verbindung mit ziemlicher Sicherheit herzlich egal ist.

Und wieso fordert mich Facebook mit dem Hinweis "Happy Friendversary" auf, meine Freundschaft mit einem Kumpel zu feiern, weil wir auf den Tag genau vor sechs Jahren Facebook-Freunde geworden sind? Als hätte dieser Tag des Sich-auch-bei-Facebook-Verbindens irgendeine Bedeutung. Meinen Kumpel kenne ich schon viel länger aus der Schule, nicht aus dem Internet oder von einer Weltreise.

Anrufe ohne Nummer? Komisch, mittlerweile

So viel mir im Internet seltsam erscheint, allgemeine Regeln dafür, was genau komisch ankommt und was nicht, gibt es nicht. Hält man etwas für creepy, ist das eher ein Bauchgefühl. Hinzu kommt, dass sich selbst die eigenen Empfindungen über die Zeit verändern können. Für manche Menschen wäre es wohl vor einigen Jahren, vor dem Durchbruch der Smartphones, undenkbar gewesen, ständig seinen Standort preiszugeben. Jetzt haben Millionen Deutsche "Pokémon Go" ausprobiert.

Bei einer Veranstaltung auf der Tech-Konferenz South by Southwest (SXSW) im Frühjahr wurde ein noch besseres Beispiel gewählt: das Senden der eigenen Telefonnummer. Früher fanden es viele Leute bedenklich, wenn ihre Nummer auf dem Gerät fremder Leute angezeigt wurde. Heute wirkt jeder Anruf mit unterdrückter Nummer dubios, wird mitunter gar nicht mehr angenommen.

Wie man über Privatsphäre denkt und was noch okay empfunden wird, hänge stark davon ab, wann man geboren wurde, hieß es auf dem Podium mit dem Titel "Deconstructing Creepy: New Tech, Old Social Norms". Anne Toth aus dem Team der Kommunikations-App Slack formulierte dabei eine einfache Regel für Unternehmen: "Wenn die Leute sich damit nicht wohl fühlen, mach es nicht."

Als Unternehmen sollte man sich immer überlegen, was ein zynischer Reporter über eine Neuerung schreiben würde, so Roth. Im Zweifel könne man sich auch das Vertrauen der Nutzer erhalten, indem man transparent kommuniziert oder eine tendenziell schwierige Funktion richtig verpackt: Amazon beispielweise biete ungefragt personalisierte Empfehlungen, betitele diese aber geschickt mit "Inspiriert von Ihren Shopping-Trends".

Manchmal wirkt aber sogar auch Transparenz seltsam und weckt ganz neue, unangenehme Empfindungen. Facebook beispielsweise zeigt auf Wunsch eine Übersicht von Themen , die es als Interessengebiet des Nutzers identifiziert hat - und zu denen es ihm Werbung ausspielen würde.

Bei mir finden sich in diesem Menü - warum auch immer - Themen wie "Bienenstock", "Komposition" und "Franz Joseph I.". Ich finde es zwar irgendwie beruhigend, dass Facebook mich wohl doch nicht wirklich gut kennt. Aber dass es mich mitunter so falsch einschätzt, ist schon fast wieder enttäuschend - und auch ein bisschen unheimlich.

Creepy oder praktisch? Stimmen Sie hier mit ab!

Ob man etwas creepy findet oder für eine sinnvolle Funktion hält, ist oft eine Frage des persönlichen Empfindens. Hier finden Sie zehn Beispiele, bei denen Sie abstimmen können: creepy oder praktisch? Nach jeder Antwort sehen Sie, wie sich die anderen Leser entschieden haben.


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