Patrick Beuth

Facebook Nehmen ist seliger denn Geben

Mark Zuckerberg will nicht mehr teilen: Facebook wird in Reaktion auf den Fall Cambridge Analytica weniger Nutzerdaten an Dritte geben. Doch dieser Verzicht ist keineswegs ein Opfer.
Facebook-CEO Mark Zuckerberg

Facebook-CEO Mark Zuckerberg

Foto: Nam Y. Huh/ AP

Um den Willen zur Veränderung zu erkennen, den Facebook und sein Gründer Mark Zuckerberg nach dem Datenskandal um Cambridge Analytica an den Tag legen, reicht eine simple Gegenüberstellung: Wie viel weniger Zugang zu Nutzerdaten Facebook künftig Dritten gewährt - und wie viel weniger Nutzerdaten es selbst erheben will.

Das Ergebnis könnte nicht eindeutiger sein: Wer bisher als Anbieter einer externen App oder eines Dienstes auf Nutzerdaten von Facebook zugreifen konnte, kann das ab sofort nur noch mit Einschränkungen  tun. So will Facebook verhindern, dass noch einmal jemand beispielsweise mit einem Persönlichkeitstest die Daten der Teilnehmenden und gleich noch die ihrer Freunde bekommt.

Facebook ist ein eigenes Internet

Außerdem lässt sich das Profil eines Nutzers nicht mehr finden, indem man nur dessen Telefonnummer oder E-Mail-Adresse in der Facebooksuche eingibt - bisher war das ein Standardweg von Datenhändlern, um große Mengen an Telefonnummern oder Mailadressen mit öffentlich zugänglichen Profildaten zu verknüpfen. Facebook teilte dazu übrigens lapidar mit: "Wir glauben, die Profile der meisten Menschen auf Facebook könnten auf diesem Wege abgegrast worden sein." Wie viele sind wohl "die meisten" von mehr als zwei Milliarden?

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Aber an keiner Stelle war bisher die Rede davon, dass das Unternehmen selbst auf Daten verzichtet. Facebook hat schlicht beschlossen, dass Nehmen seliger denn Geben ist. Vor einigen Jahren wären die nun angekündigten Änderungen noch ein Opfer gewesen, das Facebook bringt. Heute sind sie vielmehr ein Zeichen seiner Macht und seiner Stärke.

Denn keiner der bisher verkündeten Schritte - darunter auch die beendete Zusammenarbeit mit bestimmten Datenhändlern - tut dem Unternehmen weh. Facebook hatte sich einst zur mehr oder weniger offenen Plattform für externe App-Entwickler erklärt und den Facebook-Login zur zentralen Identität im Internet, um zu wachsen. Um jedem Internetnutzer einen Grund zu geben, sich ein Profil einzurichten. Um ein eigenes Internet zu werden.

Das hat es mittlerweile geschafft. Deshalb ist es für Facebook jetzt auch kein Problem, das selbst jahrelang beschworene "Teilen" zu beenden oder zumindest zurückzufahren. Die angekündigten und zum Teil schon wirksamen Beschränkungen treffen nur jene, die selbst noch wachsen wollen.

Sichtbar wurde das schon in der vergangenen Nacht, als die Umstellungen in Facebooks Login-Funktion dazu führten, dass sich Nutzer von Tinder nicht mehr in der Dating-App anmelden konnten. Das Problem war nach einigen Stunden behoben, zeigt aber, wie abhängig sich manche Onlinedienste von Facebook gemacht haben.

Facebook zu verkleinern wäre schwierig

Manche werden es einst als historischen Fehler bezeichnen, dass Facebook so lange unreguliert und ungehindert wachsen durfte, bis es allgegenwärtig war. Diesen Fehler nachträglich zu korrigieren, wäre nur noch mit politisch hochnotpeinlichen und rechtlich mindestens hochfragwürdigen Brachialmethoden möglich: Dem Unternehmen Nutzerdaten wegzunehmen, die es längst hat, oder es zu zwingen, WhatsApp oder Instagram abzuspalten, obwohl die Übernahmen schon vor Jahren genehmigt wurden, dürfte praktisch unmöglich sein.

Mark Zuckerberg weiß das. Am Mittwoch hatte er im Telefongespräch mit Journalisten  aus aller Welt drei Botschaften zur Zukunft von Facebook: Erstens: Die jüngsten Boykottaufrufe von Nutzern und Werbetreibenden hatten keine bedeutsamen Auswirkungen. Zweitens: Er sei weiterhin der Richtige, um das Unternehmen zu führen. Drittens: Wenn man etwas nie Dagewesenes wie Facebook aufbaue, wird man eben einige Dinge versemmeln.

Zusammengefasst: Facebook bleibt, wie es ist. Gewöhnt euch dran.

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