Krisentage bei Facebook Zuckerberg kann das nicht gefallen

Empörte Politiker, Kursrutsch an der Börse, klagende Aktionäre: Warum Facebook der Fall Cambridge Analytica so große Probleme bereitet.
Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg

Foto: STEPHEN LAM/ REUTERS

Diese Woche dürfte eher zu den dramatischeren in der 14-jährigen Geschichte von Facebook gehören. Es hat auf den ersten Blick den Anschein, als habe der Flügelschlag eines Schmetterlings den perfekten Sturm ausgelöst.

Politiker in den USA und Europa fordern Facebook-CEO Mark Zuckerberg auf, ihnen persönlich Auskunft zu dem Fall zu erteilen. Die US-Handelsaufsichtsbehörde FTC hat angeblich eine Untersuchung eingeleitet und könnte theoretisch eine Strafzahlung in astronomischer Höhe gegen Facebook verhängen. Medial wird das Unternehmen mitunter dargestellt, als habe es die Kontrolle über die eigene Plattform verloren . Der Börsenwert von Facebook ist um mehr als 50 Milliarden Dollar gefallen. Erste Anteilseigner haben eine Sammelklage gegen Facebook eingereicht, weil es bekannte Probleme im Umgang mit Nutzerdaten nicht behoben habe.

Und das alles wegen eines im Prinzip seit zwei Jahren bekannten Vorfalls, der prozentual gesehen nur einen kleinen Teil der Facebook-Nutzer betraf, dessen befürchtete Auswirkungen auf die US-Wahl wissenschaftlich nicht nachweisbar ist und der aufgrund längst vorgenommener technischer Änderungen heute in dieser Form unmöglich wäre?

Mitnichten. Die Aufregung ist so groß, weil Facebook derzeit ohnehin vor komplexen Problemen steht, und weil es in der Affäre Cambridge Analytica eine verheerende Außenwirkung abgibt.

Einschüchterung der Presse geht oft nach hinten los

Grundsätzlich ist Facebook immer im Krisenmodus, schon weil es schlicht "too big not to fail" ist, also zu groß, um nicht zu scheitern: Ein Netzwerk aus zwei Milliarden Nutzern, mit Rechenzentren in aller Welt und eigenen Glasfaserkabeln im Ozean; ein Unternehmen mit 25.000 Angestellten und Tausenden Auftragsarbeitern, das die Gesetze jedes Landes befolgen muss, in dem es aktiv ist - irgendetwas wird da immer schiefgehen. Ähnlich wie in einem größeren Staat immer etwas oder jemand Fehler macht, "in der Krise" ist oder "unter Druck" gerät. In der aktuellen Situation sind es eben viele Krisen gleichzeitig. Und zumindest auf den Datenskandal reagiert das Unternehmen ungeschickt.

Schon vorab drohte Facebook dem "Guardian" und der "New York Times" mit Klagen, falls diese in ihren Cambridge-Analytica-Artikeln von einem "Datenleck" schreiben würden. Einschüchterungsversuche gegenüber der Presse gehen aber häufig nach hinten los, so auch in diesem Fall.

Facebook-Zentrale in Menlo Park

Facebook-Zentrale in Menlo Park

Foto: NOAH BERGER / REUTERS

Mittlerweile versucht Facebook, sich als Opfer darzustellen. "Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden", heißt es in der jüngsten Mitteilung, die ein Facebook-Sprecher verbreitete.

Zuckerberg und seine Geschäftsführerin Sheryl Sandberg jedoch haben bislang geschwiegen, selbst gegenüber den eigenen Angestellten. Was eine verheerende Außenwirkung hat, möglicherweise aber klug ist, weil ihre öffentlichen Äußerungen politisch und juristisch relevant werden könnten - für US-Abgeordnete, die FTC, Anteilseigner und so weiter. Jedes ihrer Worte muss also faktisch stimmen. Noch so ein vorschnelles Urteil wie im November 2016, als Zuckerberg den systematischen Missbrauch von Facebook durch ausländische Mächte im US-Wahlkampf als "ziemlich verrückte Idee" bezeichnete, kann er sich nicht erlauben. Erst in den kommenden 24 Stunden, berichteten US-Medien am Mittwoch, werde sich Zuckerberg öffentlich äußern.

Schlechtes Timing: Zuckerberg verkauft einen Teil seiner Aktien

Abseits der Cambridge-Analytica-Enthüllungen sind aber noch andere, für Facebook ungünstige Vorgänge öffentlich geworden: Erst wurde bekannt, dass Zuckerberg am Wochenende einen Teil seiner Facebook-Aktien verkauft hat  - kurz bevor am Montag der Börsenhandel begann und der Aktienkurs wenig überraschend abrutschte. Was man dazu aber wissen muss: Solche Transaktionen sind in der Regel fest terminiert und laufen automatisch ab. Nichts spricht dafür, dass es in diesem Fall anders war.

Dann berichtete die "Los Angeles Times" , Facebook finanziere - wie auch Google und diverse US-Provider - eine Kampagne, mit der ein neues Datenschutzgesetz in Kalifornien verhindert werden soll. Dieses Gesetz würde den Bürgern von Kalifornien mehr Transparenz garantieren, mehr Klagerechte nach Datenpannen sowie Opt-out-Möglichkeiten bei der Verwendung ihrer Daten.

Und all das passiert, während Facebook der Öffentlichkeit und der US-Politik erklären muss, wie es zum Werkzeug antidemokratischer Mächte im Wahlkampf gemacht wurde und wie es so etwas künftig verhindern will. Während Uno-Experten das Unternehmen beschuldigen, als Plattform für Hassbotschaften zum Völkermord an den Rohingya in Burma beigetragen zu haben . Während Rechtsextreme monatelang ungehindert ihr Millionenpublikum auf Facebook für ihre Hetze gegen Muslime nutzen.

Noch ist aber nichts passiert - und vielleicht bleibt das so

Allerdings ist nicht abzusehen, dass die schlechten Nachrichten dazu führen, dass sich bei Facebook etwas fundamental ändern wird. Denn so beschädigt das Unternehmen auf den eingangs erwähnten ersten Blick wirken mag: Auf den zweiten ist eigentlich noch nichts passiert.

Die 50 Milliarden Wertverlust? Das Geld hat es nie gegeben, es hat sich nur nicht materialisiert. Die FTC kann, muss aber keine Strafe verhängen. Die Klage der Anleger könnte scheitern, die Anhörungen von Zuckerberg in den Parlamenten der USA und Europas folgenlos bleiben, sofern sie überhaupt stattfinden.

Ohne anhaltenden politischen Druck könnte Facebook versucht sein, die Situation einfach auszusitzen. Nächste Woche veranstaltet Apple eine Pressekonferenz, vielleicht stellt es neue Produkte vor. Wer redet dann noch über Facebook?

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